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Wenn Schwachstellen dem Druck nicht mehr standhalten

Leisten-, Narben- und Bauchwandbrüche sind weit verbreitet und lassen sich nur chirurgisch behandeln

10.02.2017

Die einen klagen über dumpfes Unwohlsein, andere berichten von einem ziehenden Schmerz. Nicht selten ist das Übel bereits sichtbar, mitunter lässt es sich auch ertasten: Zeigt sich eine Vorwölbung, führt kein Weg am behandelnden Hausarzt vorbei. Dieser überweist an den Chirurgen, denn hat sich eine Hernie gebildet, ist meist Handeln angesagt.

Brüche in Leiste, Bauchwand oder auch Narbenhernien sind weit verbreitet und in den weitaus meisten Fällen unvermeidbar. Denn zum Bruch kommt es infolge des Aufeinandertreffens zweier anatomischer Faktoren, die sich wechselseitig ungünstig beeinflussen können. Auf den Punkt gebracht: Massiver Druck trifft auf körperliche Schwachstelle, und gewissermaßen wird bei Hernien die arg strapazierte Floskel vom vermeintlich „schwachen Geschlecht“ in ihr Gegenteil verkehrt. Männer sind von Leistenbrüchen etwa neunmal häufiger betroffen als Frauen.

Denn auf der Leistenregion lagert von Natur aus immenser Druck, trägt doch das Becken den größten Teil der Bauch- organe. In aller Regel sind die Gewebeschichten des menschlichen Körpers stark genug, diesem Druck dauerhaft standzuhalten. Doch weil sich beim Mann über den Leistenkanal Blutgefäße und Samenleiter den Weg vom Hoden zum Bauchraum bahnen, klaffen kleine Lücken, veranschaulicht Professor Dr. med. Detlef Ockert, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Das ist denn auch der wesentliche Grund dafür, dass es vor allem Männer sind, denen Leistenbrüche zu schaffen machen.

Im schlimmsten Fall droht ein lebensgefährlicher Darmverschluss

Mit rund 200.000 OPs jährlich zählt die operative Behandlung von Leistenhernien in Deutschland zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen. Ist die Diagnose gestellt, reicht meist eine minimalinvasive OP aus, um die Schwachstelle im Körper und damit den Bruch zu beheben. „Hierbei wird bei der großen Mehrzahl der Patienten über eine Laparoskopie ein 9 mal 15 Zentimeter großes Kunststoffnetz in die Leiste eingesetzt“, erläutert Dr. med. Nina Manderscheid, Fachärztin der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie. „Dieses verwächst binnen weniger Wochen mit Bauchfell und Bauchwand und beseitigt so die einstige Schwachstelle“, erklärt sie. Kleine Leistenhernien beim Mann, die keine Beschwerden verursachen, müssen nicht operiert werden. Bei der Frau allerdings besteht die Empfehlung zur Operation. Überhaupt sollte man einen Bruch immer im Auge behalten, denn diesen und etwaige Schmerzen über einen längeren Zeitraum zu ignorieren, könnte unter sehr ungünstigen Umständen zu lebensgefährlichen Komplikationen führen, warnt Nina Manderscheid. Die lauernde Gefahr heißt „Darmverschluss“, und obschon dieser eher selten ist, kann er grundsätzlich bei jedem Betroffenen auftreten und tödlich enden – dann, wenn durch die bestehende Lücke in der Bauchwand Darmanteile treten und abgeklemmt werden. Ist dies der Fall, sterben Teile des Darms rasch ab. Meist äußert sich diese Einklemmung durch plötzlich auftretende massive Schmerzen, nicht selten kombiniert mit erheblichen Problemen beim Stuhlgang sowie heftiger Übelkeit. Eine Notfall-OP ist nun unausweichlich, ansonsten ist das Leben des Patienten nicht mehr zu retten.

Generell sollte niemand bei einer Hernie auf seine körperlichen Selbstheilungskräfte vertrauen – ein Bruch, und ist er noch so klein, wird sich nicht von alleine zurückbilden, betont Professor Ockert und ergänzt: „Brüche sind mechanische Probleme, die sich deshalb auch nur durch ein mechanisches Verfahren, sprich die Chirurgie behandeln lassen.“ Setzte man einst auf die heute nicht mehr genutzten Bruchbänder, kommt nunmehr bei fast allen Patienten die Netz-Lösung zum Zug. Ob dessen Einsatz minimalinvasiv oder im Rahmen einer offenen OP erfolgt, hängt von bestimmten Faktoren wie etwaigen Vorerkrankungen oder bereits vorgenommenen Eingriffen im Bauchraum ab, erläutert Ockert.

Die Netz-Lösung mindert das Risiko eines neuerlichen Bruchs

Dass man sich einen Bruch auch heben kann, weiß der Volksmund und sagt damit nur die halbe Wahrheit. Denn sind die körperlichen Schwachstellen in der Bauchwand vorhanden und – beispielsweise in Form von Übergewicht – einem besonderen Druck ausgesetzt, wird sich eine Hernie über kurz oder lang kaum vermeiden lassen. Allerdings ist es gerade für Risikopatienten durchaus von Vorteil, das Heben größerer Lasten zu vermeiden oder aber in die Knie zu gehen, statt aus dem Stand heraus Gewichte zu reißen; und da sich Übergewicht generell nachteilig auf die Gesundheit auswirkt und jedem Körper zusetzt, sind ein paar Pfunde weniger immer von Vorteil.

Zumal nach der Behandlung einer Hernie, denn dann gilt es zunächst für mehrere Wochen, körperliche Belastungen möglichst in Grenzen zu halten. Zwar konnte mithilfe der Netz-Lösung die Zahl der Rezidive, also des neuerlichen Auftretens eines Bruchs an derselben Stelle nahezu auf null gesenkt werden, doch ist bei der Therapie auch der Patient gefragt.

VERANSTALTUNGSTIPP

„Hernien im Zentrum“ lautet der Titel einer Informationsveranstaltung am kommenden Mittwoch, 15. Februar, von 17:00 bis 18:30 Uhr im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Unter dem Motto „Patienten fragen – Experten antworten“ stehen neben Chefarzt Professor Dr. med. Detlef Ockert auch Dr. med. Stefan Franzen, Leitender Oberarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, sowie Dr. med. Nina Manderscheid, Fachärztin der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Rede und Antwort.

Weitere Informationen unter
www.bk-trier.de