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Wenn ein Stein der Galle den Weg versperrt

Es gibt Menschen, die „steinreich“ sind und darauf am liebsten verzichten würden – wenn denn der „Reichtum“ auf Gallensteinen beruht. Bei rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung ist dies der Fall.

15.04.2016
Doch während bei der Mehrheit der Betroffenen keine Beschwerden auftreten und viele bis zu ihrem Lebensende nicht mitbekommen, dass sie einen Gallenstein haben, werden nicht wenige von jetzt auf gleich von höllischen Schmerzen heimgesucht. Hat sich ein Stein am Übergang von der Gallenblase zum Gallengang festgesetzt, sind schwere Koliken die Folge.
 
Das Tückische

„Meist haben die Patienten vorher keinerlei Symptome, die Schmerzen kommen also aus voller Gesundheit heraus“, sagt Professor Dr. Detlef Ockert, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Saisonale Höhepunkte gibt es dennoch, weiß der Mediziner: So schnellt um die Weihnachtsfeiertage die Zahl der Patienten nach oben, was auch nicht weiter verwunderlich ist: Fettreiche Mahlzeiten und Völlerei sind optimale Reizfaktoren für die Galle. 
 
Wie die Leber sind Gallenblase und Bauchspeicheldrüse zentrale Stoffwechselorgane des menschlichen Körpers und insbesondere für die Verdauung von immenser Bedeutung. Dabei wird der Gallensaft nicht etwa in der gleichnamigen Blase, sondern in der Leber gebildet. Bei der Flüssigkeit handelt es sich um eine Art „Fettlöser“, beschreibt Professor Dr. Christian Kölbel, Chefarzt der Inneren Medizin I des Brüderkrankenhauses Funktion und Wirkweise der Galle: Trifft Fett auf Wasser, schwimmt ersteres oben und wird nicht aufgespalten. Anders der Gallensaft, der von der Leber über den Gallengang in den Dünndarm fließt und so für die bessere Aufnahme von Fetten im Körper sorgt. Die Gallensäuren emulgieren Fett.
 
Die Gallenblase hält etwas von diesem körpereigenen Lösungsmittel zurück, speichert es und dickt den Saft ein.  Die Gallenblase kann ca. 50-100ml Galle aufbewahren und bei Bedarf über den Gallengang in den Dünndarm abgeben. Hat der Mensch sich nun ein Stück Sahnetorte oder ein schweres, fettreiches Essen einverleibt, sorgt das Reservoir für Nachschub. Da es sich bei der Gallenblase um einen Muskel handelt, zieht sich das Organ zusammen, um den Saft in den Gallengang zu pressen. Die meisten Menschen spüren davon wenig bis nichts.
 
Für andere kann dieser Vorgang jedoch aus heiterem Himmel zur schlimmen Pein werden. Denn zum Problem wird das Ganze, wenn ein Stein im Gallengang festsitzt und den Durchfluss blockiert. Dass sich über kurz oder lang bei vielen Menschen in der Gallenblase Steine finden, hat zwei Ursachen: Zum einen besteht die Gallenflüssigkeit aus Salzen, die sich in der Blase in einer Art Schwebezustand befinden und zunächst Gries und schließlich einen Stein bilden können, erläutert Kölbel. Gelangt dieser nun in den Gallengang, kommt es zu spürbaren Komplikationen. Rasches Handeln ist erforderlich, zumal die Schmerzen unerträglich sind und der Dünndarm nicht mehr mit dem so wichtigen Gallensaft versorgt werden kann. Meist muss sich der Patient dann zwei Eingriffen unterziehen.

Teamarbeit zwischen Internist und Chirurg

Die Behandlung von Gallensteinen ist im Brüderkrankenhaus immer Teamarbeit, betonen denn auch Internist Kölbel und Chirurg Ockert. In einem ersten Schritt führt der Gastroenterologe über den Mund des Patienten ein Endoskop ein und befördert auf diesem Weg winziges Werkzeug bis zu jener Stelle, wo der Stein den Gang versperrt. Dieses Verfahren wird ERCP genannt. Kölbel und seine Kollegen entfernen dann schonend den schmerzauslösenden Fremdkörper. Ist der Stein besonders groß, muss er im Gallengang zertrümmert und die Bruchstücke über das Endoskop rückstandsfrei entnommen werden. In einem zweiten Schritt entfernt der Chirurg die Gallenblase. Wobei auch dieser Eingriff in der Regel minimalinvasiv erfolgt, in diesem Fall über ein durch die Bauchdecke eingeführtes Laparoskop. Dass die Gallenblase entfernt wird, begründet Ockert mit der Gefahr, dass sich ansonsten ein weiteres Mal Steine bilden könnten; zumal eine gewisse genetische Disposition vorliegen kann, weshalb in manchen Familien Gallenleiden gehäuft auftreten.
 
Läuft alles nach Plan, verlässt der Patient nach wenigen Tagen das Krankenhaus. Doch bisweilen zieht ein Gallenstein weitere Leiden nach sich. Zum Beispiel dann, wenn dieser sich am Übergang vom Gallengang zum Dünndarm festgesetzt hat. Weil dort, einem Delta gleich, auch die Verbindung von der Bauchspeicheldrüse in den Zwölffingerdarm mündet, sind auf einen Schlag zwei Wege versperrt. Die möglichen Folgen: Der Gallensaft staut sich bis in die Leber zurück und verursacht eine Gelbsucht, und neben dem Fettlöser gelangen nun auch die in der Bauchspeicheldrüse gebildeten Verdauungssekrete nicht mehr in den Darm. Häufig kommt es so auch zu einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die durchaus lebensbedrohlich werden kann. Gallensteine gelten als  häufige Ursache dieser akuten Pankreatitis, aber auch der übermäßige Konsum hochprozentigen Alkohols, etwa in Form von Schnäpsen und möglicherweise kombiniert mit fettreichem Essen, zählen zu den wesentlichen Auslösern.
 
So sind denn sowohl Erkrankungen der Gallenblase als auch Entzündungen der Bauchspeicheldrüse auch die Folge von Zivilisationserkrankungen, allen voran von Übergewicht oder Alkoholkonsum, unterstreichen Ockert und Kölbel unisono. Während von Gallenleiden deutlich mehr Frauen betroffen sind und sich der Stein zu allem Übel oftmals während einer Schwangerschaft bildet und nach der Schwangerschaft irgendwann meldet, sind von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, die sich in heftigen, gürtelartigen Schmerzen des Oberbauchs äußern, mehr Männer betroffen. Studien zufolge steigt mit dem wiederholten Auftreten einer Pankreatitis auch die Gefahr, später an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, warnt Ockert.
 
„Galle und Bauchspeicheldrüse im Zentrum“ lautet das Thema einer Informationsveranstaltung an diesem Mittwoch, 20. April, von 17 bis 18.30 Uhr im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Unter dem Motto „Patienten fragen - Experten antworten“ stehen neben den Chefärzten Professor Ockert und Professor Kölbel die Leitenden Oberärzte Dr. Stefan Franzen und Dr. Michael Knoll Rede und Antwort. Die Mediziner berichten über Ursachen, Diagnose und Therapie von Gallensteinen sowie über Zysten der Leber und der Bauchspeicheldrüse. Auch wird es ein Referat über bösartige Tumore der Bauchspeicheldrüse und der Gallenwege geben.