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Marine Le Pen zeigt, dass sie noch gewinnen kann

(Paris) Wie die Rechtspopulistin in der Nationalversammlung auftreten will, war bereits am Wahlabend zu sehen.

20.06.2017
Christine Longin
Paris "Marine" brüllte die Menge im überhitzten Gemeindesaal von Hénin-Beaumont, als am Sonntagabend um 20 Uhr die ersten Hochrechnungen veröffentlicht wurden. Da war nämlich klar, dass die zweite Runde der Parlamentswahlen kein Debakel für den Front National werden würde. Sechs Abgeordnete verkündete Parteichefin Marine Le Pen wenig später strahlend. Acht sollten es am Ende sein, die 48-Jährige eingeschlossen.
Nach ihrer Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen zeigte die Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen, dass sie noch gewinnen kann. 58,6 Prozent schaffte sie als Kandidatin in ihrem nordfranzösischen Wahlkreis Hénin-Beaumont, in dem sie vor fünf Jahren ein Mandat noch knapp verpasst hatte. Als Marine Le Pen dann gegen halb neun vor ihre Anhänger trat, stimmten diese den alten Schlachtruf "Wir werden gewinnen" an.
Auch die Parteichefin schien mit ihrem Sieg wieder in den Wahlkampfmodus zu schalten, den sie in den nächsten fünf Jahren beibehalten dürfte. "Die Wahl von Emmanuel Macron scheint das Land in einen Zustand der Verdrossenheit versetzt zu haben", kommentierte sie in aggressivem Ton die niedrige Wahlbeteiligung, die sich auch bei ihren eigenen Wählern bemerkbar machte. Vergessen schien ihr blamabler Auftritt im Fernsehduell gegen den späteren Präsidenten. Vergessen auch die Tatsache, dass der FN zwischen den Präsidentschafts- und den Parlamentswahlen mehr als vier Millionen Wähler verloren hatte. "Wir sollten nicht den Sieg feiern, denn der FN hat einen schweren Schlag vor den Bug bekommen", dämpfte Gilbert Collard, der im südlichen Gard knapp gegen die ehemalige Stierkämpferin Marie Sara gewann, die Begeisterung.
Doch solche Stimmen gingen in der Erleichterung unter, dass das Ergebnis für den FN nicht noch schlechter ausgefallen war. Umfragen waren zuletzt von nur zwei bis fünf Sitzen ausgegangen. "Wir sind die einzige Widerstandskraft gegen eine Auflösung Frankreichs", lobte sich Le Pen selbst. Die Projekte der Regierung will sie mit aller Kraft bekämpfen.
In der Nationalversammlung wird die Rechtspopulistin allerdings Schwierigkeiten haben, sich Gehör zu verschaffen. Denn sie verpasste den Fraktionsstatus, der bei 15 Sitzen liegt, und hat damit nur eine sehr eingeschränkte Redezeit. Als offiziell "parteilose" Parlamentarierin wird die 48-Jährige in der letzten Reihe sitzen wie bisher auch ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen.
Allerdings ist die FN-Gruppe in der nächsten Legislaturperiode viermal so stark wie noch 2012. Neben Le Pen schaffte es auch ihr Vize und Lebensgefährte Louis Aliot ins Palais Bourbon. Für die Parteichefin ist der Einzug in die Assemblée Nationale wichtig, verschafft er ihr doch parlamentarische Immunität. Damit ist sie vor Ermittlungen, beispielsweise in der Affäre um Scheinbeschäftigung im Europaparlament, sicher. Le Pen saß seit 2004 in der Straßburger Vertretung und gibt ihr Mandat nun für den Wechsel in die Assemblée Nationale auf.
Mehr Ärger als die Justiz dürfte der 48-Jährigen in den nächsten Wochen der Umbau des FN bereiten.
Heute kommt das Politbüro zusammen, um über die Konsequenzen aus den Parlamentswahlen zu beraten. Zu dem Termin hat sich auch der mit seiner Tochter zerstrittene Ehrenvorsitzende Jean-Marie Le Pen angekündigt. "Er wird nicht reinkommen", drohte die Parteichefin ihrem Vater bereits. In der Familiensaga Le Pen droht also ein weiteres Kapitel.