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Offenes Netzwerk - Fahndungspannen und Hintermänner des Brüsseler Anschlags

(Brüssel) Die Warnung war lange bekannt. „Der Informationsaustausch steht in keinem Verhältnis zum Ernst der Terrorbedrohung“, so Gilles De Kerchove, der Anti-Terrorbeauftragte der EU in einem internen Papier nach den Pariser Anschlägen vom vergangenen November. Getan hat sich aber wenig. Hinweise aus der Türkei auf Ibrahim El Bakraoui, einen der Attentäter von Brüssel, waren versiegt. Ein Blick auf Verdächtige, Fehler und den Stand der Fahndung. Dossier zum Thema: Terroranschläge in Brüssel

25.03.2016
Peter Riesbeck
Ibrahim El Bakraoui, 29, Belgier, sprengt sich am 22. März am Brüsseler Flughafen Zaventem in die Luft. Er hatte zuvor zwei Rückzugswohnungen für Terroristen angemietet, im belgischen Charleroi für die Attentäter von Paris und in Brüssel-Forst. Als die Polizei diese am 15. März stürmt, kommt ein Terrorist ums Leben, zwei können fliehen: Salah Abdeslam und Najim Laachroui, der sich ebenfalls in Zaventem in die Luft sprengt. Einem dritten Täter gelingt die Flucht. 

El Bakroui ist Fahndern als Krimineller bekannt. 2010 überfällt er in Brüssel ein Western-Union-Büro. Bei der Flucht liefert er sich eine wilde Schießerei mit der Polizei. Er wird zu neun Jahren Haft verurteilt, kommt 2014 auf Bewährung frei. Obwohl er gegen Bewährungsauflagen verstößt, bleibt er auf freiem Fuß. Die Türkei nimmt ihn im Vorjahr an der Grenze zu Syrien fest und schiebt ihn per Flug nach Amsterdam ab. Sowohl holländische als auch belgische Behörden werden informiert, vernachlässigen aber die Hinweise. Am Freitag müssen sich Belgiens Innenminister Jan Jambon und Justizkollege Koen Geens dafür vor dem Parlament verantworten. Sie räumen Fehler ein. 
 
Khalid El Bakraoui, 27, Belgier, sprengt sich am 22. März in der Brüsseler Metrostation Maelbeek in die Luft. Ibrahims Bruder sitzt wegen Autodiebstahl und Waffenbesitz in Haft. Auch er kommt vorzeitig frei. Um 9.08 Uhr, drei Minuten vor der Detonation, schickt er eine SMS ab. „Fin“ –  Ende. Empfänger: der Verdächtige, den Ermittler am Mittwoch in Gießen festnehmen. Ein weiterer Zugriff erfolgt in Düsseldorf. Die Brüsseler Zelle hat also Kontakte nach Deutschland. 
 
Salah Abdeslam, 26, französischer Staatsbürger, aufgewachsen in Molenbeek, wird am 22. März festgenommen. Zwei Tage vor den Anschlägen von Brüssel. In Molenbeek im Haus seiner Verwandten Fatima Aberkan. Die ist in Belgien als Mutter Dschihad bekannt, weil drei ihrer Söhne in Syrien für den Islamischen Staat (IS) kämpfen. Ihr Sohn Abid Aberkan trägt am 17. März den Sarg von Ibrahim Abdeslam, Salahs Bruder, der sich in Paris in die Luft sprengt.
Schon vorigen November habe es dazu einen Hinweis gegeben, der wurde aber nicht nach Brüssel weitergereicht, räumt der Polizeichef von Mechelen am Freitag ein. „Das war ein Fehler“, so Yves Bogaerts. 
Weiterer Fehler: In den zwei Tagen zwischen Festnahme und Brüsseler Anschlag wird Abdeslam nur einmal verhört. So sei wertvolle Zeit verloren gegangen, rügen Kritiker.
Am Freitag wird Abdeslam  erneut vernommen. Demnach soll er in Brüssel mit zwei Komplizen einen größeren Anschlag mit Schießereien nach Vorbild der Anschläge von Paris geplant haben. Seine eigene Rolle bei den Attentaten in Frankreich spielt Abdeslam herunter. Er sei durch seinen „Bruder in die Sache hineingezogen worden“. Hauptverantwortlicher für die Anschläge in Paris laut Abdeslam: Abdelhamid Abaaoud. Den habe er vorher nur einmal gesehen, ebenso wie die drei Attentäter im Bataclan. 
 
Abdelhamid Abaaoud, 28, Belgier, stirbt am 18. November 2015 in Saint Denis nahe Paris, als französische Polizisten die Wohnung seiner Cousine stürmen. Er gilt als Planer der Pariser Attentate. Zudem hat er Kontakte  zur Zelle, die im Januar 2015 im belgischen Verviers auffliegt. Zu Mehdi Nemmouche, einem französischen Syrien-Rückkehrer, der im Mai 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschießt. Und zu Ayyoub El Khazzini, einem IS-Kämpfer, der im August 2015 im Thalys von Brüssel nach Paris überwältigt wird. Auch Reda Kriket, der am Freitag nahe Paris festgesetzt wird, steht mit ihm in Kontakt. 
Abaaoud setzt sich 2013 nach Syrien ab. Er reist mehrfach nach Europa, einmal, um seinen Bruder Younes, 13, für den IS zu rekrutieren. Bei einer Ausreise am 20. Januar 2014 wird Abaaoud am Flughafen Köln-Bonn kontrolliert, sein Name findet sich im Schengen-Informationssystem (SIS), einer Gefährderdatei, und wird an Belgien übermittelt. Die Terroristen operierten also als offenes Netzwerk.
 
Fazit: „Vermutlich wurden Fehler gemacht“, räumt Belgiens Justizminister Koen Geens ein und bietet seinen Rücktritt an. Die frankophonen Terroristen aus Belgien, Frankreich und teilweise Nordafrika operieren grenzübergreifend. Sie begreifen Europa längst als einen Raum. Im Gegensatz zu den EU-Staaten und ihren Ermittlern.

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