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Mit der Netzversorgung die Soll-Bruchstelle beheben

Großer Andrang bei Informationsveranstaltung zu Hernien im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

22.02.2017

Jeder vierte Mann muss im Laufe seines Lebens damit rechnen, dass bei ihm eine Leistenhernie auftritt. Bei bis zu 80.000 Menschen jährlich kommt es in Deutschland zu einem Narbenbruch. Nur zwei Zahlen die verdeutlichen, wie verbreitet Hernien sind. Einen Beleg für die Bedeutung des Themas lieferte auch die enorme Resonanz auf eine Patienten-Informationsveranstaltung im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier.

Was manche Menschen als Schmerz empfinden, ist für andere kaum wahrnehmbar. Auf die Frage, wann eine Pein zum Problem wird, gibt es oftmals nur eine subjektive Antwort. Die akuten Symptome einer eingeklemmten Leistenhernie hingegen können selbst leidgeprüfte und schmerzerprobte Patienten nicht ignorieren: „Das ist ein extrem ausgeprägter Schmerz“, erklärte Dr. med. Stefan Franzen, Leitender Oberarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie des Trierer Brüderkrankenhauses.

Wird ein Stück des Darms im Zuge eines Bruchs eingeklemmt, gilt es, keine Zeit zu verlieren. Schwere Durchblutungsstörungen bis hin zum Darmverschluss drohen; Teile des Darms sterben ab und müssen entfernt werden. „Wenn Sie derartige Schmerzen haben, kommen Sie bitte sofort ins Krankenhaus! Ob am Wochenende oder mitten in der Nacht. Das ist ein absoluter Notfall“, appellierte Dr. Franzen an die Zuhörer.

Soweit muss es nicht kommen, und nur bei einer Minderheit der von Hernien betroffenen Patienten ist eine derart folgenschwere Eskalation des Bruchleidens zu erwarten. Doch der Oberarzt wie auch seine Kollegen, Chefarzt Professor Dr. med. Detlef Ockert und Fachärztin Dr. med. Nina Manderscheid machten in ihren Vorträgen deutlich, dass die Betroffenen es bis zu einem gewissen Punkt selbst in der Hand haben, wie dramatisch sich ihre Situation zuspitzt.

Beispiel Leistenbruch: Rund 27 Prozent der Männer müssen damit rechnen, dass sich im Laufe ihres Lebens eine Hernie bildet. Es kommt zu Schwellungen und Schmerzen, doch nicht selten halten sich die Auswirkungen des Bruchs anfangs noch in Grenzen oder machen sich gar nicht bemerkbar. Verursacht ein Bruch keine Schmerzen und ist noch klein, ist kontrolliertes Zuwarten eine Option, erklärte Dr. Nina Manderscheid. Soll heißen: Hausarzt und Patient behalten die Hernie im Auge und planen erst bei Fortschreiten oder Beschwerden des Bruchs eine OP.

Anders stellt sich die Situation für Frauen dar. Von diesen laufen zwar nur drei Prozent Gefahr, einen Leisten- oder Schenkelbruch zu entwickeln. Da aber beim weiblichen Geschlecht das Risiko größer ist, dass es zu einer Einklemmung kommt, lautet die klare Empfehlung, sich umgehend nach Diagnosestellung operieren zu lassen. Auf die Frage, ob man eine OP auch dann schon vornehmen lassen sollte, wenn die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist, antwortete Manderscheid: „Auch dann!“

Dass Brüche grundsätzlich jede und jeden treffen können, betonte Professor Ockert. In bestimmten Körperregionen, allen voran der Bauchdecke, gebe es nun einmal Öffnungen, die ihre Funktion hätten, zugleich aber eine Art „Soll-Bruchstelle“ bildeten. Die Frage eines Besuchers, ob man bei einer diagnostizierten Hernie weiter ins Fitnessstudio gehen dürfe, bejahte Professor Ockert. Alles, was die Bauchmuskulatur stärke und Gewicht reduziere, sei grundsätzlich gut. Allerdings werde durch bestimmte sportliche Betätigungen auch Druck auf Schwachstellen ausgeübt, was zu einem Wachstum des Bruchs führen könne. Deshalb sollten die Trainingseinheiten mit dem Fitness- trainer oder Physiotherapeuten abgesprochen werden, empfiehlt der Chefarzt.

Nicht selten folgt die Hernie auch auf eine OP. Das ist der Fall bei sogenannten Narbenbrüchen. Hierzulande werden jedes Jahr rund 700.000 bis 800.000 Bauchoperationen durchgeführt. Rund zehn Prozent der Patienten müssen damit rechnen, dass sich bei ihnen im Nachgang ein Narbenbruch bildet. Bei der Hälfte der Betroffenen bildet sich ein solcher bereits im ersten Jahr nach dem operativen Eingriff, bei 80 Prozent tritt die Hernie spätestens binnen drei Jahren auf. Besonders gefährdet sind Patienten, die über 45 Jahre alt und übergewichtig sind, rauchen oder an Erkrankungen wie Zucker leiden.

Bei den weitaus meisten Brüchen setzen die Chirurgen auf eine Netzversorgung. Hierbei ist es zweitrangig, ob der Bruch minimalinvasiv laparoskopisch oder koventionell durch eine offene OP versorgt wird. Es werden in der Regel großporige und leichtgewichtige Kunststoffnetze eingesetzt, die auch spezielle Beschichtungen aufweisen sollten, wenn sie direkten Kontakt zum Bauchraum haben. Eine Bruchversorgung ohne Netzimplantation mit der sogenannten Direktdrahttechnik sollte wegen der Rezidivgefahr, also dem möglichen Wiederauftreten einer Hernie, nur bei kleinen Brüchen unter einem Zentimeter durchgeführt werden.