home

Schmerzhafter Engpass im Wirbelkanal - Behandlung bei spinaler Stenose: Wann an einer Operation kein Weg mehr vorbeiführt

16.06.2017
Nur kurze Strecken vermochte der Mann noch zurückzulegen, das Gehen fiel ihm zunehmend schwer. Mit der Zeit schränkte sich sein Bewegungsradius ein, doch auch das Stehen geriet für den Rentner zur anstrengenden Angelegenheit. Schmerzen im Rücken, die in die Beine ausstrahlten, machten ihm zu schaffen. Dass er nicht mehr so gut zu Fuß war, schob er anfangs auf sein Alter – bis selbst wenige Schritte ihm alles abverlangten.

Zum Glück für den Patienten, dass er endlich den Weg zum Hausarzt antrat. Der ging auf Nummer Sicher und forderte bildgebende Verfahren an. Eine Magnet-Resonanz-Tomografie schuf Gewissheit: Eine Wirbelkanalstenose bildete die Ursache des Übels, eine Einengung des Wirbelkanals, wie sie hierzulande jeden fünften Menschen im Alter jenseits des 60. Lebensjahrs trifft. „Das ist eine Volkskrankheit“, bestätigt Dr. Andy Ottenbacher, Oberarzt der Neurochirurgie und Ärztlicher Koordinator des Wirbelsäulenzentrums Trier im Brüderkrankenhaus. „Es kann jeden treffen“, weiß der Mediziner, und es werde immer mehr Menschen treffen. Weil altersbedingter Verschleiß eine wesentliche Ursache für die Bildung einer Stenose ist, wird in einer alternden Gesellschaft die Zahl der Betroffenen eher zunehmen. 
Wer verstehen will, weshalb man eine Spinalkanalstenose nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, muss sich Aufbau und Funktion des Wirbelkanals vor Augen führen: Hier verläuft das Rückenmark als Teil des Zentralnervensystems, und weil es sich beim Rückenmark um einen sehr empfindlichen Bereich handelt, über welchen Reize vom Gehirn auf den gesamten Körper weitergeleitet werden, hat der Spinalkanal nicht zuletzt eine schützende Funktion. Kommt es jedoch zu einer Verengung, etwa infolge eines Bandscheibenvorfalls, wird die Weiterleitung der wichtigen Impulse behindert und schlimmstenfalls lahmgelegt. Vielfältige Missempfindungen bis hin zu schwerwiegenden neurologischen Ausfallerscheinungen können die Folge sein; vor allem aber macht sich eine Stenose schmerzhaft bemerkbar.

Symptome geben Hinweis auf Lage der Stenose
Für Patienten und behandelnde Mediziner ist es wichtig herauszufinden, wo sich der schmerzauslösende Engpass befindet. Hierfür liefern die jeweiligen Symptome wichtige Hinweise, erklärt Dr. Ottenbacher. Verursacht ein Engpass im Bereich der zur Halswirbelsäule (HWS) zählenden Wirbelsäulensegmente die Beschwerden, äußert sich dies häufig in einem Kribbeln in Beinen und Händen oder in Gangstörungen. Liegt eine Stenose im Bereich der Lendenwirbelsäule  (LWS) vor, kommt es zu den eingangs geschilderten Symptomen der bis in die Beine ausstrahlenden Schmerzen.  Hinzu kommt:  Beschwerden aufgrund einer Stenose können sich sowohl als lokale Rückenschmerzen im Bereich der Wirbelsäule als auch als ausstrahlende Schmerzen bemerkbar machen. Bisweilen deuten die Symptome auch auf andere Leiden wie die aus Durchblutungsstörungen herrührende „periphere arterielle Verschluss-Krankheit“ pAVK hin – im Volksmund „Schaufensterkrankenheit“ genannt. Verwechslungen und in deren Folge wenig zielführende Therapien kommen vor.

Dafür, dass die garantiert richtige Diagnostik und die bestmögliche Therapie in die Wege geleitet wird, sorgt die enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen medizinischen Fachabteilungen, wie sie im Trierer Brüderkrankenhaus und dessen Wirbelsäulenzentrum gelebte Praxis ist. Brachten konservative Therapieansätze nicht den gewünschten Erfolg oder sind die Folgen der Stenose schon weit fortgeschritten, führt an einer operativen Behandlung in aller Regel kein Weg vorbei, erklärt Dr. Ottenbacher. Das gelte vor allem bei Symptomen wie Nervenausfällen mit Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühl und Funktionsstörungen, die bereits zu einer eingeschränkten Aktivität oder Arbeitsunfähigkeit geführt haben. 

Gängiges Verfahren bei der Behandlung einer Stenose ist die mikrochirurgische Dekompression. Hierbei wird der Wirbelkanal wieder soweit erweitert, dass der Druck auf das Rückenmark beziehungsweise die Nervenfasern im lumbalen Spinalkanal nachlassen kann und erreicht wird, dass die Beschwerden wieder abklingen. Über einen kleinen Hautschnitt unter Vollnarkose wird Knochengewebe im Bereich der Engstelle, welches das Rückenmark einengt, abgetragen. Hierdurch verschwinden der Druck auf das Rückenmark an der HWS oder die Nervenfasern an der LWS – und so auch die Symptome der spinalen Stenose. Gelegentlich bedarf es einer Spondylodese, sprich einer operativen Versteifung des schmerzauslösenden Segments der Wirbelsäule. Ottenbacher bevorzugt den Begriff „Stabilisierung“ und möchte den Patienten eine weitverbreitete Sorge nehmen: „Es geht darum, eine Instabilität zu beseitigen. Das führt aber nicht dazu, dass sich der Patient nicht mehr bewegen könnte oder sehr stark in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt wäre, auch wenn der Begriff ‚Versteifung‘ diesen Anschein erwecken könnte.“ 

Bei Engass an der HWS nicht zu lange warten
Ottenbacher warnt denn auch davor, eine gründliche Diagnose aus Angst vor dem Eingriff auf die lange Bank zu schieben. Es gehe nicht darum, Panik zu schüren, doch wer bei einer Stenose an der HWS zu lange warte, riskiere, dass bereits das Rückenmark geschädigt wurde und sich diese Schädigungen und Einschränkungen eventuell nicht mehr vollständig zurückbilden würden, warnt er. 
Im Brüderkrankenhaus Trier, dem mit Abstand größten regionalen Versorger bei operativen Maßnahmen der Wirbelsäule, können die Patienten auf eine umfassende Erfahrung bei der operativen Behandlung von Spinalkanalengen bauen. Doch das Team um Professor Dr. med. Martin Bettag, Chefarzt der Neurochirurgie und Leiter des Wirbelsäulenzentrums, und Dr. Andy Ottenbacher stellt seine Arbeit auch immer wieder auf den Prüfstand – im Rahmen des bundesweiten und internationalen Wirbelsäulenregisters. Die Dokumentation und der Vergleich der erfolgten Eingriffe mit denen anderer Kliniken bildeten die Grundlage für einen ständigen Verbesserungsprozess zum Wohle der Patienten des Brüderkrankenhauses, erklären die beiden Mediziner unisono.