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Merkel hat das letzte Wort – und Schulz das erste

(Berlin) Deutschland wartet auf das große Fernseh-Duell am Sonntagabend. Studio, Politiker und Moderatoren sind vorbereitet. Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

01.09.2017
Werner Kolhoff
„Mann, Frau, Mann, Frau“, schlägt Sandra Maischberger (ARD) vor. Einverstanden, sagen die anderen. In dieser Reihenfolge also werden die vier Fragesteller beim großen Fernseh-Duell am Sonntagabend am Moderatorentisch stehen. „Wir können das zur Not ja immer noch ändern“, sagt Maybrit Illner (ZDF). Wie Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) stehen werden, wurde länger geplant. Ihre weißen Pulte sind in einem leichten Winkel zueinander gerichtet. Die beiden sollen sich sehen, aufeinander eingehen – und wenn es geht auch streiten. 
 
 In Berlin-Adlershof ist für den großen Showdown des Bundestagswahlkampfs alles gerichtet. Nach sechs Fernseh-Duellen seit 2002 hat man allerdings damit auch schon Routine. Es ist das gleiche Studio wie immer, Studio B, das gleiche helle Blau. Im Nachbargebäude schauen 350 Journalisten und 400 weitere geladene Gäste auf einer Großbildleinwand zu. Darunter Parteienvertreter, Minister, aber auch Fernseh-Unterhalter Thomas Gottschalk. Die vier übertragenden Sender werden von hier aus hinterher Interviews senden. Wer war besser, was war entscheidend, wer hat gewonnen? Schon kurz nach dem Duell soll es dazu auch Umfrage-Ergebnisse geben. 
 
 Für Sandra Maischberger sind die Rollen klar: Merkel wird der direkten Konfrontation ausweichen wollen, wie noch jeder Amtsinhaber. Schulz wird sie anstreben, wie noch jeder Herausforderer. Umfragen zufolge wollen 48 Prozent der Wahlberechtigten die Sendung sehen, zehn Prozent sagen, der Ausgang könne ihre Wahlentscheidung beeinflussen. Das ist für Merkel gefährlich, für Schulz attraktiv. Und die Moderatoren – das hilft Schulz – wollen auch eine spannende Sendung, sie werden nachhaken. 
 
 Das Format wiederum nützt Merkel. Womöglich hat das Kanzleramt deshalb so heftig darauf beharrt, dass nichts verändert wird. Nicht zwei Duelle, kein breiterer Raum für eine Diskussion unter den Kandidaten selbst, keine Zuschauer im Studio. „Entweder zu den alten Regeln oder kein Duell“, habe es seitens der Merkel-Vertreter geheißen, berichtet ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Sein Vorgänger Nikolaus Brender hat das „Erpressung“ genannt. Am Donnerstag nahmen die Parteivertreter das Studio ab, und einigten sich mit Regiechef Lutz Braune noch über letzte Details. Dazu gehört, dass die Kameras nicht allzu nah rangehen an Gesichter, die eventuell schwitzen, oder Hände, die eventuell zittern.

 Die Bilder sollen „zurückhaltend“ sein, sagt Braune. Jede Antwort darf nur 60 bis 90 Sekunden dauern, und für jeden Kandidaten wird ein Zeitkonto geführt, das beide auf ihren Monitoren auch ständig sehen können und das am Ende ausgeglichen sein soll. Dafür sorgen die Moderatoren. Ausgelost wurde bereits, dass Schulz die erste Frage gestellt bekommt und Merkel bei den wichtigen Schlussstellungnahmen als letzte reden darf. Außer, dass es um vier Themenkomplexe geht – Migration, Außenpolitik, soziale Gerechtigkeit und innere Sicherheit – wissen die Kandidaten nichts über die Fragen. 
 
 Beide bereiten sich mit ihren Stäben bis zuletzt auf alle möglichen Situationen intensiv vor; von Schulz ist bekannt, dass er dafür den österreichischen Coach Markus Peichl engagiert hat. Der SPD-Mann hat sich vorgenommen, offensiv aufzutreten: „Korsette passen mir nicht“, sagt er. 

Auch die Moderatoren gehen an diesem Wochenende in Klausur, in die „Feinabstimmung“ der Fragen. „Wir sind definitiv ein Viererteam“, sagt Claus Strunz (Sat.1). Einzelgänge soll es nicht geben – nicht wie Stefan Raab, der letztes Mal ein bisschen seine eigene Show machte und sich mit dem Spruch „King of Kotelett“ profilierte. Peter Kloeppel (RTL), der wie Illner schon bei allen Fernseh-Duellen dabei war, glaubt, dass es trotz aller Vorgaben spannend werden wird. „Es hat bisher noch immer funktioniert.“