ausallerwelt/themendestages

Mit Feuerwerk auf Mängel hingewiesen

(Cattenom) Mehrere Aktivisten der Umweltschutzor- ganisation Greenpeace dringen in die Sicherheitszone des Atomkraftwerks Cattenom ein.

13.10.2017
Bernd Wientjes
Cattenom 5.37 Uhr gestern morgen. Es ist dunkel und diesig, als 15 Männer und Frauen mit einfachen Leitern über einen Zaun des Kernkraftwerks Cattenom in Lothringen klettern. Auch das Überwinden des zweiten Zauns stellt kein Problem dar. Zunächst unbehelligt stehen sie an einem Gebäude.
Darin befindet sich das sogenannte Abklingbecken, in dem sich abgebrannte, aber noch immer hoch radioaktive Brennelemente befinden. Die bis dahin Unbekannten zünden vor dem Gebäude Feuerwerkskörper. Auf einem Video, das nach der Aktion im Internet veröffentlicht wird, ist zu sehen, wie über dem Kraftwerk mehrere Leuchtraketen explodieren und das Gebäude in einem unwirklichen Licht erscheinen lassen. Erst fünf Minuten nachdem die Eindringlinge über den zweiten Zaun geklettert sind, erscheint der Sicherheitsdienst des Kernkraftwerks. Dieser hat die örtliche Polizei informiert. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Polizeiwagen vor ein Tor fährt, zwei Polizisten aussteigen und in dem Moment auf der anderen Seite des Zauns Männer ein gelbes Transparent ausrollen und hochhalten. Greenpeace steht darauf.
Aktivisten der Umweltschutzorganisation ist mit dem Eindringen in die Sicherheitszone des Atomkraftwerks Cattenom und dem Abfeuern von Feuerwerkskörpern unmittelbar neben dem Abklingbecken ein Coup gelungen. Sie wollten damit auf mangelnde Schutzvorkehrungen aufmerksam machen. "Fünf Minuten hätten Angreifern gereicht, einen terroristischen Anschlag zu verüben", sagt Philippe Schockweiler. Er ist Sprecher von Greenpeace Luxemburg. Von dort wurde die Aktion gemeinsam mit Umweltschützern in Frankreich geplant. Die Polizei habe die Aktivisten auf dem Kraftwerksgelände festgenommen und zu verschiedenen Dienststellen gebracht, sagt Schockweiler.
Der Kraftwerksbetreiber, der französische Energiekonzern EDF, hat in einer ersten Stellungnahme davon gesprochen, dass die "Militanten" außerhalb der Kernzone und der Gebäude geblieben und direkt nach dem Eindringen von der Polizei "abgefangen" worden seien. Laut Schockweiler, der die Aktion beobachtet hat, konnten sich die Greenpeace-Mitglieder aber mindestens fünf Minuten unbehelligt in dem Sicherheitsbereich bewegen. Olivier Lamarre, stellvertretender Direktor der EDF-Kernkraftwerke, spricht davon, dass die Aktivisten mit ihrem Leben gespielt hätten, und das nur für eine Kampagne. "Sie riskieren mehrere Jahre Gefängnis und mehrere Zehntausend Euro Geldstrafen", sagte er gegenüber französischen Medien. Auch bei Greenpeace geht man davon aus, dass die Aktivisten in Frankreich angeklagt und bestraft werden.
Die gestrige Aktion steht im Zusammenhang mit einer Studie, die Greenpeace am Tag zuvor veröffentlich hat. Darin wird auf Sicherheitsmängel bei den Abklingbecken in französischen und auch in belgischen Kernkraftwerken hingewiesen. Anders als bei deutschen Anlagen befänden sich diese nicht innerhalb der Betonschützhülle der Reaktoren, sondern in "einer nicht besonders dickwandigen Lagerhalle". Damit seien die Becken, in denen die abgebrannten Kernelemente abkühlen, nicht vor terroristischen Angriffen geschützt, heißt es in der Studie, deren Details Greenpeace nach eigenen Angaben aus Sicherheitsgründen nur den französischen Behörden und dem Betreiber der Kraftwerke zur Verfügung gestellt hat. Die Gefahr sei real, "die Möglichkeiten für einen Angriff sind gewachsen", heißt es in der Studie. Und weiter: "Jeder Selbstmordattentäter kann mit einer Panzerfaust, einem Sprengstoffgürtel, ja selbst mit einem mittelgroßen Lastwagen ein Abklingbecken in eine atomare Bombe verwandeln, wenn er das will." Das Wasser in dem Tank des Beckens sei deutlich höher verstrahlt als das Innere des Reaktorbehälters, sagt Schockweiler. Durch ein Loch könnte es in die Umwelt gelangen.
Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) zeigt sich besorgt. Die Aktion zeige, "der Pannenreaktor ist sehr schwach gegen Angriffe von außen gesichert". Die "unterschätzten Gefahren" durch, zum Beispiel, kriminelle Attacken seien nur eine der bekannten Risiken.
"Die ständigen Meldungen über Feuerwehreinsätze, Verstöße gegen die Betriebsvorschriften oder mangelhaften Schutz gegen Erdbeben belegen stets aufs Neue: Atomenergie ist keine beherrschbare Technologie." Daher unternehme die Landesregierung seit Jahren "alles in ihrer Kraft stehende, um eine baldmöglichste und endgültige Abschaltung des Pannenreaktors zu erreichen" so Höfken. Ob sich das Land einer Klage gegen Cattenom anschließt, stehe aber noch immer nicht fest.