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Doppelter Blick auf die Hölle von Verdun: Erinnerungsstätte wird am Sonntag wiedereröffnet

(Verdun) In Verdun eröffnet am Sonntag die Stätte wieder, die an eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnert. Die Ausstellung zeigt nun nicht nur den französischen, sondern auch den deutschen Blick auf das Grauen von Verdun.

18.02.2016
Christine Longin
Der Schlamm ist in Verdun überall präsent. Schlamm, in dem die deutschen und französischen Soldaten 1916 versanken. Schlamm, den das Mémorial unter Plexiglas verewigt hat. Ab Sonntag können die Besucher über diese nachgebildete Mondlandschaft laufen, wenn die Erinnerungsstätte in Verdun nach gut zweijährigen Bauarbeiten wieder öffnet. „Wir wollten die Erde von Verdun ins Museum bringen“, erläutert die Kuratorin Edith Desrousseaux de Medrano ihr Anliegen. Ein Bildhauer hat deshalb eine metertiefe braune Matsche nachgebildet, in der metallene Geschosse stecken. Mehr als eine Million Granaten schossen die Deutschen ab, als sie am 21. Februar ab 7.15 Uhr die französischen Schützengräben angriffen. 300 Tage dauerte die „Hölle von Verdun“, die mehr als 300.000 Tote und 400.000 Verwundete zählte. Noch heute trägt die Kraterlandschaft rund um die ostfranzösischen Kleinstadt die Narben des erbitterten Stellungskriegs. 

„Vergesst uns nicht“, lautete die Botschaft, die der letzte Überlebende Lazare Ponticelli vor seinem Tod 2008 der Nachwelt hinterließ. Französische Veteranen wie er waren es, die in Verdun eine Gedenkstätte wollten. 1967 wurde das Mémorial eingeweiht, das mitten auf dem einstigen Schlachtfeld liegt. „Damals war das eine fast leere Gedenkstätte, die für die Kriegsveteranen einen Bezugspunkt darstellte, aber für das Publikum kaum Erklärungen bereithielt“, erinnert die Szenografin der neuen Daueraustellung, Geneviève Noirot. Im Zuge des Umbaus machte sie das Mémorial zu einem Interpretationszentrum, das auch die Sicht der deutschen Soldaten mit einschließt. 

Deutsch-französische Erinnerungsstätte

Deutsche Postkarten, deutsche Stahlhelme, deutsche Gewehre: Erinnerungsstücke von Familien sowie dem militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und dem wehrgeschichtlichen Museum in Rastatt ergänzen das, was Franzosen dem Mémorial in den vergangenen Jahrzehnten zur Verfügung stellten. „Das ist eine kleine Revolution“, sagt Kuratorin Desrousseaux.  „Doch in den feindlichen Schützengräben erlebte man dieselbe Realität.“ Die bestand für Deutsche und Franzosen aus mise rablen hygienischen Bedingungen, Kälte und Granateinschlägen im Sekundentakt. „Knochenmühle“ wurde Verdun auch genannt. 

In drei Sprachen, französisch, englisch und deutsch, sind die Texte unter den rund 2000 ausgestellten Objekten beschriftet. Unter der Decke im ersten Stock hängen sich die Nachbildungen eines deutschen und eines französischen Flugzeugs gegenüber. An der Wand, die an die hunderttausenden Toten erinnert, mischen sich Fotos von deutschen und französischen Opfern, die in Uniform in die Kamera lächeln. „Wir sprechen nicht mehr vom französischen Soldaten, sondern vom Soldaten von Verdun. Das ist eine wichtige Entwicklung“, fasst der Leiter des Mémorials, Thierry Hubscher, die neue Gestaltung zusammen. 

Einweihung durch Merkel und Hollande im Mai

„Wichtig ist, dass die deutsche Erzählung und Erinnerung der Schlacht Eingang in das Mémorial gefunden hat, das zuvor eine Hochburg der rein französischen Erinnerung gewesen war“, sagt auch der deutsche Historiker Gerd Krumeich, der zum wissenschaftliche Ausschuss des Mémorials gehört. Zum hundertsten Jahrestag der Schlacht sei die Zeit reif gewesen, die deutsch-französische Erinnerung zu festigen. „Solange die ‚anciens combattants‘ und ihre direkten Nachfahren lebten, war das nicht möglich.“ 

Die Überreste von insgesamt rund 80.000 Toten werden noch in der Erde des früheren Schlachtfelds vermutet, in der immer noch Munition und Geschosse liegen. „Wer das Schlachtfeld sieht und weiß, was dort geschehen ist, kann nur noch den Frieden wollen“, bemerkt Krumeich. Am 29. Mai kommen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande zur offiziellen Einweihung der Erinnerungsstätte nach Verdun. Sie werden sich wohl nicht mehr wie Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 die Hände über den Gräbern reichen. Doch auch so ist ihr Besuch ein Zeichen des Friedens an einem Ort, der für immer die Absurdität dieses Krieges zeigt.

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