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50 Jahre Super Bowl - Lady Gaga, Coldplay, Beyoncé und die Carolina Panthers gegen die Denver Broncos

(Washington) Ja, es wird auch Football gespielt. Aber nüchtern betrachtet, kann sich dem Nicht-Football-Fan leicht der Eindruck aufdrängen, dass dies eher am Rande geschieht. Wenn am Sonntag die Carolina Panthers zum Super-Bowl-Finale im Silicon Valley gegen die Denver Broncos antreten, ist es so etwas wie der 4. Juli im Winter.

04.02.2016
Von Frank Herrmann
Nationalfeiertag, nur eben kein offiziell erklärter, eine Mischung aus patriotischem Pathos und Pop, Fressgelage und Fernsehreklame-Orgie in einem. 

    Lady Gaga wird die Nationalhymne singen, Coldplay wird die Halbzeitshow bestreiten, ein Gastspiel von Beyoncé inklusive. 115 Millionen Amerikaner, so viele waren es zumindest im vergangenen Jahr, werden vor den Bildschirmen sitzen, vorzugsweise im Kollektiv. Kulinarisch sind es Guacamole, ein mexikanischer Avocado-Dip, und Hähnchenflügel, die zum Super Bowl gehören wie Tomatensaft zu Flugzeugkabinen. Der National Chicken Council schätzt, dass die Amerikaner an diesem einen Tag 1,25 Milliarden Chicken Wings verzehren. Und der Präsident, der wird ungefähr zwei Stunden vor Anpfiff ein eher launiges Interview geben, vielleicht wieder, wie beim letzten Mal, in der Küche des Weißen Hauses.     

     So war es nicht immer, es hat eher klein angefangen. Bei der Premiere, am 15. Januar 1967, blieben über dreißigtausend Plätze im Memorial Coliseum zu Los Angeles unbesetzt, obwohl die Tickets im Durchschnitt gerade mal zwölf Dollar kosteten. Vorausgegangen war eine Verständigung zwischen den beiden Football-Ligen. Die National Football League (NFL), 1920 ins Leben gerufen, wenn auch damals noch unter anderem Namen, hatte es mit aufstrebender Konkurrenz zu tun bekommen, der 1960 gegründeten American Football League (AFL). Statt einander weiter zu ignorieren, beschlossen die Funktionäre, die jeweiligen Spitzenteams zu einem gemeinsam organisierten Endspiel antreten zu lassen. Daraus wurde der Super Bowl, nur dass er anfangs nicht Super Bowl hieß, sondern AFL/NFL World Championship Game. 

     Der griffigere Name geht auf den Texaner Lamar Hunt zurück, einen der Gründer der AFL. Der will, so hat er es selber einmal geschildert, seinen Kindern Sharron und Lamar junior beim Spielen mit einem Ball zugeschaut haben, der nach dem Aufprall besonders hoch sprang. Aus „Super Ball“ sei dann, phonetisch lässiger, „Super Bowl“ geworden. Es gibt seitenlange Abhandlungen darüber, ob die Geschichte stimmt oder Hunt sie einfach nur gut erfunden ist. Jedenfalls haben die Green Bay Packers aus Wisconsin das Premierenfinale gewonnen, trainiert von Vince Lombardi, einem Coach, der noch heute auf dem Denkmalssockel des Football thront, von manchem allein schon wegen seiner lakonisch-autoritären Sprüche verehrt. „Du wirst Fehler machen, aber nicht sehr viele, wenn du für die Green Bay Packers spielen willst“, zitiert David Fischer, Autor einer voluminösen Super-Bowl-Fibel, den Mann. Die Packers übrigens, die dominierende Mannschaft der späten sechziger Jahre, stehen in der Rangliste der Super-Bowl-Sieger nur auf Platz vier, hinter den Pittsburgh Steelers, den San Francisco 49ers und den Dallas Cowboys, gleichauf mit den New England Patriots aus Boston, deren Quarterback Tom Brady als bester Spielmacher überhaupt gilt. Brady, der David Beckham Amerikas: verheiratet mit dem Model Gisele Bündchen, omnipräsent in Werbefilmchen, ein Sportler mit ausgeprägtem Talent für die Selbstdarstellung.   

      Sieht man es distanziert durch die europäische Brille, reißen muskulöse Männer in hautengen Hosen, die Köpfe behelmt, die Schultern gepolstert, einander immerzu um, bevor sie sich in Menschentrauben verkeilen, aus denen ab und an der nächste Spielzug gelingt. Dazwischen ewige Pausen, wie gemacht für die Fernsehreklame (dreißig Sekunden TV-Spot kosten inzwischen 4,5 Millionen Dollar). Sieger ist, wer den Ball am öftesten hinter die gegnerische Linie bringt. Das wäre die profane Beschreibung. Für Amerikaner indes wohnt der Schlacht auf dem Rasen ein Zauber inne, den Nichtamerikaner nicht wirklich verstehen können. 

     Zumindest glaubt das Sal Paolantonio, Autor des Buches „How Football Explains America“. Bei Football gehe es darum, Territorium zu erobern, beharrlich und systematisch, bis man in die so genannte Endzone vordringt. In den 1880er Jahren, als sich Universitäten wie Harvard, Princeton und Yale auf reformierte Regeln verständigten, auf dass sich Football markanter vom britischen Rugby unterscheide, seien die USA nun mal ein Land auf Expansionskurs gewesen, besonders westlich vom Mississippi. Das Prinzip des Bodengewinns als Spielmaxime, vielleicht sei es politisch nicht korrekt, das zu sagen, aber dies seien nun mal die Wurzeln, meint Paolantonio. 
   
Wie auch immer, in den Wochen vor dem Super Bowl legt sich jeder vierte US-Haushalt einen neuen Fernseher zu, haben Konsumentenforscher ermittelt. Seit Justin Timberlake bei der Halbzeitshow des Jahres 2004 Janet Jacksons rechte Brust entblößte, euphemistisch verbrämt zur Garderobenfehlfunktion, führten die Sender einen Fünf-Sekunden-Puffer ein, um etwaige Wiederholungsfälle zensieren zu können, bevor sie ausgestrahlt werden. Dann wäre da noch die schnell entschiedene Debatte, ob man zum 50. Jubiläum festhalten sollte an der alten Tradition, das Spektakel mit römischen Ziffern durchzunummerieren. Vor zwölf Monaten war der Super Bowl XLIX zu erleben, diesmal hätte man Super Bowl L auf das Logo schreiben müssen. L freilich steht für Loser, also Verlierer. Es war abzusehen, wie der Streit enden würde, mit einem Sieg der arabischen Ziffern. Und eine auf Medien spezialisierte amerikanische Stiftung, die Media Education Foundation, hat dem eher skeptischen Betrachter recht gegeben. Demnach wurden im vorigen Jahr, in vier Stunden Übertragung, effektiv 17 Minuten und 30 Sekunden Football gespielt. 

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