/dossier/default

Martin Schulz - Vom Europäer zum starken Mann in Berlin

Warum die SPD im Bundestagswahlkampf gegen Merkel auf den Rheinländer setzt

(Berlin) Ein Neuling in der Bundespolitik fordert bei der Wahl im September Kanzlerin Angela Merkel heraus. Martin Schulz ist als langjähriger Europapolitiker und soeben abgetretener Präsident des Europaparlaments zwar allgemein bekannt. In Berlin war er bislang aber eher selten zu sehen. Für viele ist der 61-Jährige daher innenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt. Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

25.01.2017
Stefan Vetter
Berlin. Dass Martin Schulz von der europäischen Bühne in Brüssel auf die bundespolitische in Berlin wechseln würde, steht schon seit November vorigen Jahres fest. Der 61-jährige Sozialdemokrat selbst hatte den Entschluss unter reger medialer Anteilnahme offenbart. Nur, in welcher künftigen Verwendung, darüber durfte praktisch bis zum jüngsten Tag gerätselt werden.

Außenminister? Kanzlerkandidat? Oder am Ende gar Kanzlerkandidat und SPD-Chef? Letzteres galt als die am wenigsten wahrscheinliche Variante. Doch nun ist es genau so gekommen, nachdem sich Sigmar Gabriel als sicher geglaubter Favorit selbst aus dem Rennen nahm.

Selbstbewusstes Naturell


Mit seinem überaus selbstbewussten Naturell hatte Schulz allerdings auch schon vorher zu verstehen gegeben, dass er beide Posten ausfüllen könnte. Und das nicht nur zur Freude in den eigenen Reihen. Von der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zum Beispiel wurde berichtet, dass sie von der Selbstdarstellung ihres Landsmannes herzlich wenig hält.

Als Kanzlerkandidat muss sich Martin Schulz nun dem nationalen Publikum empfehlen. Sicher wird er das auch unter Verweis auf seine große internationale Erfahrung tun. Europapolitisch jedenfalls macht ihm keiner so schnell etwas vor. Schließlich war Schulz fünf Jahre lang Präsident des EU-Parlaments. Europa-Abgeordnete, die ihn schätzen, sagen, dass er sich diese Position hart erarbeitet hat, dass er deshalb aber nie die Nähe zu den "einfachen Leuten" verlor. Andere wiederum sehen seinen Machtanspruch kritisch. Aber wer den nicht hat, ist in der Politik sicher fehl am Platz.

Schulz wird am 20. Dezember 1955 in Hehlrath bei Aachen als jüngstes von fünf Kindern geboren. Der Vater ist Polizeibeamter und SPD-Anhänger. Die Mutter ist streng katholisch und Mitbegründerin des CDU-Stadtverbandes von Würselen. Dort zieht die Familie schon bald hin. Schulz spielt leidenschaftlich gern Fußball, will sogar Profikicker werden. Eine Knieverletzung sorgt für Ernüchterung.

Bundestagswahl 2017


Schon damals zeichnet ihn aber auch bereits ein flottes Mundwerk aus. Mit 19 Jahren wird er SPD-Mitglied. Schulz engagiert sich bei den Jusos und macht eine Ausbildung zum Buchhändler. Das wohl dunkelste Kapitel aus dieser Zeit ist seine Alkoholsucht. Er stellt sich die Überlebensfrage: "Du muss dich jetzt entscheiden: Entweder du gehst zugrunde oder du hörst auf zu trinken", heißt es in einer Biografie über Schulz. Und er hat aufgehört. Bis heute ist er abstinent.

1987 wird Schulz Bürgermeister von Würselen und sieben Jahre später ins Europaparlament gewählt. Dort sorgt er 2013 mit einem Wortgefecht für großes Aufsehen. Schulz kritisiert den italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi, der ihn dafür als potenziellen Chef eines Nazi-KZ verunglimpft.

Wortgewaltig ist Schulz nach wie vor. Auch, weil er gleich sechs Fremdsprachen spricht. Dabei hat er nicht einmal das Abitur. Wegen schlechter Schulnoten gab es keine Zulassung. Doch spätestens seit Joschka Fischer ist so etwas bekanntlich kein Makel mehr.

Ersehnter Schub


Fischer wusste übrigens auch, wie Wahlkampf geht. Genauso wie Schulz. Den Beweis hat er vor drei Jahren als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für die Europawahl geliefert. Mit Schulz konnte die SPD damals ihr dürftiges Ergebnis von 2009 um fast ein Drittel auf 27,8 Prozent verbessern. Einen vergleichbar starken Schub sehnen die Genossen natürlich auch für die Bundestagswahl im Herbst herbei. Für das Zugpferd Schulz spricht, dass er stets deutlich bessere Umfragewerte vorweisen konnte als sein alter Kumpel Sigmar Gabriel. Im direkten Vergleich mit Amtsinhaberin Merkel liegt allerdings auch er deutlich hinten.

Die Frage bleibt, ob und wie sich Schulz bis zum September noch innenpolitisch profilieren kann. Selbst den allermeisten SPD-Mitgliedern dürfte es ein Buch mit sieben Siegeln sein, für was der neue Hoffnungsträger hier eigentlich genau steht. Schulz fuhr ja bislang auch ausschließlich auf dem "Europa-Ticket".

Auch hat die SPD das Talent, ihre Vorsitzenden lustvoll selbst zu demontieren. Andererseits ist Schulz im Berliner Politikbetrieb ein neues und unverbrauchtes Gesicht. Das kann sich für die Partei auszahlen. Ein politisches Alphatier ist der "Weltbürger aus Würselen" allemal.