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21.01.2016
Klaus-Helge Donath

Präsident Wladimir Putin soll Mord von Ex-Geheimdienstler Litwinenko abgesegnet haben

(Moskau) In einer dichten Indizienkette kommt Richter Robert Owen zu dem Schluss, dass nicht nur der russische Geheimdienst hinter dem Attentat auf den russischen Ex-Geheimdienstler Litwinenko 2006 in Großbritannien stand. Owen geht vielmehr davon aus, dass der Mord vom damaligen Vorsitzenden des FSB-Geheimdienstes Nikolai Patruschew und Präsident Wladimir Putin abgesegnet worden sein muss.

Der am Donnerstag in London vorgestellte britische Untersuchungsbericht zum Fall Alexander Litwinenko enthält keine Sensationen. In einer dichten Indizienkette kommt Richter Robert Owen zu dem Schluss, dass nicht nur der russische Geheimdienst hinter dem Attentat auf den russischen Ex-Geheimdienstler Litwinenko 2006 in Großbritannien stand. Owen geht vielmehr davon aus, dass der Mord vom damaligen Vorsitzenden des FSB-Geheimdienstes Nikolai Patruschew und Präsident Wladimir Putin abgesegnet worden sein muss. „Die FSB-Operation zur Tötung von Herrn Litwinenko ist wahrscheinlich von Herrn Patruschew und auch Präsident Putin gebilligt worden“, heißt es in dem Text. 

Im November 2006 war der frühere russische Geheimdienstler Litwinenko in London an einer Vergiftung mit dem seltenen radioaktiven Stoff Polonium-210 gestorben. Litwinenko war 1998 vom damaligen FSB-Chef Wladimir Putin entlassen worden, nachdem er öffentlich auf korrupte Machenschaften des FSB hingewiesen hatte. 2000 floh Litwinenko ins britische Exil, wo er später für den MI 5 arbeitete. Der Kremlchef sah in dem Exilanten einen „Verräter“. Zumal Litwinenko in England schwere Vorwürfe gegen die Petersburger Entourage Wladimir Putins erhob. Sie sei aufs engste mit der kriminellen Welt verwoben. Erst kürzlich bestätigte dies die spanische Staatsanwaltschaft. Demnach bestanden enge Verbindungen zur russischen Mafia in Spanien. Darunter sollen auch Vertraute Wladimir Putins gewesen sein. Vermutlich arbeitete Litwinenko auch für den spanischen Geheimdienst.    

Richter Owen zog den Schluss: Das Polonium könne nur aus einem staatlichen Atomreaktor stammen. Naheliegend sei es daher, dass das Gift nicht von einer „kriminellen Organisation“, sondern im Auftrage einer „staatlichen Instanz“ eingesetzt wurde.

Zum ersten Mal wird die russische Führungsspitze mit der Beteiligung an einem Mordkomplott öffentlich in Verbindung gebracht. Auch wenn letzte Beweise fehlen. Moskau sieht darin einen diplomatischen Affront. 
 
Den Mord sollen der derzeitige Duma-Abgeordnete Andrej Lugowoi und der Geschäftsmann Dmitri Kowtun verübt haben. Auch das ist nicht neu. Litwinenkos  ehemaliger Geheimdienstkollege Lugowoi und dessen Freund Kowtun waren unmittelbar nach der Tat von den britischen Behörden bereits als Hauptverdächtige genannt worden. Sie hätten laut Bericht jedoch im „Auftrag von anderen“ gehandelt.             

Das offizielle Moskau war bemüht, den Eindruck zu erwecken, als ginge die Untersuchung den Kreml nichts an. In der Tat folgen aus dem Bericht keine strafrechtlichen Konsequenzen. Der Witwe Marina Litwinenko war es letztes Jahr gelungen, diese Untersuchung anzustrengen. Die britische Regierung hätte es lieber gesehen, wenn der Fall nicht noch einmal aufgerollt worden wäre. Londons Beziehungen zu Moskau sind ohnehin seit Jahren angespannt. Die russischen Medien versuchten den Bericht möglichst zu umgehen.         

Sobald man sich mit den Einzelheiten vertraut gemacht habe, werde es eine Reaktion geben, meinte Putins Sprecher Peskow. Das russische Außenministerium gab sich etwas schärfer: es hätte ohnehin keinen Grund gegeben, einen „objektiven und unparteiischen“ Abschlussbericht zu erwarten. Die Untersuchung sei „politisch motiviert“, sagte die Sprecherin Maria Sacharowa. Der Beschuldigte Lugowoi bezeichnete die Vorwürfe als „absurd“ und sprach von einer „antirussischen Position“ sowie  „ Londoner Engstirnigkeit“. Der nationalistische Abgeordnete war erst letztes Jahr von Kremlchef Putin für seine „Verdienste ums Vaterland“ ausgezeichnet worden.
 
Innenpolitisch kommt dem Bericht keine Bedeutung zu. In der aufgeheizten nationalistischen Atmosphäre dürften Morde im Ausland an vermeintlichen „Verrätern“ eher als Heldentat denn als Verbrechen gewertet werden.

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