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Terroranschlag von Berlin: Im Gedenken ziemlich alleingelassen

Staat und Gesellschaft tun sich schwer im Umgang mit dem Terror-Anschlag von Berlin - Heute Schweigeminute im Berliner Landesparlament

(Berlin) Fast einen Monat hat die Politik gebraucht, um offiziell der zwölf Toten und 50 Schwerverletzten des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt zu gedenken. Am heutigen Donnerstag gibt es im Berliner Landesparlament eine Schweigeminute.

12.01.2017
Werner Kolhoff
Berlin. Schwieriges Gedenken an die Terroropfer: Zwar wird heute im Berliner Landesparlament eine Schweigeminute gehalten - und nächste Woche das Gleiche noch einmal mit einer Ansprache von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Bundestag. Eine richtige Gedenkfeier ist das freilich noch immer nicht.
Bei Angehörigen von Opfern ist der zurückhaltende Umgang mit diesem Ereignis bereits auf Unmut gestoßen. So zitierte der Berliner Tagesspiegel jüngst die Frau eines Schwerverletzten, die von einem "traurigen und unwürdigen" Verhalten sprach. Am Tag nach dem Anschlag waren zwar die Spitzen des Staates, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck, sofort am Tatort zusammengekommen, auch hatte abends in der Gedächtniskirche ein Gottesdienst stattgefunden. Die Angehörigen der Opfer waren da aber noch mit anderem beschäftigt, die Identität vieler Toten war noch nicht einmal klar.

Kein Vergleich mit Haltern


Kein Vergleich etwa mit dem Gottesdienst in Haltern nach dem Absturz der Germanwings-Maschine oder der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NSU-Morde, auf der die Kanzlerin redete. Eher befremdlich stieß bei den Angehörigen auf, dass der Präsident des Bonner Hauses der Geschichte stattdessen laut darüber nachdachte, den Tat-LKW oder Teile davon für seine Ausstellung zu reservieren.
Dabei ist das Bedürfnis nach einem Gedenken offenkundig, wie man täglich am Anschlagsort sehen kann. Wo der von dem Terroristen gelenkte Lastwagen in den Weihnachtsmarkt raste, gibt es große Inseln mit Blumen, Kerzen und persönlichen Grüßen. "Warum?" steht auf einer selbstgemalten Tafel, auf einer anderen "Love will win" ("Die Liebe wird siegen."). Viele Berliner und Touristen verharren dort stumm. Auch die Gedächtniskirche hat dieses Bedürfnis festgestellt, wie ihr Gemeindevorstand Anselm Lange berichtet. "Das hat überhaupt nicht aufgehört." Lange erklärt sich die Unsicherheit der Behörden im Umgang mit dem Gedenken mit mangelnder Erfahrung. "Vielleicht waren alle ein bisschen überfordert."
Das scheint noch immer der Fall zu sein. Derzeit überlegt nur die Gemeinde, ob sie nicht doch noch eine zentrale Gedenkveranstaltung in der Gedächtniskirche abhält, wo auch das Kondolenzbuch ausliegt. Sie müsste, damit das Ereignis nicht zu weit weg ist, in den nächsten drei Wochen stattfinden, so Lange. Im Berliner Senat weiß man davon nichts und verweist darauf, dass ein Signal für eine zentrale Veranstaltung vom Bund kommen müsse. Wo man jedoch wiederum auf den Senat wartet. Das Bundespräsidialamt jedenfalls hat "keine Kenntnis von konkreten Plänen seitens Berlins", so die Auskunft. Eine Koordinierung findet offensichtlich nicht statt; keiner fühlt sich so recht zuständig.
Weiter gediehen sind Überlegungen, am Tatort eine Stele oder Tafel aufzustellen. Damit befasst sich der zuständige Stadtbezirk Charlottenburg. Klar ist, dass sie kommen soll. Vorbild könnte Paris sein, wo an den Orten der Anschläge vom 13. November 2015, darunter dem Musiktheater Bataclan, Schilder mit den Namen der dort Getöteten aufgestellt wurden. Präsident François Hollande und Bürgermeisterin Anne Hidalgo persönlich enthüllten sie - freilich auch erst am ersten Jahrestag der Anschläge.
Extra
Die deutschen Schausteller wollen keine komplette Umzäunung aller Kirmesplätze als Konsequenz aus dem Anschlag von Berlin. "Eine totale Umzäunung und Betonisierung von Volksfesten können wir uns nicht vorstellen", sagte der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Albert Ritter, am Mittwoch in Bonn. "Aus Festen dürfen keine Festungen werden." Man dürfe da nicht in Aktionismus verfallen, sondern müsse mit Augenmaß handeln. "Wir können nicht Veranstaltungen mit Millionen von Besuchern so behandeln, als würden wir jeden Einzelnen in eine Diskothek einlassen." Der Deutsche Schaustellerbund trifft sich von heute an in Bonn zu seinem Jahrestreffen mit 500 Delegierten. Etwa 1300 Gäste werden erwartet. Ein Hauptthema ist der Anschlag von Berlin. Der Verband betonte, bei Kirmessen sei immer auf die Sicherheit geachtet worden. Nötig seien aber bundesweit einheitliche Konzepte, die auch wirklich einen Effekt erzielten. "Wenn wir zusätzliche Sicherheitskräfte beschäftigen wollen, dann brauchen wir zertifizierte und nicht einfach nur Parkplatzwächter, denen man eine Weste anzieht", sagte Ritter. Ähnlich sei es bei neuer Technik wie Videoüberwachung. Bei dieser müsse etwa von Anfang an sichergestellt sein, dass die Aufnahmen am Ende auch wirklich zu verwerten seien. dpa

 

 

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