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Der Mörder kam durch die Haustür

(Morbach) Vor 50 Jahren wurde die Morbacherin Anna Wilbert in ihrem Haus getötet Dossier zum Thema: Morde

06.03.2017
Rolf Seydewitz
Morbach Es ist ein früher Samstagabend im September 1967, als Anna Wilbert in der Nähe ihres am Ortsrand von Morbach gelegenen Hauses das letzte Mal lebend gesehen wird. Irgendwann in den Stunden danach muss die 59-Jährige ihrem Mörder die Tür geöffnet haben. Oder waren es womöglich sogar zwei Täter, denen die allein lebende Frau seinerzeit gegenüberstand? Wolfgang Schu hält das keineswegs für ausgeschlossen.

Der Kriminalhauptkommissar sitzt ein halbes Jahrhundert nach dem Gewaltverbrechen in seinem Büro im Trierer Morddezernat und geht die Akten seiner Kollegen von damals noch einmal durch. "Es kribbelt immer", sagt der 60-jährige Ermittler, "die Betrachtung eines alten Kriminalfalls ist hochinteressant."

Wolfgang Schu hat sich die alten Akten nicht aus Lust und Laune noch einmal vorgeknöpft. Seit Mitte vergangenen Jahres ist der Trierer Ermittler zuständig für den Fall. Da Mord nicht verjährt, kommen unaufgeklärte Fälle auch nicht zu den Akten. Nach Angaben von Kommissariatsleiter Christian Soulier kümmert sich jeder seiner Ermittler neben der normalen Arbeit um ein, zwei Altfälle. Und Wolfgang Schu hat jetzt eben den Fall Anna Wilbert auf dem Tisch.

Die 59-jährige Morbacherin wird am 25. September 1967 gegen 6.40 Uhr tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Eine Bekannte Anna Wilberts hatte den Schwager gerufen, nachdem sie an diesem frühen Montagmorgen vergeblich an die Tür des alten Hauses geklopft hatte. Die beiden Frauen arbeiten gemeinsam in einer Morbacher Handschuhfabrik.

Über eine an die Hauswand angelehnte Leiter steigt der Schwager in das Haus ein und macht schließlich in einem hinter der Küche gelegenen Räumchen die schreckliche Entdeckung. Die Leiche seiner Schwägerin liegt in einer Blutlache auf dem Boden. Anna Wilberts Kopf weist schwerste Schädelverletzungen auf. Die Obduktion in Bernkastel ergibt später, dass die 59-Jährige an den Folgen brutaler Misshandlungen mit äußeren und inneren Verletzungen gestorben ist.

Weil in der Wohnung Kampfspuren gefunden werden, folgern die Ermittler damals, dass sich das Opfer ebenso verzweifelt wie vergeblich zu Wehr gesetzt haben muss. Als mutmaßliches Tatwerkzeug stellen die Kripobeamten einen stabilen Teekessel sicher, dessen Ausgussschnabel abgebrochen ist.

War es ein Raubmord? Ein Sexualverbrechen? Oder die Tat eines Serienkillers? Erst zweieinhalb Wochen zuvor war in Trier eine 53 Jahre alte Frau getötet worden. Auch sie lebte allein - genau wie Anna Wilbert. Die beiden Ermordeten sollen miteinander verwandt gewesen sein, wird spekuliert. Die Eltern eines im Zusammenhang mit dem Trierer Mord festgenommenen Tatverdächtigen - der später das Trierer Verbrechen auch gesteht - sollen aus Morbach stammen, lautet eine andere Spekulation. Nichts davon ist wahr. Dann heißt es, dass Anna Wilbert vermögend gewesen sei und es auch Erbschaftsstreitigkeiten gegeben haben soll. Die 59-Jährige hatte sechs Geschwister, von denen damals fünf noch am Leben waren. Anna Wilbert lebte alleine im Elternhaus. "Richtig ist, dass es damals Erbschaftsangelegenheiten gab", sagt Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schu, der hörbar darum bemüht ist, den Zusatz Streitigkeiten zu vermeiden. War Anna Wilbert denn reich? "Sie war nicht arm", sagt der Trierer Mordermittler, "aber wohlhabend war sie auch nicht." Zwei Wochen nach dem Gewaltverbrechen wird ein 57-jähriger Verwandter der Ermordeten wegen dringenden Tatverdachts festgenommen. Nach mehrstündiger Vernehmung und einer Nacht in der Zelle wird der Morbacher wieder freigelassen. Es hätten sich keine Anhaltspunkte ergeben, durch die ein Haftbefehl gerechtfertigt gewesen wäre, heißt es anschließend.
Danach werden die Schlagzeilen über das blutige Gewaltverbrechen in der Hunsrückgemeinde immer kleiner, bis das Thema schließlich ganz aus den Medien verschwindet. Fast 50 Jahre liegt der Mord an Anna Wilbert inzwischen zurück. Und der oder die Täter sind immer noch nicht identifiziert.
RüCKBLICK, AUSBLICK UND VIDEO
(sey) Der Mord an der Morbacher Arbeiterin Anna Wilbert ist der zweite Fall in der neuen Volksfreund-Serie über ungelöste Verbrechen in der Region Trier. Im ersten Teil (TV vom 1. Februar) berichteten wir über den Mord an der Kölner Prostituierten Simone Dewenter. Auch im dritten Teil geht es um ein noch ungeklärtes Gewaltverbrechen. Zu jeder Folge sind im Internet unter volksfreund.de/morde weitere Informationen abrufbar. Dort gibt es zum 50 Jahre zurückliegenden Gewaltverbrechen an der 59-jährigen Anna Wilbert auch ein längeres Video-Interview mit dem zuständigen Ermittler der Trierer Mordkommission, Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schu.
BELOHNUNG FüR HINWEISGEBER
(sey) Für Hinweise zum Gewaltverbrechen an Anna Wilbert hat die Trie rer Kriminalpolizei ein Telefon (0651/9779-2480) geschaltet. Vertrauliche Hinweise können auch unter Tel. 0152-28854968 und per E-Mail unter kdtrier.hinweisaufnahme@polizei.rlp.de gegeben werden. Führen sie zur Aufklärung des Verbrechens, gibt es eine Belohnung von 2500 Euro. Die Ermittler interessieren sich u.a. für die Frage, ob es Menschen gibt, denen mögliche Hinweise auf die Tat oder deren Hintergründe zu Ohren gekommen sind.