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Wenn das Telefon jederzeit schrillen kann

(Wittlich/Trier/Mainz) Wie Vollzugsbeamte im Land ihre tägliche Arbeit mit Gefangenen erleben - und was sich ihrer Meinung nach dringend ändern muss.

11.11.2017
Florian Schlecht
Schrillt freitags das Telefon, muss Stefan Wagner oft gar nicht auf die Nummer gucken, um zu wissen, wer am anderen Ende der Leitung spricht. Oft meldet sich sein Arbeitgeber. Wagner arbeitet bei der Justizvollzugsanstalt in Wittlich (JVA), deren tägliches Geschäft die Arbeit mit Gefangenen ist. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr. Im Gespräch mit dem TV erzählt der Ortschef des Bundes der Strafbediensteten (BSBD), dass er es immer häufiger erlebe, der Familie versprochene Ausflüge absagen zu müssen. Was für Frust sorge.

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Die personelle Lage in Wittlich ist trist, die in den anderen Gefängnissen im Land aber auch. Laut Anstaltschef Jörn Patzak fehlen derzeit elf Kräfte in Wittlich, was oft auf die Vollzugsbeamten zurückfällt, die in den Gefängnissen arbeiten, wie Wagner sagt. Kommt ein Straftäter plötzlich ins Krankenhaus und braucht Überwachung, muss ein Beamter einrücken. Fällt ein Mitarbeiter krank aus, muss Ersatz her. Und das kommt immer häufiger vor, sagt Patzak. Vor wenigen Jahren habe die Krankheitsquote in Wittlich noch bei sechs, sieben Prozent gelegen, nun laufe sie schon schnurstracks auf die elf Prozent zu. Als Grund dafür sieht Wagner auch die Überlastung. "Alles ist auf Kante genäht", sagt er. Auch die Gefangenen spürten die Not. "Wenn ein Insasse am Telefon erfährt, dass sein Kind schwerkrank ist, sind wir die erste Bezugsperson, die zuhört und tröstet", sagt er. Zugleich fehle in solchen Fällen aber eine Kraft, die andere Gefangene beim Sport betreuen könne.

"Für die Öffentlichkeit mag das nicht dramatisch klingen", sagt Jörn Patzak. "Aber wir reden hier von Menschen, bei denen das Leben draußen aus dem Ruder läuft, die Ehe kaputt geht, die sich Sorgen um ihre Kinder machen", stellt er klar. "Hier ist immer Druck auf dem Kessel. Und es braucht ein Ventil, diesen rauszulassen." Ansonsten, so warnen Kritiker, steige die Gefahr, dass manchem Insassen mal der Kragen platzen könne - und es zu Gewaltakten kommt. Dieter Burgard, der Bürgerbeauftragte des Landes, stimmt zu. Der Wittlicher berichtet, Gefangene hätten ihm Petitionen übergeben, in denen sie über monatelange Ausfälle der Sport- und Freizeitaktivitäten klagten - und über zu wenig Personal.

Jörn Patzak hofft, dass das Land die Zeichen der Zeit erkennt. Er könne offene Stellen zwar mit zeitlich befristet angestellten Tarifbeschäftigten besetzen, die angelernt und später als Anwärter eingestellt werden. Das Problem: "Mangels Plätzen für Anwärter kann ich nicht jedem eine Perspektive bieten, was in ein, zwei Jahren passiert." Einem Handwerker, der dann mit 30 Jahren aus seinem Beruf aussteigen müsse, sei das Risiko oft zu hoch.

Die Krux für die Vollzugsanstalten: Haben sie zu wenig Nachwuchs, können sie nicht Abgänge auffangen, die durch den Pensionseintritt wegbrechen. Der Beruf sei immer noch attraktiv und biete eine Stelle im öffentlichen Dienst, meint Patzak. "Doch wenn nichts passiert, laufen wir personell immer mehr ins Minus." BSBD-Landesvorsitzender Winfried Conrad mahnt auch bessere Bezahlung an. Wer in Hessen in den Vollzug einsteige, verdiene bis zu 108 Euro mehr, in Bayern sogar bis zu 250 Euro, bei Gefahrenzulagen gehöre Rheinland-Pfalz deutschlandweit zu den Kellerkindern, klagt er.

Nikolaus Adam, Vollzugsbeamter in Trier, fordert Gehaltssprünge. Zumal der Umgang mit Gefangenen schwieriger werde. Immer häufiger spielten Drogen eine Rolle, der Anteil an ausländischen Gefangenen sei gewachsen - und damit auch die Verständigungsprobleme. Adam: "Das Land sollte mal Mitarbeiter anonym befragen, wie die Zustände in den Gefängnissen sind." Das klingelnde Telefon wäre dann nur eine der vielen unangenehmen Antworten.