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Forschung in Leverkusen
Aspirin ist seit 121 eine Erfolgsgeschichte

Exklusiv | Leverkusen. Durch Zufall gelang Felix Hoffmann 1897 die Synthese des Wirkstoffs Acetylsalicylsäure - als Arznei bekannt als Aspirin. Ludmilla Hauser

Durch Zufall gelang Felix Hoffmann 1897 die Synthese des Wirkstoffs Acetylsalicylsäure - als Arznei bekannt als Aspirin.

Der Mann mit dem Allerweltsnamen hat etwas erfunden, das Leverkusen in aller Welt berühmt gemacht hat. Den Mann mit dem Allerweltsnamen kennt heutzutage aber kaum jemand. Vielleicht wäre es Felix Hoffmann ganz recht so - würde er noch leben. Aber der Mann, der Aspirin erfunden hat, ist seit 72 Jahren tot. Und seine wohl größte Erfindung ein Zufallsprodukt in einem Labor in Wuppertal.

Es ist das Jahr 1897. Dr. Felix Hoffmann arbeitet seit drei Jahren bei Bayer. Zuvor hat er Pharmazie und Chemie in München studiert, legte einen glänzenden Abschluss hin und wurde unter anderem von seinem Professor, dem späteren Nobelpreisträger Prof. Adolf von Baeyer, dem Konzern empfohlen.

Solche Leute braucht das prosperierende Bayer-Unternehmen. 1897 arbeitet der 29-jährige Hoffmann als einer von acht Chemikern und Pharmakologen im Pharmazeutischen Laboratorium in Elberfeld. "Es steht nicht auf dem Programm des Laboratoriums, ein Rheumamittel zu suchen, aber Hoffmanns Vater leidet seit Jahren unter quälenden Schmerzen", heißt es Buch "Meilensteine", das Bayer 1988 zum 125-jährigen Firmenbestehen herausgegeben hat. Hoffmanns Vater, Unternehmer aus Ludwigsburg, nimmt Natriumsalicylat. Aber das hat "unangenehme Nebenwirkungen, und sein widerlicher Geschmack verursacht Brechreiz". Der junge Chemiker versucht, die bittere Arznei erträglich zu machen, indem er die Salicylsäure abwandelt. Am 19. August 1897 der Durchbruch - Bayer notiert: "Erfolg hat er schließlich mit der Acetylierung" mit Essigsäure. Dieser Vorgang steckt im Namen des chemisch reinen Wirkstoffs Acetylsalicylsäure, kurz ASS. Im Oktober 1887 übergibt Hoffmann seinem dem Ganzen kritisch gegenüberstehenden Laborleiter Heinrich Dreser das Pulver zur Überprüfung auf Wirksamkeit. Dreser testet in breit angelegten Tierversuchen. Er stellt fest: ASS hilft bei Rheuma - und bei viel mehr. Kopf-, Zahl- und Nervenschmerzen werden gelindert, Fieber gesenkt, Entzündungen gehemmt. Später stellte sich heraus, dass Acetylsalicylsäure auch die Durchblutung des Herzens fördert.

In der Bayer-Chefetage muss nicht lange überlegt werden - der Name Aspirin wird geboren, die Produktion, zunächst in Pulverform, gestartet. Wenig später gibt es die erste Tablette zum Auflösen in Wasser. Am 6. März 1899 wird die Arznei in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes aufgenommen. "Aspirin ist das erste wichtige Medikament, das als Tablette auf den Markt kommt", schreibt Bayer in "Meilensteine" und: "Spötter werden ein paar Jahre später sagen, diese Applikationsform sei nur gewählt worden, um das 1904 eingeführte Bayer-Kreuz auf jede einzelne Tablette stanzen zu können."

Gestanzt oder nicht - Aspirin hat sich zum "Medikament bis in alle Ewigkeit", wie ein ehemaliger medizinischer Direktor der US-Raumfahrtbehörde einst konstatierte, aufgeschwungen. Und beschert Bayer bis heute gute Umsätze. 2016 etwa inklusive Aspirin Cardio eine Milliarde Euro. Und auch im vergangenen Jahr legte Aspirin Cardio nochmals um 10,5 Prozent auf 581 Mio. Euro zu, Aspirin insgesamt um 6,5 Prozent auf 1,045 Mrd. Euro.

Einen Makel hat diese Heldengeschichte. Arthur Eichengrün, Kollege Hoffmanns, behauptete - ohne konkreten Nachweis - der Erfinder von ASS gewesen zu sein. Ein schottischer Wissenschaftler kam Ende der 90er Jahre nach Untersuchungen zu dem Schluss, Eichengrüns Darstellung sei überzeugend, ihm gebühre die Ehre. Bayer hielt dagegen. Ein Heldenrätsel, das wohl nie gelöst wird. Eichengrün starb 82-jährige und als Vater von sechs Kindern 1949. Felix Hoffmann blieb zeitlebens alleine, lebte zurückgezogen in der Schweiz. Er starb 1946.