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Suche nach dem Glück: Trierer Professorin erzählt, warum Optimisten das schönere Leben haben

(Trier) Die Positive Psychologie ist in Deutschland noch ein junger Forschungszweig. Ein Gespräch mit der Präsidentin der ersten deutschen Forschungsgemeinschaft, die sich damit befasst, zeigt: Auch im Alltag kann man viele der Erkenntnisse prima gebrauchen.

20.05.2016
Katharina de Mos
Trier. Die einen sagen, Nudeln machen glücklich. Die anderen schwören auf Schokolade, auf Geld, Sex, Sport, gute Gespräche, Liebe, milde Gaben, auf ein einfaches Leben oder die Kunst, sich selbst zu finden. Seit kurzem sucht auch eine neue, in Trier gegründete Forschungsgemeinschaft Antworten auf die Frage, wie der Mensch ein besseres, glücklicheres Leben führen kann. Die Wissenschaftler der in Deutschland noch jungen Positiven Psychologie untersuchen empirisch, was das Wohlbefinden steigert. In Trier diskutieren an der Universität aktuell rund 100 Tagungsteilnehmer darüber.
Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv Psychologische Forschung ist die Trierer Professorin Michaela Brohm, Dekanin des Fachbereichs für Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie. Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat mit ihr darüber gesprochen, wie man die Erkenntnisse des jungen Forschungszweigs nutzen kann.

Was steigert das Wohlbefinden?
Erstens: positive Gefühle. Zweitens: wenn man für etwas brennt und sich engagiert. Drittens: wenn man positive Beziehungen aufbaut. Viertens: wenn man einen Sinn findet für das, was man tut. Brohm nimmt das Beispiel einer Putzfrau, die die Krebsstation eines Krankenhauses reinigt und dort täglich großes Leid sieht. Auf die Frage, warum sie sich das antue, habe die Frau geantwortet: "Ich mache hier nicht den Dreck weg, sondern ermögliche es den Patienten, menschengerecht zu sterben." "So ist das, wenn man der Sache einen Sinn gibt", sagt Brohm. Fünftens: wenn man wirksam ist und sich Ziele setzt.

Macht Geld glücklich?
Schon oft wurde untersucht, ob Geld glücklich macht. Die gängige Antwort lautet: nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn erst einmal ein Wohlstand erreicht ist, mit dem sich alle Grundbedürfnisse gut befriedigen lassen, führt mehr Geld nicht zu mehr Wohlbefinden. Die Trierer Sozialpsychologin Prof. Eva Walther erläutert während der Trierer Tagung, wie sich das Glück durch Geld dennoch weiter steigern lässt: Nämlich dann, wenn man es nicht für den eigenen Konsum ausgibt, sondern um anderen etwas Gutes zu tun.

Diese Typen sollte man meiden
Michaela Brohm ist fest davon überzeugt, dass alle, die einigermaßen gesund sind, sich gerne entwickeln wollen und sich einen Teil ihrer kindlichen Neugierde bewahren. Allerdings kann es sein, dass sie an Menschen geraten, die sie lähmen. Folgende Typen rauben Energie: Menschen, die dauernd Kritik äußern und keine Wertschätzung geben, und solche, die ständig Bedenken gegen neue Entwicklungen haben. Auch, wer im Schatten einer dominanten Persönlichkeit lebt, wird laut Brohm in seiner Entwicklung gelähmt.

Der Tod und die positive Psychologie
Der Tod ist hart und endgültig. Wie soll man denn Hoffnung hegen oder positive Gefühle entwickeln, wenn man den liebsten Menschen verloren hat? Brohms Rat lautet: Man sollte die Trauer annehmen und versuchen, dem Tod und der vergangenen Zeit einen Sinn zu geben. So werde es leichter, damit umzugehen. Sinn sei eine entscheidende Größe. Der zweite große Faktor sei die Hoffnung. Und Hoffnung habe viel mit Wahrnehmung zu tun. Es sei gut, sich zu öffnen für die Schönheit kleiner Gesten - wie eine Freundin, die Kuchen vorbeibringt oder die Schönheit der Natur. "Wenn man es schafft, sich wieder zu öffnen, dann schafft man es auch, positive Gefühle zuzulassen."
Psychologisch unglaublich wirksam sei das Schreiben. "Schreib einfach mal alles auf, wofür du dankbar bist, dann wird dir plötzlich klar, wie reich dein Leben ist", sagt Brohm.

Warum es lohnt, Optimist zu sein
"Das Leben ist einfach schöner, wenn ich denke, es entwickelt sich positiv", sagt Brohm. Aber nicht nur das. Studien zeigen, dass es gravierende Folgen hat, Pessimist zu sein: Eine pessimistische Sicht macht einsam, zieht Misserfolg an, was ein niedriges Einkommen mit sich bringt, und ist belastend für den Körper. "Pessimisten haben deutlich öfter Herzinfarkte", sagt die Präsidentin der Forschungsgemeinschaft. Positive Gefühle hingegen können bewirken, dass man erfüllter lebt, mehr Leistung bringt, ein höheres Einkommen hat und gesünder ist. Selbstüberschätzung bringt freilich nichts. Brohm rät zu einem realistischen, leicht positiven Selbstbild. Und dazu, davon auszugehen, dass man das, wozu man jetzt noch nicht in der Lage ist, lernen kann. Also: einfach offen sein für neue Erlebnisse und ein bisschen mehr Risiko wagen!

Vom Umgang mit Angst
Was rät die Positive Psychologie einem Menschen, der Angst hat, zum Beispiel vor einer Operation? "Zunächst einmal sollte er sich eingestehen: ,Ich habe Angst’", sagt Brohm. Zudem ist in dieser Situation "heldenhaftes Verhalten" gefragt: Der Kranke muss kurzfristig negative Effekte in Kauf nehmen, damit es ihm langfristig besser geht. Gar nicht so einfach. Denn der Wissenschaftlerin zufolge sind dabei zwei ganz unterschiedliche Hirnbereiche gefordert. Das limbische System sei für die ganz schnellen Impulse zuständig. Es rät bei Angst zur Flucht. Zum Glück gibt es noch den Frontalllappen, der uns in die Lage versetzt, zu reflektieren und uns für das zu entscheiden, was langfristig sinnvoll ist.

Völlig falsches Leistungsdenken?
In ihrer eigenen Arbeit analysiert die Lehr-Lern-Forscherin Michaela Brohm, wie die Erkenntnisse der Positiven Psychologie das Bildungswesen und die Arbeitswelt verbessern könnten. Ihre Motivationsforschung kreist um die Frage, wie Menschen wachsen können.
Brohms Ansicht nach ist das Bildungssystem in Schieflage. Denn es schaut auf die Fehler von Schülern und Studenten und nicht auf ihren Fortschritt und ihre Entwicklung.
Brohm fordert, Leistung neu zu definieren. Das aktuelle, rein an Effektivität orientierte Leistungsparadigma (Leistung gleich Arbeit durch Zeit) orientiere sich nicht am Wohlergehen des Menschen und führe so zu zahlreichen Fehlentwicklungen: Pseudo-Eliten, die auf Lug und Trug setzen (VW-Skandal, Gammelfleisch), immer mehr Menschen, die unter Depressionen oder Burnout leiden und deshalb im Job lange fehlen, Schüler und Studenten, die sich ritzen oder magersüchtig werden.
"Wollen wir die Leistungsfähigkeit erhalten, wollen wir ein menschengerechtes Leben führen, brauchen wir ein neues Leistungsparadigma, nämlich eines, welches das Wohlbefinden einschließt", sagt Brohm. Kurz: Leistung ist Arbeit mal Wohlbefinden durch Zeit. Das Wohlergehen sollte an erster Stelle stehen, sagt Brohm. "Es wäre toll, wenn wir ein gesellschaftliches Umdenken anstoßen könnten."

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Extra
Tipps zum Glücklichsein: Man kann etwas für sein Glück tun. "Wer andere Menschen glücklich macht, fühlt sich selbst glücklich", sagt Glücks-Experte Stephan Lermer. Also: Wenn man anderen hilft oder sie beschenkt. Häufig hat das Gefühl von Glück auch mit Leistung zu tun. Wenn man eine gute Note schreibt oder ein Tor beim Fußball schießt, macht das glücklich. "Du könntest dir Ziele setzen und dann versuchen, diese Ziele zu erreichen", rät Stephan Lermer. Glücklich zu sein fängt aber auch bei der Art an, wie wir die Dinge sehen. "Der größte Glückskiller ist es, sich mit anderen zu vergleichen", erklärt Lermer. Es gibt immer Menschen, die mehr haben, mehr dürfen, mehr können und schöner sind als man selbst. "Es hilft, zu sehen, was man selber kann und hat." dpa
Extra
Wo sind die Menschen am glücklichsten? Laut UN-"World Happiness Report" von 2016 sind es unsere Nachbarn in Dänemark. In der Liste von 158 Staaten folgen die Schweiz, Island und Norwegen. Die Bundesrepublik belegt Rang 16. - Eine Befragung von Zwölfjährigen in 15 Staaten zeigt: Die glücklichsten Kinder leben in Rumänien. Es folgen junge Kolumbianer und Israelis. Die deutschen Zwölfjährien erreichen nur Platz 10. Was macht glücklich? Im "World Book of Happiness" zählen Forscher Faktoren für Glück auf: eine stabile Liebesbeziehung, Gesundheit, ein den eigenen Fähigkeiten entsprechender Beruf, Freunde, Kinder und Geld für Grundbedürfnisse. Die Vereinten Nationen nennen ganz einfache Grundbedingungen für Glück: mindestens 2500 Kalorien und 100 Liter Wasser am Tag zur Verfügung, mindestens sechs Quadratmeter Wohnraum, ein Platz zum Kochen sowie sechs Jahre Schule. Ist das Glück naturwissenschaftlich zu fassen? Es gibt eine "Chemie des Glücks" - oder prosaisch ausgedrückt: Interaktionen zwischen Hormonen und Nerven im Gehirn. Wer frisch verliebt ist, schüttet die "Glücksstoffe" Oxytocin und Phenylethylamin sowie körpereigene Endorphine wie Dopamin und Serotonin aus. Neurologen sind sicher, dass das Glücksgefühl immer wieder abflauen muss. "Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, dauernd glücklich zu sein", sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer von der Uni-Klinik Ulm: "Aber es ist süchtig danach, nach Glück zu streben". dpa

 

 

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