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Frankreich: Einwanderer klagen über Diskriminierung

(Paris) Der soziale Aufstieg der Einwanderer aus Nordafrika funktioniert nur selten in Frankreich. Maghrebiner klagen über Diskriminierung.

18.01.2016
Christine Longin
In Marokko geboren, mit sechs Geschwistern in der Vorstadt von Amiens aufgewachsen und heute Ministerin: der Lebenslauf von Najat Vallaud-Belkacem ist die Bilderbuchkarriere einer nordafrikanischen Einwanderin in Frankreich. Es gibt andere Frauen aus Einwandererfamilien, die einen ähnlichen Weg nahmen - die frühere Justizministerin Rachida Dati beispielsweise. Doch solche Erfolgsgeschichten sind selten. "Da der soziale Aufzug nicht funktioniert, schafft nur eine kleine Minderheit den Aufstieg in eine bessere Gesellschaftsschicht", schreibt Thomas Guénolé in der Zeitung "Libération". Der Politologe veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Buch über die Jugendlichen der Banlieues, jener Vorstädte, in der viele der Einwanderer aus Nordafrika wohnen.

In die Schlagzeilen gerieten die Banlieues zuletzt nach den Anschlägen im Januar und im November, denn die Attentäter stammten aus den grauen Vororten, die Regierungschef Manuel Valls ohne Umschweife "Ghettos" nennt. Wie die Brüder Kouachi, die vor einem Jahr die Satirezeitung "Charlie Hebdo" angriffen, gehörten sie zu Einwandererfamilien aus Nordafrika.

Vorstadtunruhen 2005

Ob Kinder nordafrikanischer Immigranten häufiger kriminell werden als die anderer Familien ist in Frankreich nicht statistisch erfasst, denn Statistiken nach ethnischen Kriterien sind verboten. Guénolé sieht nur einen kleinen Anteil Krimineller in der Banlieue. Allerdings steht das Département Seine-Saint-Denis seit Jahren an der Spitze der landesweiten Kriminalitätsskala. In dem Département im Norden von Paris, das in Frankreich nach seiner Postleitzahl auch als 93 bekannt ist, liegen viele der Problem-Vorstädte. Auch Clichy-sous-Bois gehört dazu, jene Banlieue, die 2005 weltweit für Aufsehen sorgte. Jugendliche setzten Autos in Brand und griffen Polizeiwachen an, nachdem die Polizei zwei 15 und 17 Jahre alte Jungen zu Tode gehetzt hatte. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy hatte ihnen im Nachhinein Diebstahl vorgeworfen - zu Unrecht.

Auch die beiden Opfer Zyed Benna und Bouna Traoré gehörten Einwandererfamilien an, wie sie Frankreich in den 60er Jahren nach dem Ende der Kolonialherrschaft zu hunderttausenden ins Land holte. Inzwischen fühlen sich die Kinder der Einwanderer vom Staat, der nach außen hin das Prinzip der Gleichheit hochhält, schlecht behandelt. "Sogar meine in Frankreich geborene Frau, die tunesischer Herkunft ist, fühlt sich zurückgewiesen", sagt Zyeds Bruder Adel Benna der Zeitschrift "L'Obs". Er ist enttäuscht über den Freispruch für die beiden Polizisten, die die Jugendlichen in ein Transformatorenhäuschen und damit in den Tod trieben. "Frankreich ist ein Alptraum geworden. Islamfeindlichkeit und Rassismus nehmen immer mehr zu", bemerkt Adel Benna. Das gilt vor allem nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo", die die Attacken auf Moscheen und islamische Einrichtungen in die Höhe schnellen ließen. In einem Land, das mit rund fünf Millionen Mitgliedern die größte muslimische Gemeinde Europas hat, ist das eine Gefahr.

Der Polizei wird schon lange vorgeworfen, die Jugendlichen aus Einwandererfamilien besonders zu verfolgen. Umstritten sind die Kontrollen, die die Polizisten willkürlich vornehmen können, ohne dafür hinterher ein Protokoll schreiben zu müssen.13 Jugendliche erstatteten deshalb im vergangenen Jahr Anzeige. Sie kommen allesamt aus Schwarzafrika oder dem Maghreb.

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