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Mangelware Azubis
Betriebe im Kreis Heinsberg finden nur schwer Bewerber

Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt beleuchteten (v. li.) Georg Stoffels (Handwerkskammer), Stephan Spachholz (Fleischerei- und Gastronomie-Service) Marc Fischer und Melissa Guben (Auszubildende), Ulrich Käser (Arbeitsagentur) und Heike Krier (IHK).
Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt beleuchteten (v. li.) Georg Stoffels (Handwerkskammer), Stephan Spachholz (Fleischerei- und Gastronomie-Service) Marc Fischer und Melissa Guben (Auszubildende), Ulrich Käser (Arbeitsagentur) und Heike Krier (IHK).
Exklusiv | Kreis Heinsberg. Zum ersten Mal seit vielen Jahren gibt es im Bereich der Agentur für Arbeit Aachen-Düren, die auf den Kreis Heinsberg umfasst, mehr offene Ausbildungsstellen als unversorgte Bewerber. Angebot und Nachfrage passen oft nicht zusammen. Kurt Lehmkuhl

Auszubildende werden rar. Darauf wies Ulrich Käser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur, bei einem Pressegespräch in Aachen hin, bei der die Arbeitsagentur, die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer Aachen eine Halbjahresbilanz des Berufsberatungsjahrs 2017/2018 vorlegten.

5538 Ausbildungsstellen wurden von Oktober 2017 bis März gemeldet, 298 mehr als im Vorjahreszeitraum. 6024 Jugendliche wurden bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt, 161 weniger als im Vorjahr. "Insgesamt liegt die Anzahl der gemeldeten Bewerber weiter auf hohem Niveau und signalisiert das Interesse der Jugendlichen an Ausbildung", sagte Käser. Die Ausbildungsbilanz entwickle sich positiv. Insofern erfreulich, weil der Fachkräftebedarf in der Region in der Region künftig steige. In Zeiten des hohen Fachkräftebedarfs und mit Blick auf die demografische Entwicklung seien Chefs gut beraten, auch jenen Bewerbern eine Chance zu geben, die auf den ersten Blick nicht die Erwartungen erfüllen.

Von den gemeldeten Ausbildungsstellen sind noch 3774 unbesetzt, die Zahl der gemeldeten Bewerber liegt bei 3616, so dass rein rechnerisch auf jeden Bewerber 1,04 mögliche Stellen entfallen. Im Vorjahr waren es 0,83 Stellen gewesen. "Angebot und Nachfrage passen in der Praxis oft nicht zusammen. Gründe können darin liegen, dass die Jugendlichen nicht über die von Arbeitgebern geforderten Schulabschlüsse oder Noten verfügen, der gewünschte Ausbildungsplatz im näheren Umkreis nicht zur Verfügung steht oder die angebotenen Ausbildungsberufe nicht den Wünschen der Jugendlichen entsprechen", sagte Käser. Mehr Plätze als Bewerber, auf den ersten Blick scheine das positiv meinte IHK-Geschäftsführerin Heike Krier. So biete die IHK-Lehrstellenbörse 775 freie Lehrstellen an, rund 30 Prozent mehr als 2017.

Dennoch werde es für die Betriebe immer schwieriger, Bewerber zu finden. Die Folge: Bald würden weniger Ausbildungsplätze vorgehalten. Zum einen sei die demografische Entwicklung dafür ursächlich, zum anderen der anhaltende Trend zur Akademisierung. Die Zahl der Studienanfänger und der Ausbildungsanfänger sei mit je rund 500.000 gleich hoch. "Jährlich brechen aber auch 100.000 Menschen ihr Studium ab. Solche Menschen müssen wir frühzeitig erreichen, damit sie den Weg finden, der ihren Neigungen entspricht. Und dieser Weg kann und wird häufig in eine Ausbildung führen." Krier betonte: "Es ist längst Realität, muss sich in der gesellschaftlichen Betrachtung aber noch stärker durchsetzen: Studium und Ausbildung sind gleichwertige Wege in den Beruf." Zumal hinzukommen, dass eine Fortbildung nach der Ausbildung viele neue Chancen eröffne.

Für die Handwerkskammer erklärte Geschäftsführer Georg Stoffels, dass im Handwerk die Zahl der Lehrverträge von 2253 auf 2226 im Vorjahr gestiegen sei, wobei im Kreis Heinsberg die Zahl von 521 auf 523 kletterte. Dabei gebe es in den klassischen Handwerksberufen wie Bäcker einen deutlichen Anstieg, während etwa bei den Lebensmittelfachverkäuferinnen ein drastischer Rückgang zu verzeichnen war. Viele Verträge seien mit Jugendlichen aus Flüchtlingsländern abgeschlossen worden - 126 und damit dreimal mehr als 2016. "Die Stellen sind da, wir warten auf Bewerber", so Stoffels. Ein gutes Beispiel für Ausbildungen lieferte der Fleischerei- und Gastronomie-Service Aachen-Düren. Dort werden, wie Stephan Spachholz berichtete, nicht nur zwei eigene Lehrlinge ausgebildet, auch externe. Ausbildung müsse sein, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. "Wir bieten Jugendlichen eine Perspektive, auch auf dem zweiten Bildungsweg."