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Eine Trumpfkarte namens George W. Bush: Der ehemalige US-Präsident unterstützt seinen Bruder in den Vorwahlen

(Washington) Sieben Jahre lang hat der umstrittenste US-Präsident seit Richard Nixon die politische Bühne gemieden. Nun meldet er sich in der Rolle des Wahlhelfers zurück, um seinen Bruder Jeb vor dem Absturz zu retten und Donald Trumps Höhenflug zu bremsen.

16.02.2016
Frank Herrmann
Es ist mehr als sieben Jahre her, dass George W. Bush die große Bühne der Politik verließ. Auf einer Wiese hinterm Kapitol, auf dessen Stufen sein Nachfolger Barack Obama kurz zuvor den Amtseid abgelegt hatte, steigt er in einen Hubschrauber und fliegt davon, während ihm die Menschen unten eine fröhliche, hämische Liedzeile hinterhersingen. „Na-na-na-na, hey-hey-hey, goodbye“, schallt es über die Wiese. Als Bush seinen Abschied von Washington nimmt, kann nur noch ein knappes Drittel der Wähler seiner Amtsführung etwas Positives abgewinnen. Da begleiten ihn die niedrigsten Sympathiewerte, die das Meinungsforschungsinstitut Gallup für einen scheidenden US-Präsidenten je ermittelt hat. 

In Dallas, seinem texanischen Rückzugsort, schreibt er an seinen Memoiren und malt, Wladimir Putin, Angela Merkel, sich selbst in der Dusche. Politische Debatten meidet er, Kritik an Obama verkneift er sich. Während sein Vorgänger Bill Clinton von Rednerpult zu Rednerpult eilt, während Jimmy Carter eine Stiftung gründete, um Wahlen zu beobachten und Krankheiten auszurotten, igelt sich Bush im Privatleben ein. 

Sieben Jahre hat er es durchgehalten, nun kehrt er zurück ins Getümmel. Zurück nach South Carolina, wo es gilt, auf der dritten Etappe des Vorwahlrennens seinen kandidierenden Bruder Jeb vor dem Absturz zu retten. Und Donald Trump zu verhindern, den Immobilienmagnaten, dessen Höhenflug die republikanischen Parteistrategen in tiefe Ratlosigkeit stürzt. Ohne den Namen Trump zu erwähnen, bläst Bush zur Attacke. „Das sind harte Zeiten, ich verstehe, dass die Amerikaner verärgert und frustriert sind“, sagt er unter drei gewaltigen  Sternenbannern in einer Kongresshalle in Charleston. „Aber wir brauchen niemanden im Oval Office, der unseren Ärger und unseren Frust nur spiegelt und noch mehr entflammt.“ Nach seiner Erfahrung sei die stärkste Person in einem Raum nicht diejenige, die am lautesten schreie.  

Es ist auch kein Zufall, dass Bush an den 11. September 2001 erinnert. Morgens saß er in einem Klassenzimmer in Sarasota, wo ihm Siebenjährige die Geschichte einer Ziege vorlasen, bis ihm sein Stabschef Andy Card ins Ohr flüsterte: „Ein zweites Flugzeug hat den zweiten Turm getroffen, Amerika wird angegriffen.“ Trump, gibt er zu verstehen, sei politisch ein Nobody gewesen, als die New Yorker Zwillingstürme einstürzten. Einem Großmaul, das sich nur aufs Sprücheklopfen verstehe, könne man das Staatsruder nicht guten Gewissens anvertrauen, suggeriert Bush. Zwischen die verbalen Breitseiten streut er launige Passagen, die illustrieren sollen, wie sehr er das Rentnerleben genießt. „Nun ja, ich habe zwei Bücher geschrieben, was viele überrascht hat, vor allem Leute an der Ostküste, die nicht mal glaubten, dass ich lesen könne, geschweige denn schreiben.“ Irgendwann ruft tatsächlich ein Chor eingefleischter Bush-Fans: „Wir vermissen dich!“  

Jeb und George. Dass der jüngere Bruder den älteren zurückholt in die Wahlkampfarena, ist an sich schon ein Salto mortale. Im Juni, da gab er seine Bewerbung bekannt, versuchte er noch auf Distanz zu gehen zu seinem Clan. Auf Plakaten und Aufklebern fehlte der Name Bush, nur ein „Jeb!“ war dort zu lesen, als wäre es eine Übung in Amnesie. Auf die mehrfach wiederholte Frage, ob er wie sein Bruder im Irak einmarschiert wäre, antwortete der Ex-Gouverneur Floridas nach peinlichem rhetorischem Slalomlauf schließlich mit einem Nein, „nicht nach allem, was wir heute wissen“. 

Bush-Biografen erzählen gern von der Aura des Tragischen, die Jebs Kandidatur umwehe. Der Kern der Geschichte: Der große Bruder, der Präsident wurde, obwohl ihn seine Familie für den weniger Geeigneten hielt, vermasselt dem Liebling der Eltern die Tour, weil er die Marke Bush so gründlich beschädigte, dass sie vielleicht nicht mehr repariert werden kann. Bush senior spricht von Jeb als „unserem Realisten“. Allein das nährt die Debatte darüber, ob der sich nicht eher an der besonnenen Außenpolitik seines Vaters orientieren würde und weniger an den burschikosen Alleingängen seines Bruders. 

Jedenfalls ist Jeb seit ein paar Tagen wieder ein bekennender Bush. Spätestens die Schlappe beim Vorwahlauftakt in Iowa ließ ihn begreifen, dass ihn die Wähler nun mal als Erben einer politischen Dynastie sehen, egal was auf seinen Aufklebern steht. Schon in New Hampshire, auf der zweiten Station, ließ er sich von seiner 90-jährigen Mutter Barbara begleiten, die wiederum ihren Rollator mit so grimmiger Entschlossenheit durch den Schnee schob, dass es sogar Bush-Gegnern Respekt abnötigte. In South Carolina, einem Staat mit großen Kasernen und langer Militärtradition, bringt er seinen Bruder ins Spiel, den einstigen Commander-in-Chief. Es wirkt, als spiele er seine letzte Trumpfkarte.

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