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Verschluss in den Gefäßen, Gefahr in Verzug

Von der Arteriosklerose bis zum Venenleiden: Patienten sollten Symptome nicht ignorieren

18.11.2016

Mehr als 7000 Liter Blut transportieren die Venen täglich zum Herzen. Allein die Menge lässt erahnen, welche Kraftanstrengung diesen Gefäßen abverlangt wird. Weil obendrein die Schwerkraft überwunden werden muss, werden Muskeln und Venenklappen quasi permanent Höchstleistungen abverlangt. Ein gesunder Mensch bekommt hiervon wenig mit, doch gerät das System ins Stocken, sind körperliche Beeinträchtigungen nur noch eine Frage der Zeit.

Dafür, dass das Blut nicht wieder zurückfließt, sondern sich langsam zum „Motor des Lebens“, sprich das Herz „vorarbeiten“ kann, sorgen allen voran besagte Venenklappen. Funktionieren diese mehr schlecht als recht, sind die Folgen vielfältig und unangenehm, berichtet Dr. med. Elke Lenz. Die Oberärztin der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier führt beispielhaft die chronisch venöse Insuffizienz (CVI) ins Feld.

Bei einer CVI arbeiten die Klappen arbeiten nicht mehr im gewohnten reibungslosen Modus, etwa weil sie infolge einer Thrombose geschädigt wurden. Fortan kommt es nun zu Störungen beim Rücktransport des Blutes zum Herzen. Ödeme treten auf, Einlagerungen von Wasser in Gewebe; auch Hautverfärbungen und -verhärtungen sowie Geschwüre drohen. Ein langjähriges Venenleiden führt bei vielen Patienten zum „offenen Bein“, wie die kaum mehr abheilenden Wunden im Bereich der Unterschenkel landläufig genannt werden. Führt eine CVI zum Geschwür, ist eine operative Behandlung oft unumgänglich.

Gerät der Fluss in den Bahnen aus dem Ruder, fließt also entweder zu wenig oder zu viel Blut durch die Gefäße, ist häufig Gefahr in Verzug. Darauf weist auch Frank Faßbinder hin, Facharzt im Zentrum für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin des Brüderkrankenhauses. Er erläutert die Beschaffenheit der beiden wichtigsten Blutgefäße: Während sich Arterien durch relativ kräftige Gefäßwände auszeichnen, sind die der Venen von eher dünner Beschaffenheit. Eine Blockade in der Arterie führt zur arteriellen Verschlusskrankheit, in der Vene kommt es in der Regel zu einer Thrombose. Neben einer krankhaften Verengung der Arterie (Arteriosklerose) ist auch eine lebensbedrohliche Erweiterung der Gefäße (Aneurysma) möglich.

Dreiklang aus therapeutischen Angeboten dank neuer Möglichkeiten

Im Zentrum für Gefäßmedizin des Brüderkrankenhauses ist man auf die Diagnose und Behandlung unterschiedlichster Gefäßleiden spezialisiert. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf einem Dreiklang aus therapeutischen Angeboten: der operativen Behandlung durch die Gefäßchirurgie, der internistisch ausgerichteten konservativen Therapie (Angiologie) und der interventionellen Radiologie, bei der die verengten Blutadern mittels winziger Katheter unter Röntgenkontrolle behandelt werden.

„Dank modernster bildgebender Verfahren und minimalinvasiv einsetzbarer Stent-Systeme lassen sich auch nach bis zu acht Stunden noch beachtliche Erfolge erzielen.“

Welche Möglichkeiten das Brüderkrankenhaus auf dem Gebiet der Notfallbehandlung von Schlaganfallpatienten vorweisen kann, macht Frank Faßbinder deutlich. Gerade bei einem Schlaganfall gilt es bekanntlich keine Zeit zu verlieren, sinken doch die Aussichten auf ein selbstbestimmtes und weitgehend beeinträchtigungsfreies Leben mit jeder Minute, in welcher der Betroffene nicht behandelt wird. Dank modernster bildgebender Verfahren und minimalinvasiv einsetzbarer „Stent-Retriever“-Systeme, lassen sich auch bis zu acht Stunden nach Beschwerdebeginn noch beachtliche Erfolge erzielen. „Diese Therapie ist insbesondere bei Patienten, bei denen die rein medikamentöse Auflösung des Blutgerinnsels nicht erfolgreich oder möglich war, eine segensreiche Ergänzung“, erklärt Frank Faßbinder. Seit der großen Vergleichsstudie „MR CLEAN“, die im September 2014 veröffentlicht wurde, steht die Wirksamkeit der Methode auf einem gesicherten wissenschaftlichen Fundament. Weltweit sind nun alle Zentren, die sich schwerpunktmäßig mit der Behandlung von Schlaganfällen beschäftigen, verpflichtet, diesem wissenschaftlich bewiesenen Standard gerecht zu werden. Aktuell ist das Brüderkrankenhaus in der Region Trier das einzige spezialisierte Zentrum, das diese Therapieform anbietet.

Zum Einsatz kommt diese jedoch nur bei Patienten, bei denen anhand eines CT festgestellt wurde, dass auch mehrere Stunden nach dem Schlaganfall noch ausreichend überlebensfähige Zellen im betroffenen Gehirnbereich vorhanden sind, die eine gute Langfristprognose für den Patienten versprechen. Um dies rasch abklären und die nötigen Therapieschritte einleiten zu können, braucht es modernste Spitzentechnologie sowie qualifizierte und erfahrene Mitarbeiter. Gute Gefäßmedizin funktioniert zudem nur im Team: Gemeinsam mit den niedergelassenen Haus- und Fachärzten optimiert das zertifizierte Zentrum für Gefäßmedizin die Behandlung und Nachsorge der Patienten.

Handelt es sich bei einem Hirninfarkt um eine lebensbedrohliche Diagnose, erscheinen andere Gefäßleiden manchen auf den ersten Blick als eher vernachlässigbar. So sind von Krampfadern viele Menschen betroffen, von denen sich nicht wenige fragen, ob es sich hierbei vor allem um ein ästhetisches Problem handelt. Tatsächlich sollte man Krampfadern, bei denen es sich um eine Schädigung der oberflächlichen Venen handelt, immer im Auge behalten, rät Dr. med.Elke Lenz. Denn längerfristig können diese auch die tiefen Venen belasten und so den Druck in Venen und Gewebe erhöhen.

Krampfadern lassen sich häufig konservativ durch Kompression behandeln, doch bietet sich in vielen Fällen auch ein chirurgischer Eingriff an. Beispielsweise, um den sogenannten Venenstern in Leiste und Kniekehle zu sanieren oder eine veränderte Stammvene zu entfernen. Auch eine Verödung durch Radiofrequenz, Laser, Kleber oder Dampf steht als Therapiemöglichkeit offen, doch tragen die Krankenkassen bei diesen Verfahren meist nicht die Kosten.

Frühzeitig medizinischen Rat einholen

Allen Gefäßleiden ist gemein: Je früher die Betroffenen fachmedizinischen Rat einholen und eine zielführende Behandlung eingeleitet wird, desto größer sind die Aussichten, das Problem in den Griff zu bekommen. Wer Symptome lange ignoriert, zahlt unter Umständen einen hohen Preis – und im schlimmsten Fall auch mit seinem Leben.