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Die große Schwester, eisern diszipliniert

Hillary Clinton setzt im Endspurt der Vorwahlen in den USA auf Emotionen

(Columbia (South Carolina)) Eine Frau mit Geschichte: Hillary Clinton ist für die Amerikaner sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht eine Präsidentschaftskandidatin mit einer langen Vergangenheit.

26.02.2016
Frank Herrmann
Der Bariton des Pastors dröhnt durch die Kirche, als wäre dies ein Rockfestival und er der Ansager. „Sie hat immer ihre Pflicht erfüllt“, stellt Ricky Ray Ezell, der Pfarrer der Central Baptist Church in Columbia, die Kandidatin vor. Ob als First Lady im Weißen Haus, als Senatorin oder als Außenministerin, stets habe Hillary Clinton ihren Job gut gemacht, eisern diszipliniert, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. „Sie hat ihrem Land früher gedient, sie dient ihm heute, sie wird ihm in Zukunft dienen.“  

Dann tritt Hillary Rodham Clinton in blauer Kostümjacke ans Pult und erzählt Geschichten aus den siebziger Jahren. Sie handeln von einem klapprigen Automobil, in dem sie durch die Südstaaten rumpelte, um mit jungen Häftlingen zu sprechen, die meisten schwarz, einige gerade mal 14 Jahre alt. Es war ihr erster Job nach dem Studium an den Eliteuniversitäten Wellesley und Yale. Der Children’s Defense Fund, eine Initiative, die die Rechte benachteiligter Kinder verteidigt, hatte sie nach South Carolina geschickt, um herauszufinden, wie oft sich Minderjährige denselben Gefängnistrakt mit erwachsenen Straftätern teilen mussten. In der Karre, in der sie von Knast zu Knast fuhr, hatte sie am Schaltknüppel zu rütteln, um die Gänge einzulegen, erzählt Clinton belustigt. Manchmal habe es bedenklich geknarzt. Im heutigen Amerika, das fast nur noch Automatikgetriebe kennt, klingt es nach ferner Vergangenheit. Über die Gesichter der Älteren huscht ein wissendes Schmunzeln, während die Jüngeren fragende Blicke austauschen. Hillary Clinton, das Urgestein. 

Keine zehn Minuten redet sie, dann überlässt sie die Bühne trauernden Müttern, als wollte sie den Worten des Reverends Ezell Nachdruck verleihen. Als wollte sie unterstreichen, dass sie nicht ständig im Scheinwerferlicht stehen muss, anders als das Kontrastprogramm bei den Republikanern, der Egomane Donald Trump, bei dem sich immerzu alles nur um ihn dreht. Nach zehn Minuten haben afroamerikanische Frauen das Wort, deren Söhne von Polizisten – und in einem Fall von einem privaten Nachbarschaftswächter – getötet wurden. Unter der Palmenflagge South Carolinas sitzen sie in einem Halbkreis um Clinton. Mehrfach fällt das Wort „Sisterhood“, es soll beschreiben, dass sie sich als Schwestern im Leid verstehen, und es bezieht die Politikerin ausdrücklich ein. 

„Es gab eine Zeit, da hat mir von den heutigen Kandidaten kein einziger zugehört. Niemand bis auf Hillary Clinton“, sagt Sybrina Fulton, deren Sohn Trayvon Martin 2012 in Florida von dem weißen Wachmann George Zimmerman erschossen wurde, als er mit einer Tüte Kaudragees von einem Supermarkt nach Hause lief. Als Clintons Stab anrief, habe sie sich erst mal gefragt, wo der Haken sei, ob man sie vor irgendeinen Karren spannen wolle, erzählt Gwen Carr, die Mutter Eric Garners, der an einer Straßenecke der New Yorker Insel Staten Island Zigaretten verkaufte und im Würgegriff eines Polizisten starb, obwohl er verzweifelt gerufen hatte, dass er keine Luft mehr bekomme. „Nein, es gab keinen Haken. Diese Frau hat einfach nur aufrichtig Anteil genommen.“ 

Natürlich ist er perfekt inszeniert, der Auftritt in der Baptistenkirche, der weniger an Wahlkampf denken lässt und mehr an einen therapeutischen Stuhlkreis samt Publikum. Clintons Kampagne soll ein Triumph der Bescheidenheit sein. In Columbia präsentiert sich die 68-Jährige als eiserne Kämpferin, die bereits für die Schwachen der Gesellschaft in die Schlacht zog, als ihr innerparteilicher Rivale Bernie Sanders in den Bergen Vermonts noch seine Hippie-Träume auslebte. Hillary, die große Schwester. 

Nebenbei ist es auch eine Versöhnungsfeier, die ihre Regie zelebriert. Die allermeisten Afroamerikaner stimmten 2008 beim Wettstreit der Demokraten für Barack Obama. Kaum einer wollte sich die historische Chance entgehen lassen, erstmals einem Bewerber mit dunkler Haut den Weg ins Oval Office zu ebnen. Clinton hatte das Nachsehen, nun aber ist sie an der Reihe, zumal ihr Rivale kein zweiter Obama ist, sondern ein 74 Jahre alter Senator aus dem fernen Neuengland. Zumindest in South Carolina sieht es nicht danach aus, als wollte ihr das schwarze Amerika zum zweiten Mal in Folge den Weg zur Nominierung versperren. „Ich mag Bernie, mir gefällt, was er sagt. Aber bevor er antrat, hatte ich noch nie von ihm gehört“, sagt Curtis Watson, ein Lehrer aus Columbia. Die Marke Sanders, durch Watsons Brille gesehen steht sie für Idealismus und Risiko. Die Marke Clinton für Realismus und Langlebigkeit. Sie ist eine der wenigen Konstanten in einem Klima akuter Verunsicherung. Eine alte Bekannte eben.              

Keine Experimente: Vielleicht macht gerade das den Charme einer Politikerin aus, die seit Langem versucht, die politische Mitte zu besetzen. Als sie heraustrat aus dem Schatten ihres Ehemanns Bill, um für einen Senatssitz zu kandidieren, begann sie mit einer „Listening Tour“ quer durch New York, den Staat, den sie vertreten wollte. Sie hörte zu, fragte die Leute, wo sie der Schuh drückt, und hielt sich selber bedeckt. Ihre Reden richtete sie ganz danach aus. „Bloß nicht anecken. Sie sagte den Wählern im Wesentlichen nur, was sie hören wollten“, schreibt Carl Bernstein, der mit Bob Woodward den Watergate-Skandal ans Licht brachte, in einer Hillary-Clinton-Biografie. Ihr Motto sei gewesen, ja kein Wagnis einzugehen.       

Das war nicht immer so. 1993, da zog sie an Bills Seite ins Weiße Haus, beanspruchte sie eine Rolle, die auf eine Art Ko-Präsidentschaft hinauslief. Seit Eleanor Roosevelt war keine First Lady derart aktiv gewesen. Nie zuvor hatte sich eine Präsidentengattin ein eigenes Büro im West Wing, im Machtzentrum des Gebäudes an der Pennsylvania Avenue, einrichten lassen. Clinton war die Erste. Und sie übernahm den Vorsitz einer Taskforce, die eine Gesundheitsreform entwerfen sollte, weitreichender als das, was Obama zwei Jahrzehnte später durchs Parlament brachte. Sie scheiterte, weil sie die nötige Kompromissbereitschaft vermissen ließ und die Spielchen der Washingtoner Politik mit all ihren Eitelkeiten nicht mitspielen wollte. Nachdem die Demokraten bei der Kongresswahl 1994 eine Schlappe einstecken mussten, gab sie in einem Interview zu verstehen, sie werde sich nunmehr mit einem Platz auf dem Rücksitz begnügen und alles tun, „was mein Ehemann von mir verlangt, wenn er denkt, dass es ihm helfen kann“. Selbst wenn es nur darum gehe, Karten zu spielen oder ihm beim lauten Nachdenken zuzuhören, das Wichtigste sei, für ihn da zu sein. Wie Bernstein notierte, war es ein Kniefall vor ihren Kritikern, im Grunde eine Demütigung. Bill, dem Meister des Kompromisses, gelang ein glänzendes Comeback. Hillary reiste um die Welt und hielt 1995 auf einer UN-Konferenz in Peking die wohl beste Rede ihrer Karriere („Menschenrechte sind Frauenrechte, und Frauenrechte sind Menschenrechte“). Im eigenen Land war sie die zurechtgestutzte First Lady, die nur noch von der Seitenlinie des politischen Spielfelds zuschauen durfte. Es sind diese Jahre, die ihre spätere Vorsicht erklären. 

Energisch verteidigte sie ihren offenbar sexsüchtigen Gatten in all seinen Eskapaden, auch 1998 im Trubel um die Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Vertraute erzählen, selbst da habe sie nie erwogen, sich zu trennen. „Sie war stinksauer auf ihn. Sie hätte mit der Bratpfanne auf ihn eingeschlagen, hätte man ihr eine gegeben. Aber ich glaube nicht, dass sie sich jemals vorstellen konnte, ihn zu verlassen“, erinnert sich ihre ehemalige Assistentin Susan Thomases. 

Clinton schleppe zu viel Gepäck mit sich herum, ist ein Satz, den man von skeptischen Amerikanern oft hört, sofern sie eher neutral sind und ihr nicht mit offener Feindseligkeit begegnen, wie manche Republikaner es tun. Das schwerste Gepäckstück ist wohl ein Votum im Oktober 2002, mit dem George W. Bush von 77 der 100 US-Senatoren ermächtigt wurde, im Konflikt mit dem Irak bewaffnete Gewalt anzuwenden. Auch Clinton stimmte dafür. Sie habe geglaubt, Bush ein Druckmittel in die Hand zu geben, um die Rückkehr der ausgewiesenen Waffeninspektoren zu erzwingen. Dass er den Angriffsbefehl so rasch geben würde, ohne geduldig den Weg über die Vereinten Nationen zu gehen, habe sie nicht erwartet, begründete sie im Nachhinein ihr Stimmverhalten. Letzteres war 2008 ein wichtiger Faktor, der sie das Duell gegen Obama verlieren ließ. 2016 belastet es sie erneut, diesmal im Rennen gegen Sanders, der betont, dass der früheren Außenministerin all ihre Erfahrung nichts nütze, wenn sie in entscheidenden Momenten gesundes Urteilsvermögen vermissen lasse. 

Die zweite schwere Bürde ist ihre Nähe zur Wall Street. Während Bills Präsidentschaft wurden viele jener Regellockerungen im Bankensektor beschlossen, die später  zur Finanzkrise beitrugen. Als Senatorin New Yorks agierte auch Hillary in aller Regel im Sinne der Geldbranche, und als sie nach ihrer Zeit als Chefdiplomatin fürstlich bezahlte Reden zu halten begann, kassierte sie allein von Goldman Sachs 675.000 Dollar. Es ist ein Kapitel, das sich nicht schönreden lässt, schon gar nicht im Wortstreit mit Sanders, der die Exzesse der Wall Street zu seinem zentralen Thema macht. Da wirkt es wahrscheinlich wie Seelenbalsam, was Sybrina Fulton zum Schluss über die Kandidatin zu sagen hat. „Diese Frau ist aufgestanden, als sich kein anderer Politiker um uns gekümmert hat. Wenn sie gegen all diese Männer aufsteht, dann schafft sie es auch bis ans Ziel. Meine Stimme gehört Hillary.“ 

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