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Womöglich nur knapp an einer Katastrophe vorbei

Cattenom: Seit Jahren fehlt Ventil an Kühlbecken - Experten entsetzt über mangelnde Sorgfalt - Ministerin: Gefahr ignoriert

(Cattenom) Es ist der erste offiziell bestätigte Störfall im Kernkraftwerk Cattenom seit 2004: Ein fehlendes Ventil in einem Kühlbecken hätte zu einer Wasserstoffexplosion wie im japanischen Atomkraftwerk Fukushima führen können, sagen Experten.

07.02.2012
Bernd Wientjes
Cattenom. Als der Direktor des Atomkraftwerks Cattenom, Stéphane Dupré-La-Tour, am Sonntag zum Neujahrsempfang ins Casino der lothringischen Stadt Thionville geladen hatte, wusste noch keiner der anwesenden Vertreter aus Lothringen, dem Saarland und aus Luxemburg, dass schon einen Tag später das Kraftwerk mal wieder negative Schlagzeilen machen sollte. Die französische Atombehörde ASN stufte einen am 18. Januar von Ingenieuren der Anlage entdeckten Fehler nachträglich als Störfall der Klasse zwei (siehe Extra) ein.
Eine solche Klassifizierung ist äußert selten. Zuletzt gab es 2004 einen offiziell bestätigten Störfall in der Anlage. Der zweite von insgesamt vier Blöcken musste damals heruntergefahren werden, weil es in einem Kabelraum zu einem Brand gekommen war.
Diesmal wurde bei einer Kontrolle entdeckt, dass ein Zwei-Euro-Stück großes Ventil an den Zu- und Ablaufröhren der Lagerbecken für abgebrannte Brennstäbe fehlte - und das vermutlich schon seit Inbetriebnahme der Reaktorblöcke zwei und drei, also seit mindestens 21 Jahren. Der Kraftwerksbetreiber, der französische Stromkonzern EDF, meldete das Fehlen des Ventils der ASN, versicherte aber auf seiner Internetseite, dass dadurch keine Gefahr bestanden habe. Auch sei das fehlende Ventil am Becken zwischen den Reaktoren zwei und drei nicht sicherheitsrelevant. Das sah die Atombehörde anders. Sie schickte sechs Tage später, am 24. April, Inspektoren nach Cattenom. Sie gaben dem Betreiber zehn Tage Zeit, den Fehler zu beheben. Vor einer Woche haben Spezialtaucher in dem radioaktiv verstrahlten Kühlwasser neue Ventile auf die Röhren aufgesetzt.
Der aus dem Hunsrück stammende, in Paris lebende Nuklearexperte Mycle Schneider hält den Störfall für beunruhigend. Beim abrupten Verlust von Kühlwasser könne es zu Brennelementschäden und Wasserstoffexplosionen wie in Fukushima kommen, sagt Schneider. "Im schlimmsten Fall können sich die Brennstäbe selbst entzünden und eine gigantische Menge Radioaktivität freisetzen." Das bestätigt auch Christian Küppers, Strahlenschutzexperte vom Darmstädter Öko-Institut, einer unabhängigen Umweltforschungseinrichtung, die 1977 aus der Anti-Atombewegung hervorgegangen ist.
Küppers spricht von einem bedeutenden Störfall. Auch er sagt, dass es dadurch zu einer ähnlichen Explosion wie im Kernkraftwerk im japanischen Fuku-shima hätte kommen können. Erschreckend sei, dass das fehlende Ventil jahrelang unentdeckt geblieben sei. Atomexperte Schneider fragt sich: "Was ist sonst alles übersehen worden?" Dieses Ereignis stelle nicht nur dem Betreiber, sondern vor allem auch der Aufsichtsbehörde ein "miserables Zeugnis" aus. Laut EDF ist bei den Reaktoren eins und vier das Ventil vorhanden.
Das saarländische Umweltministerium wurde am Montag von der lothringischen Regionalverwaltung, der Präfektur in Metz, über die offizielle Einstufung als Störfall informiert und hat dar-aufhin die Bevölkerung in Kenntnis gesetzt. Laut einer Sprecherin des rheinland-pfälzischen Energieministeriums wurde auch Mainz vorab informiert. Trotzdem gab es erst gestern eine offizielle Reaktion von Energieministerin Eveline Lemke. Wie der Umgang "mit einem offensichtlichen Konstruktionsfehler" zeige, "scheint man mögliche Gefahren zu ignorieren", sagte sie. Lemke wiederholte ihre Forderung nach einer Abschaltung von Cattenom. Die Saarburger Grünen-Landtagsabgeordnete Stephanie Nabinger kritisiert: "Es ist unbegreiflich, dass die Atomaufsicht das Atomkraftwerk weiter am Netz lässt." Es sei höchste Zeit, dass Cattenom abgeschaltet werde, sagt auch der Trierer SPD-Bundestagsabgeordnete Manfred Nink: "Jeder Störfall in einem Atomkraftwerk ist einer zu viel."
Extra
Störfälle in Atomanlagen werden auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) eingestuft. Sie reicht von null bis sieben. Hier die Bedeutung der einzelnen Stufen: 0: keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung. 1: Störung, Abweichung von zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage. 2: Störfall, erhebliche Verstrahlung von Personal, begrenzter Ausfall der abgestuften Sicherheitsvorkehrungen. 3: Ernster Störfall, sehr geringe Freisetzung radioaktiver Strahlung außerhalb der Anlage, akute Gesundheitsschäden beim Personal, weitgehender Ausfall des Sicherheitsbetriebs. 4: Unfall, geringe Freisetzung von Strahlung, begrenzte Schäden am Reaktorkern, Tote beim Personal. 5: Ernster Unfall, begrenzte Freisetzung von Radioaktivität, Einsatz von einzelnen Katastrophenschutzmaßnahmen, schwere Schäden am Reaktorkern. 6: Schwerer Unfall, erhebliche Strahlenfreisetzung, voller Katastrophenschutzeinsatz. 7: Katastrophaler Unfall, schwerste Freisetzung mit Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt im weiten Umfeld der Anlage. wie

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