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05.03.2015
Frank Herrmann

„Fall bloß nicht in Ohnmacht, Motherfucker“: Rassismus in der Polizei von Ferguson

(Washington) Episode für Episode zeigt das amerikanische Justizressort, wie allmächtig sich die weiße Polizeitruppe Fergusons fühlte, wie sie Schwarze schikanierte, Schwarze verhöhnte, bei Schwarzen abkassierte. In der US-amerikanischen Stadt hatte es 2014 nach der Erschießung eines Schwarzen nächtliche Krawallen gegeben. Dossier zum Thema: Topthemen

Der Mann, 32 Jahre alt, sitzt in seinem Auto, um sich auszuruhen, nachdem er, mitten im Sommer, auf einem Sportplatz im Park Basketball gespielt hatte. Prompt kreuzt ein Polizist auf, verlangt die Papiere und fragt nach der Sozialversicherungsnummer, anhand derer man in den USA zweifelsfrei identifiziert werden kann. Aus heiterem Himmel wirft er dem Afroamerikaner vor, pädophile Neigungen auszuleben, was er damit begründet, dass im Park Kinder spielen und der Gaffer ihnen zuschaue.
 
Zum Aussteigen aufgefordert, muss sich der Hobbybasketballer abtasten lassen. Als sein Auto durchsucht werden soll, beruft er sich auf seine Rechte. Worauf ihm der Ordnungshüter eine Pistole an den Kopf hält und ihn kurzerhand festnimmt. Im Protokoll legt er ihm zur Last, in acht Fällen gegen die Gemeindeordnung verstoßen zu haben. „Falsche Angaben gemacht“, lautet ein Punkt. Auf die Frage nach seinem Namen hatte sich der 32-Jährige als Mike vorgestellt, wie es Amerikaner gewöhnlich tun, wenn sie, wie er, Michael heißen. Auch dass er nicht angeschnallt war, wird als Vergehen verbucht, obwohl er in einem parkenden Auto saß. 

Es ist nur eine Episode von vielen, mit denen Justizminister Eric Holder haarsträubende Missstände in Ferguson illustriert. In jener Kleinstadt am Rand von St. Louis, in der im vorigen August der schwarze Teenager Michael Brown von dem weißen Officer Darren Wilson getötet wurde und sich angestauter Frust in nächtlichen Krawallen entlud. Auf 86 Seiten eines Untersuchungsberichts zeichnen Holders Inspektoren das Bild einer Polizeitruppe, die sich allmächtig fühlt, Menschen auch ohne Grund in Handschellen abführt, keinen Widerspruch duldet und Schwarze unter eine Art Generalverdacht stellt. Und die Geld machen soll, damit sich die prekäre Kassenlage entspannt. Vor allem bei Afroamerikanern. 

In einem zweiten Report gelangt das Ressort zu dem Schluss, dass Wilson in Angst um sein Leben schoss, als er auf Brown feuerte – kein schlüssiger Beweis belege das Gegenteil. Gleichwohl, sagt Holder, angesichts der Vorgeschichte, der vergifteten Atmosphäre, akuten Misstrauens, könne man sich unschwer vorstellen, „dass eine einzige Tragödie ausreichte, um Ferguson wie ein Pulverfass in Brand zu stecken“.  
 
Hatte ein Weißer sein Auto falsch geparkt, waren beflissene Staatsdiener schon mal bereit, dem Freund oder Verwandten aus der Patsche zu helfen. „Dein Zweihundert-Dollar-Strafzettel hat sich auf magische Weise in Nichts aufgelöst“, frohlockte eine Gerichtssekretärin per Mail. „Alles geregelt, Baby!“ Wer dunkle Haut hat, konnte mit Erbarmen dagegen nicht rechnen. 

Da ist die Frau, die 2007 ihr Auto im Parkverbot abstellte. Anfangs soll sie, Bearbeitungsgebühr inbegriffen, 151 Dollar zahlen. Verarmt, über weite Strecken obdachlos, vermag sie die Summe nicht aufzubringen, was sie noch bitter bereuen soll. Sieben Gerichtstermine werden im Laufe der Zeit angesetzt. Da sie zu keinem erscheint, bedeutet es jedes Mal nicht nur ein höheres Bußgeld, sondern auch einen Tag hinter Gittern. Zweimal versucht die Parksünderin das Geld in kleineren Beträgen abzustottern, 25, dann 50 Dollar. Vergebens, der zuständige Richter ließ es nicht zu. So kamen im Laufe der Jahre 1091 Dollar an Schulden zusammen.  
  
Da ist ein, wie alle anderen namentlich nicht genannter, afroamerikanischer Bürger der Stadt, der schilderte, wie er an einer Bushaltestelle saß, wie ein Streifenwagen hielt und ihm ein Polizeileutnant befahl, zu ihm zu kommen. „Ich?“ „Zum Teufel, komm her. Ja, du.“ „Wieso? Was hab‘ ich getan?“ „Zeig mir deinen Führerschein.“ „Warum?“ „Hör auf, hier den Klugscheißer zu spielen, und zeig mir deinen Führerschein.“ Als der Leutnant das Dokument endlich hat, in Amerika de facto der Personalausweis, gleicht er es mit der computergesteuerten Strafkartei ab, um nach nicht vollstreckten Haftbefehlen zu suchen. Da er nichts findet, herrscht er den Kontrollierten an: „Verschwinde zum Teufel nochmal aus meinem Gesichtskreis“.

Da ist ein Mieter, den eine Patrouille, offenbar nach häuslichem Streit, aus seiner Wohnung abführen will. Dafür gebe es keine Handhabe, protestiert er. „Nigger, ich werde irgendwas finden, um dich einzusperren“, bekommt er zu hören. „Viel Glück dabei“, erwidert er sarkastisch, worauf er mit dem Gesicht gegen die Wand gestoßen wird, zu Boden geht und einer der Uniformierten sich über ihn lustig macht. „Fall bloß nicht in Ohnmacht, Motherfucker, ich hab nämlich keine Lust, dich zu meinem Auto zu tragen“.   

Wie mancher öffentlich Bedienstete Fergusons über die Familie Obama denkt, ergibt sich aus internen E-Mails, von Holders Leuten auszugsweise wiedergeben. Im November 2008 stichelt ein Beamter, Barack Obama werde wohl nicht lange Präsident bleiben, „welcher schwarze Mann hat schon vier Jahre lang einen festen Job“. Dann wieder wird der Staatschef als Schimpanse dargestellt, die First Lady aufs Primitivste verhöhnt. Ein Foto zeigt eine Gruppe barbusiger Frauen, die irgendwo in Afrika tanzen, darunter die Zeile: „Das Absolvententreffen von Michael Obamas High School“. 

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