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Prostatakrebs: Die jüngeren Männer rücken in den Fokus

Ärzte wägen vor allem bei älteren Patienten mit Prostatakrebs ab, ob ein großer chirurgischer Eingriff sinnvoll ist

(Trier) TV-Serie "Den Krebs besiegen": Das Karzinom der Vorsteherdrüse ist noch immer die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Die Urologen prüfen verschiedene Strategien der Behandlung. Während er bei älteren Männern meist sehr langsam verläuft, findet man bei jüngeren Patienten oft aggressive Verläufe. Dossier zum Thema: Den Krebs besiegen

07.06.2015
Wolfram Goertz
Die Unterschätzung dieser Drüse durch ihren Besitzer zeigt sich darin, dass er sie im Ernstfall bereits für die Erkrankung als solche hält. "Was hast du denn?" - "Ich habe Prostata!" Tatsächlich wird die männliche Vorsteherdrüse in der Regel erst aktenkundig, wenn sie sich entzündet (Prostatitis), vergrößert (Prostata-Hyperplasie) oder bösartig (Prostatakarzinom) verändert. Ansonsten ignoriert man sie geflissentlich - oder fürchtet sie.

Den Krebs besiegen

Kein Mann, der an ordentlicher Weinerlichkeit leidet, hat es gern, wenn der Hausarzt vom Mastdarm aus die kleine Kastanie ertastet, welche die Harnröhre umschließt. Dabei muss es einmal plakativ gesagt werden: Ohne die Prostata wären wir alle nicht da. Mit ihren vielen Einzeldrüsen, aus denen sie besteht, produziert sie ein Sekret, das sich in der Harnröhre mit den Spermien, die aus den Hoden eintreffen, und weiteren Stoffen vermischt; das Prostatasekret bildet etwa 30 Prozent des gesamten Ejakulats.

Die Prostata ist aber auch der größte Killer des Mannes: Ihr Karzinom ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes, und die Prognosen für das Überleben sind, wenn es mit relativ jungen Jahren in einem fortgeschrittenen Stadium nach schnellem Wachstum ausbricht, nicht sehr komfortabel.

Andererseits wird das Prostatakarzinom oft auch überschätzt, weil es zwar ältere Männer befällt, die aber nicht unbedingt behandelt werden müssen: An diesem sogenannten "Haustierkrebs" stirbt man nicht. Höchstens stirbt man mit ihm.

Wann und wie behandeln?

Trotzdem herrscht Unsicherheit, wann man welche Patienten wie behandelt. Denn viele Operationen bescheren den Patienten Nebenwirkungen, die sie fast noch mehr fürchten als den Krebs als solchen: Impotenz und Inkontinenz. Und es gibt auch kaum belastbare Daten dazu, ob eine Operation mit den üblichen Nachbehandlungen die Überlebensdauer des jeweiligen Mannes überhaupt nennenswert verlängert. Denn trotz einer radikalen Entfernung, der sogenannten Prostatektomie, kommt es relativ häufig zu Metastasen. Und der angeblich geheilte Patient wird doch wieder krank und stirbt möglicherweise an den Spätfolgen seines Krebses.

Da denkt mancher zu Recht darüber nach, ob er sich die erweiterte Vorsorge mit den umstrittenen PSA-Messungen und die lähmende Ungewissheit nicht lieber schenkt. Denn die Rechnung scheint ja sehr einfach: In einem hypothetischen Verlauf A wird ein Mann mit 62 Jahren durch ein mehrfach erhöhtes PSA auffällig, obwohl er keinerlei Symptome hat. Dann wird ihm Gewebe im Rahmen einer Biopsie entnommen, bei positivem pathologischen Befund wird er operiert, macht die Nachsorge durch, wird irgendwann von einem Rezidiv und von Metastasen eingeholt - und stirbt mit 67 Jahren. Im Verlauf B verzichtet derselbe Patient auf alle Vorsorge, bekommt mit 65 Jahren die ersten Krebssymptome - und stirbt ebenfalls mit 67 Jahren.

Es liegt auf der Hand, dass Verlauf B für das Seelenleben der angenehmere ist. Andererseits prüfen Urologen derzeit, ob sie nicht von Männern in eher jüngerem Alter einmal einen Basiswert erheben und ihn zur Grundlage einer Risikoabschätzung machen sollen. Der alte Schwellenwert von 4,0 hat ja ausgedient; Urologen betrachten die Werte differenzierter. Liegt der erste gemessene Wert bei unter 1,5, sind die Aussichten auf Krebsfreiheit glänzend, und es reicht eine Kontrolle nach fünf Jahren. Liegt er zwischen 1,5 und 3,0, sollte man vielleicht alle zwei Jahre nachschauen. Ist er noch höher, sind engmaschigere Kontrollen vonnöten. Dabei gilt aber immer: Ein mehrfach erhöhtes PSA ist kein sicherer Indikator für ein Prostatakarzinom, er kann auch andere Ursachen haben. Umgekehrt findet man bei fast jedem Mann mit einem Prostatakrebs auch ein deutlich erhöhtes PSA.

Die jüngeren Männer sind als Zielgruppe so wichtig, weil bei ihnen das Prostatakarzinom oft aggressiv verläuft und in einem spät entdeckten Stadium kaum noch geheilt werden kann. Sie rücken mehr und mehr in den Fokus einer um Heilung bemühten Medizin.

Medizin hat mehr Optionen

Das Blasenkarzinom ist ebenfalls ein Männerkrebs: Es ist der viert häufigste Tumor des Mannes, bei den Frauen liegt er nur an zehnter Stelle. Bei Männern finden sich rund 30 Neuerkrankungen pro Jahr auf 100 000 Männer. Wird er früh erkannt, sind die Heilungschancen gut. Das gilt erst recht für das Hodenkarzinom, das schnell Beschwerden macht und deshalb rasch entdeckt, diagnostiziert und operiert wird. Bei Darmkrebs liegt die Sache wiederum anders. Da sich die nach dem Lungenkarzinom dritthäufigste Tumorerkrankung sehr langsam aus Darmpolypen entwickelt, könnten theoretisch 90 Prozent der Erkrankungen verhindert werden, wenn Männer die Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen würden.

In jedem Fall gilt für alle diese Krebsarten: Die moderne Medizin hat deutlich mehr Optionen, auch in späteren Zeiträumen einer Krebserkrankung noch eine gute Lebensqualität des Patienten zu gewährleisten.
Autor Wolfram Goertz ist promovierter Mediziner und Redakteur bei der Rheinischen Post.
TV-Serie Den Krebs besiegen
Dem Thema Prävention und Behandlung von Darmkrebs widmen wir den nächsten Teil unserer Serie am kommenden Donnerstag, 12. Juni. Alle Serienteile und weitere interessante Beiträge und Tipps zum Thema Krebs auf http://www.volksfreund.de/krebs
Extra: Kontaktadressen
Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz e.V., Telefon 0651/40551, www.krebsgesellschaft-rlp.de:
Trier Mama/Papa hat Krebs (Carlita Metzdorf-Klos, Psychoonkologin, Kornelia Huber, Psychoonkologin).
Gemeinsam in die Zukunft blicken - Gesprächsgruppe für junge Erwachsene (18 bis 27 Jahre; Lena Brandner, Psychoonkologin). Gesprächsgruppe für Angehörige (Carlita Metzdorf-Klos, Psychoonkologin).
Offene Gesprächsgruppe für Betroffene (Carlita Metzdorf-Klos, Psychoonkologin). Gesprächsgruppe Lungenkrebserkrankte Trier (Kornelia Huber, Psychoonkologin).
Café Horizont - Für Angehörige, die ein an Krebs erkranktes Familienmitglied im Sterben begleitet oder verloren haben. Männer und Krebs - Gesprächsrunde mit Betroffenen für Betroffene (Jan Scholtes).
Eifel Offene Gesprächsgruppe Bitburg (Eline Graf). Offene Gesprächsgruppe Daun. Offene Gesprächsgruppe Neuerburg (Suzana Krizman, Psychoonkologin).
Gesprächskreis für Betroffene Prüm (Suzana Krizman, Psychoonkologin).
Mosel Offene Gesprächsgruppe für Betroffene Wittlich/Bernkastel (Carlita Metzdorf-Klos, Psychoonkologin).
SHG Prostatakrebs Trier und Vulkaneifel: Trier Walter Mangrich, Telefon 06501/16500; Vulkaneifel/Daun Werner Warmulla, Telefon 06592/3480.
SHG Prostatakrebs Idar-Oberstein/Kirn e.V.: Wolfgang Fuchs, Telefon 06784/1298.
SHG Hirntumor Trier: Alfred Mayer, Telefon 0651/99476405.
Bezirksverein der Kehlkopfoperierten Trier e.V.: Winfried Hesser, Telefon 0651/1700163, www.kehlkopflose-trier.de red
Extra: Tumormarker
Das prostataspezifische Antigen (PSA) ist ein Tumormarker, der im Blut gemessen wird. Liegt der Wert über dem Normwert, kann das auf eine Tumorerkrankung der Prostata hindeuten. Aussagekräftiger als ein einzelner Wert ist jedoch die Entwicklung des PSA-Werts. Der PSA-Test wird zu Früherkennungszwecken bislang nicht von den gesetzlichen Krankenversicherungen bezahlt, sondern nur bei konkretem Tumorverdacht. red
Quelle: Das Handbuch gegen Krebs (ISBN 978-3-89883-448-3)