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TV-Serie Spochtipedia: Rollstuhlbasketball rockt und rollt

(Trier) Mittendrin statt nur am Rand: TV-Redakteur Andreas Feichtner hat viele Rollstuhlbasketball-Spiele gesehen. Nun hat er sich zum ersten Mal selbst in einen Rollstuhl gesetzt – für einen Erfahrungsbericht. Warum er den Sport nun mit anderen Augen sieht. Dossier zum Thema: Spochtipedia

26.09.2017
Andreas Feichtner
Sie sind schon sehr freundlich, die Amerikaner. Das ist ein Klischee, schon klar, aber hier passt das: Correy Rossi klatscht mich ab, mein Teamkollege der letzten Stunde. „Good job“, sagt er. Das ist nett vom neuen Bundesligaspieler, dem US-Neuzugang der Dolphins. Es mag zwar eine Standard-Floskel sein. Aber er hätte auch giften können: Chancen-Killer! Geh doch zum Schach! Er hätte mich als „His Airballness“ adeln können, diesen Titel hätte ich mir redlich verdient. Bin ich froh, dass niemand das Testspiel gescoutet hat. Dass niemand notiert hat, wie viel drölfmillionenmal ich den Ball völlig freisitzend ans Brett, an den Ring, in die Arena-Luft gepfeffert habe. Ich bin aber auch nicht böse über den „good job!“

Aber von vorne. Anderthalb Stunden zuvor an diesem Montagabend in der Arena Trier. Ich habe mich beim Training der zweiten Mannschaft der Dolphins angekündigt, um selbst mal zu sehen, wie sich Rollstuhlbasketball vom Feld anfühlt, vom Stuhl aus. Dirk Passiwan hat mir einen Sportrollstuhl besorgt. Er will mir einen Schnellkurs geben.

Passiwan ist Nationalspieler, seit gefühlten Jahrzehnten Topscorer der Rollstuhlbasketball-Bundesliga. So wie ich benötigt Dirk zur Fortbewegung im Alltag zwar keinen Rollstuhl. Er kam einst über seinen Vater Otmar zum Sport, einen der RSC-Rollis-Gründer. Dirk kann im Rollstuhl alles, vor allem präzise werfen, in jedem Tempo, aus jeder Distanz. „Setz' dich mal rein und schnall' dich an“, sagt er und kündigt an: „Umkippen wirst du eher nicht.“ Aber Blasen an der Hand, Muskelkater am Rücken oder an den Schultern, darauf könnte ich mich einstellen. Er wird recht behalten.

Erst mal Geradeausfahren üben. Ein paar Bahnen runter, ein paar Bahnen wieder hoch. Auf beiden Seiten gleichmäßig an Rad und Griff drehen. Rollt, das Ding. Zwar nur halb so schnell wie meine Trainingskollegen - darunter Correy Rossi, Jack Davey und Ryan Wright aus dem Bundesliga-Kader der Dolphins. Aber Trier wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut. Jetzt mal lenken. Ein beherzter Griff nach rechts bringt eine halbe Pirouette. Nach einer Weile klappt's halbwegs. Der Sportrollstuhl ist gut zu navigieren, keine Frage, aber Eingewöhnung brauche ich schon.


„Und jetzt mal hiermit“, sagt Dirk Passiwan und wirft mir einen Ball rüber, „mit Dribbeln.“ Langsam wird's knifflig. Multitasking. Ich versuch's. Ich rolle, dribble, rolle, dribble, robbledrille ... Mist, Ball weg! Während ich meine Trockenübungen absolviere , sind die Kollegen beim Wurftraining. „Mach einfach mal mit“, ruft mir Dirk Passiwan zu.

Teamarbeit ist gefragt: in vier, drei, zwei Minuten möglichst viele Punkte aus unterschiedlichen Positionen erzielen. Schon im Stehen bin ich kein Präzisionsschütze. Aber im Sitzen? Geht gar nichts. Der Winkel ist zu steil, für mich jedenfalls, ich muss an meiner Geometrie arbeiten. Bei den ersten Versuchen bin ich schon froh, wenn ich den Ring treffe. Nach einer knappen halben Stunde Schnellkurs darf ich im Trainingsspiel ran. Die Teams sind gemischt. Spieler aus der zweiten und ersten Mannschaft, Damen und Herren. Die meisten, nicht alle, sind auch im Alltag auf den Rollstuhl angewiesen.

Rollstuhlbasketball ist eigentlich ein perfektes Beispiel für Inklusion - es ist nur andersrum als sonst: Nichtbehinderte dürfen bei den Behinderten mitspielen. Damit es gerecht zugeht, gibt es ein Punktesystem, mit dem jeder Spieler je nach seiner Beeinträchtigung bewertet wird. Ich bin ein „Vierkommafünfer“, Klassifizierung 4,5 Punkte, ohne Behinderung, sprich: ein „Fußgänger“. Die Sportler mit der höchsten Behinderungsstufe sind mit 1,0 bewertet.

Nun will ich eigentlich – wenn überhaupt – nur durch mein tapsiges Dribbeln und meinen unrunden Fahrstil auffallen. Aber auch diese moderate Zielsetzung erfülle ich nicht immer: „Hey, das war ein Foul“, sagt mein Gegenspieler Ole. Ich bin ihm in die Seite gefahren, keine Absicht, sorry! Schmerzhaft sind die Zusammenstöße in der Regel nicht, der Rollstuhl schützt auch. Vor allem wird das Sportgerät genutzt, um den Gegner auszubremsen. Wenn mich jemand „zuparken“ will, habe ich keine Chance.

Aber sie sind nett hier, ist ja nur ein Trainingsspiel. Auch wenn mich langsam der Ehrgeiz packt: Ich kann ja nicht jeden Ball verwerfen, wenn ich schon ständig so frei bin – auch, weil Ryan und Jack die Defense irgendwann aus Mitleid einstellen. Wuuusch, da geht auch mal einer durch den Ring, yeah! „Hätte nicht gezählt, das war ein technisches Foul“, ruft Dirk Passiwan. Stimmt, klar, ich habe mich beim Wurf ein bisschen mit den Füßen hochgedrückt. Das ist verboten und unfair, war aber keine böse Absicht. Der Multitasking-Fluch. Die Sache mit der Koordination. Ich versuche, zumindest in puncto Einsatz nicht negativ aufzufallen. „Letzte Minute“, ruft Passiwan. Ein bisschen schade, finde ich, denn ich hatte selten so viel Spaß beim Versagen. Andererseits bin ich auch schon ziemlich platt.

Ich schnalle mich ab, stehe auf. Dirk Passiwan blickt auf den Sitz. „Du kamst ja gut ins Schwitzen“, sagt er und lacht. Wenn ich mir am Samstag den Bundesliga-Auftakt der Dolphins gegen Hannover anschauen werde, weiß ich noch genauer, was an Können und Arbeit dahintersteckt. Und ich habe so viel Spaß, dass ich noch mal auf Anfrage von Dolphins-Manager Günter Ewertz beim Rolli-Training der Kinder, Jugendlichen und (wenigen) Erwachsenen am Freitagmittag vorbeischaue. Schauen, ob das mit dem Dribbeln nun besser klappt. Ein bisschen. „Spielst du nächste Woche noch mal mit?“, fragt mich mein kleiner Teamkollege Mathis. Das wird zeitlich nicht klappen, denke ich mir. Aber das ist eine schöne Verabschiedung. Vielleicht sogar schöner als „good job“.

Info: Was kostet eigentlich ein Sportrollstuhl? „Etwa ab 2500 Euro“, sagt Günter Ewertz vom Dolphins-Management. „Die speziell angefertigten Profi-Rollstühle sogar 7000 bis 8000 Euro.“