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Die Vision vom Leben in einer Gemeinschaft

Mehrgenerationendorf in Wittlich gilt als landesweites Musterprojekt - Initiatoren enttäuscht über lange Planung

(Wittlich/Mainz) Immer mehr Dörfer sterben aus. Um Älteren und Jungen trotzdem ein gemeinschaftliches Wohnen zu ermöglichen, entstehen vielerorts Mehrgenerationendörfer. Eines davon soll in Wittlich gebaut werden.

11.11.2013
Bernd Wientjes
Wittlich/Mainz. "Hier würde meine Vision, mein Wunschtraum von einem Leben in einer Gemeinschaft, wie ich sie in meiner Kindheit in einem kleinen Eifeldorf erleben durfte, in Erfüllung gehen", schwärmt eine 65-jährige ehemalige Sonderschullehrerin aus der Nähe von Konz. Mit dem "Hier" meint sie das geplante Mehrgenerationendorf in Wittlich. Vor den Toren der Stadt, auf dem ehemaligen Klostergelände St. Paul, soll auf einer Fläche von 3,5 Hektar ein sogenannter Wohnpark für Generationen entstehen. 400 Bewohner - junge Familien, Singles und Senioren - sollen dort einmal wie in einem Dorf zusammenwohnen.

"Sklaven unseres Besitzes"


Eine von ihnen will die ehemalige Lehrerin sein. Noch wohnt sie mit ihrem Mann in einem großen Haus mit einem 2000 Quadratmeter großen Garten, "zwischen Weinbergen und Wald", mit netten Nachbarn, "die meine Pflanzen gießen oder den Schnee räumen, wenn wir nicht da sind", beschreibt sie ihr bisheriges Wohn idyll.
Doch genau dieses Idyll ist ihrem Mann und ihr nach Unfällen und Krankheit zur Last geworden. "Wir sind die Sklaven unseres Besitzes, erschöpfen uns mit Rasenmähen, Böden und Fenster sauber halten", so die 65-Jährige. Sie habe sich gefragt: "Will ich wirklich so weitermachen, bis ich nicht mehr kriechen kann?" Zwar hänge ihr Herz an Haus und Garten, doch "unsere Zeit für einen ‚Park\' ist zu Ende." Daher will das Ehepaar nach Wittlich in das Mehrgenerationendorf ziehen. Um dort zunächst für andere, für Ältere zu sorgen oder auch mal als Babysitter zur Verfügung zu stehen. Vor einem Jahr haben sie diesen Entschluss gefasst - in der Hoffnung, schon bald dort eine neue Eigentumswohnung zu beziehen.
Doch noch steht nichts dort. "Wir dachten, es geht schneller", sagt Gunda Wirtz. Sie ist Vorsitzende des Bürgervereins Generationendorf St. Paul. Vor über fünf Jahre, als die zur Unternehmensgruppe Reh (Sektkellerei Schloss Wachenheim) gehörende Kloster Machern AG das ehemalige Klostergelände gekauft hat, hat sie zusammen mit anderen die Idee gehabt, dort ihr Lebensziel zu verwirklichen.
Unabhängig von Alter und Lebenssituation, von Behinderung oder Familiengröße, soll sich dort jeder einbringen, um in einer dörflichen Gemeinschaft zu leben.

Keine spezielle Förderung


Das Mehrgenerationendorf in Wittlich gilt landesweit als Musterprojekt. Dass ein ganzes Dorf für generationenübergreifendes Wohnen konzipiert wird, ist eher selten. "Typischerweise finden sich in Rheinland-Pfalz Wohnanlagen, Höfe oder städtische Quartiere mit generationenübergreifenden und gemeinschaftlichen Wohnangeboten", sagt Katharina Bennewitz, Sprecherin des rheinland-pfälzischen Sozialministeriums. 21 solcher Projekte seien bislang entstanden, 40 Initiativen beschäftigten sich mit dem gemeinschaftlichen Wohnen. Eine spezielle Förderung des Landes für solche Projekte gebe es nicht, sagt die Sprecherin. Die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) kann im Einzelfall öffentliche Projekte in Orts- oder Stadtkernen mit 250 Euro je Quadratmeter unterstützen.
Bei St. Paul handele es sich um ein privates Projekt, für das bislang keine Mittel beantragt worden seien, heißt es aus dem Ministerium.
Bei den Vorstandsmitgliedern des Bürgervereins wächst jedenfalls die Ungeduld. Sie sind enttäuscht, dass noch keine Wohnung fertig ist. Viele Interessenten hingen derzeit quasi in der Luft. Warum es von der Idee bis zum ersten Haus in dem Mehrgenerationendorf so lange dauert, kann sie sich nicht erklären. Ob der - mittlerweile durch Wechsel bei der Verantwortung für das gesamte Projekt beendete - Streit zwischen der Reh-Gruppe und dem ehemaligen Kloster-Machern-Chef, Hans-Jürgen Lichter (der TV berichtete) eine Rolle bei den Verzögerungen spielt, weiß sie nicht.
Sie hofft jedenfalls, dass sich jetzt bald was tut. Und vor allem, dass auch bezahlbarer Wohnraum in dem Mehrgenerationendorf entsteht. Dass die Investoren, die dort bauen wollen, nicht allein auf einen möglichst großen Gewinn schielen werden.

Ziel: Fertig in drei Jahren


"Wir haben keinen Einfluss auf die Investoren", sagt Torsten Manikowski, Geschäftsführer der Grundstückentwicklungsgesellschaft.
Allerdings sollen sich die verlangten Mieten und Preise für die Eigentumswohnungen an den für Wittlich üblichen orientieren. Das empfiehlt auch das Ministerium für solche Projekte: "Es sollte schon im Eigeninteresse eines Eigentümers oder Investors sein, nur solche Mietpreise zu verlangen, die marktüblich sind, um eine langfristige Vermietbarkeit sicherzustellen", sagt die Ministeriumssprecherin.
Manikowski kann den Frust des Bürgervereins verstehen. "Wir haben alle gedacht, es geht schneller." Trotzdem sei man im Zeitplan. Er geht davon aus, dass Anfang nächsten Jahres mit dem Bau des ersten Hauses begonnen werden kann. In drei Jahren sei das Mehrgenerationendorf fertig. Das Besondere daran sei, dass das Projekt in ein Gesamtkonzept eingebunden ist. Es gebe bereits eine Kinderbetreuung, eine Seniorenresidenz und im ehemaligen Klostergebäude soll, so Manikowski, ein betreutes Wohnen entstehen.

 

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