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Datum: 22. Juni 2014
Ort: Hinzert-Pölert

Eine gebeutelte Region als Spielball der Herrschenden

Historiker aus Belgien, Luxemburg und Deutschland beschäftigen sich derzeit mit dem Thema "Belgien unter deutscher Besatzung während der beiden Weltkriege". Bei einer Fachtagung in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert stellten sie vor 30 Besuchern ihre bisherigen Ergebnisse vor.

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Hinzert-Pölert. Belgien wird jenseits seiner Grenzen vielfach als Land der zwei Regionen, der flämischen und der wallonischen französischen Gemeinschaft, gesehen. Doch daneben gibt es ein weiteres Bundesland, das der deutschsprachigen Gemeinschaft.
In den Gemeinden der Provinz Lüttich gibt es ein drittes Parlament und eine eigene Regierung. Die föderalistische Besonderheit ist leidvollen Erfahrungen mehrerer Generationen geschuldet. Denn die Menschen waren mal Bürger des einen, mal des anderen Landes.

Probleme wirken bis heute nach


Karl Heinz Lambertz, Ministerpräsident dieser Gemeinschaft, der Partnerregion von Rheinland-Pfalz, kennt das aus der eigenen Familie. Bei einer Tagung in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert berichtete er von seinem Großvater. Als Deutscher geboren, war er erst Belgier, dann wieder Deutscher und ab 1949 erneut Belgier.
Denn im Zuge des Versailler Vertrages von 1919 wurde die Region um Eupen und St. Vith Belgien zugeordnet, was Hitler-Deutschland später für wenige Jahre rückgängig machte. Die Probleme, die das für die Menschen nach sich zog, wirken sich laut Lambertz bis in die Gegenwart aus. Nicht ohne Grund würden gewisse Themen hartnäckig tabuisiert oder seien Vorstöße wie eine Amnestie für Nazi-Kollaborateure undenkbar.
Vor allem im südlichen Teil Belgiens, wo die Bevölkerung besonders unter den Grenzverschiebungen zu leiden hatte. Die Menschen mussten Gräueltaten der Besatzer (siehe Extra) erdulden und ebenso Misstrauen oder Repressalien ihrer Landsleute. Etwa, weil die Wiedereingliederung Eupens unter Hitler teils auch als Wiedergutmachung der als Unrecht empfundenen Versailler Verträge angesehen wurde.
Aspekte wie diese spielen daher bei allen aktuellen Forschungen zu diesem Thema eine Rolle, wie drei weitere Redner in der Gedenkstätte deutlich machten. Herbert Ruland von der Autonomen Hochschule Eupen verglich die Auswirkungen beider Invasionen.
So seien 1914 allein in der ersten Woche 950 Zivilisten ums Leben gekommen, und 1300 Häuser abgebrannt worden, was eine Massenflucht ausgelöst habe. Eva Maria Klos befasst sich für die Universitäten Luxemburg und Trier mit der belgischen Erinnerungskultur hinsichtlich von Zwangsrekrutierungen während des Zweiten Weltkriegs. Christoph Roolf, Uni Düsseldorf, konzentriert sich auf die Besatzungspolitik, die ja auch wirtschaftlich katastrophale Folgen hatte.
Rohstofftransfers nach Deutschland und beschlagnahmte Betriebsanlagen hätten die belgische Industrie in weiten Teilen zum Erliegen gebracht. Binnen eines Jahres seien etwa 50 Prozent der Industriearbeiter, 650 000 Menschen, arbeitslos gewesen. Wer nicht als Wehrmachtssoldat oder für Firmen in Deutschland zwangsverpflichtet wurde, suchte notgedrungen Arbeit. Allein im Winter 1916/17 wurden laut Roolf insgesamt 120 000 Männer in Betriebe oder an die Front gezwungen. urs
Extra
Zwei Mal verletzte Deutschland im 20. Jahrhundert die Neu tralität Belgiens - mit verheerenden Folgen, die teils bis heute spürbar sind. Im August 1914 und im Mai 1940 besetzten deutsche Truppen das seit 1830 unabhängige Land, in dem sie Schrecken verbreiteten und Gräueltaten verübten. Zivilisten wurden exekutiert, Häuser niedergebrannt, Menschen zur Zwangsarbeit oder als Wehrmachtssoldaten verschleppt oder in Lager wie das SS-Sonderlager/KZ Hinzert und von dort eventuell in eines der Vernichtungslager deportiert. Wie sehr sich das bis heute auswirkt, führen die jährlich zwischen Flandern und den Ardennen von Tausenden Menschen besuchten zahlreichen Gedenk- und Erinnerungsorten vor Augen. Zu einigen davon führt eine Exkursion der Landeszentrale für politische Bildung, der Gedenkstätte Hinzert und der Hochschule Eupen Anfang November.urs Weitere Informationen unter Telefon 06586/992493.




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