Viersen
Die Hüterin der heimischen Mundart

Exklusiv | Viersen. Seit mehr als 40 Jahren übt Marieluis Boes mit Erwachsenen und Kindern Vierscher und Dölker Platt. Für sie steht "die Sprache, die man auf der Straße spricht" für Heimat — und für mehr Gelassenheit Julia Zuew

Es blieb Zeit für ein Schwätzchen, die Nachbarn kannten und grüßten sich. "Die Leute waren früher nicht so gehetzt", sagt Marieluis Boes. Und auch beim Platt sei Eile fehl am Platz, findet die 77-jährige Dülkenerin, die seit 1978 in Boisheim wohnt. "Leute, die das nicht können, lesen die Texte in Platt immer viel zu schnell."

Geduld, viel Übung, aber vor allem mit dem Herzen bei der Sache zu sein und es gerne zu tun: Das gilt für Boes nicht nur beim Platt, sondern auch bei der Arbeit. An der Dülkener Ostschule unterrichtete sie von 1965 bis 2001, bevor sie in Rente ging. "Ich wusste schon im Kindergarten, dass ich Lehrerin werden will", sagt Boes. Über ihre Arbeit als einen vergangenen Lebensabschnitt zu sprechen - damit tut sich die Hüterin des Viersener Dialekts schwer. "Lehrer bleibt man fürs Leben", findet sie. Und schon in ihrer aktiven Zeit als Lehrerin brachte sie Kindern das Platt bei. "Nur ein paar Worte zwischendurch", sagt sie, aber bei den Kindern sei es schnell hängengeblieben. Und Tochter Mirja habe als kleines Mädchen schon immer gefragt: "Sprichst du mit mir die komische Sprache?"

Auch wenn Schauspielerin und Komikerin Mirja Boes nicht am selben Tisch sitzt, ist es nicht zu übersehen: Sich nicht allzu ernst zu nehmen und das Gegenüber zum Lachen zu bringen, das können Mutter und Tochter gleichermaßen gut. "Mirja spricht auch bei sich zuhause manchmal Platt", sagt Marieluis Boes. Doch selbstverständlich sei das in der heutigen Zeit keineswegs. Nur in wenigen Städten der Region sei das Platt ein Markenzeichen oder etwas, das man außerhalb von großen Anlässen - wie Karneval - stolz im Alltag präsentiert. "Davor haben wir in der Arbeitsgruppe Mundart im Heimatverein auch schon gewarnt", sagt Boes. "Platt ist nicht nur das Lustige, das ist nicht richtig." So gibt es auch im Mundartwettbewerb für Kinder, den die Arbeitsgruppe des Heimatvereins regelmäßig organisiert, nicht nur witzige Texte. "Wenn es passt, haben die Texte manchmal auch pädagogischen Inhalt", sagt Boes. So gab es in diesem Jahr beim 34. Vorlesewettbewerb in Plattdeutsch für die Kinder im dritten und vierten Schuljahr eine Kurzgeschichte von "di Hän, di jät scheäl kiek". Ein schielendes Huhn, das nach einem Sturm alles, was schief ist, als gerade ansieht, während für die anderen Hühner die Schäden deutlich zu sehen sind. Auch die anderen Altersgruppen durften Texte üben und vorlesen, die keinen witzigen, sondern eher lehrreichen Hintergrund hatten.

"Die Kinder sprechen das Platt in der Regel sehr gerne", sagt Boes. Auch wenn in ihrer Schulzeit schon mal ein Kind gefragt habe: "Frau Boes, sind Sie nicht aus Deutschland?": Die Kinder würden die Sprache schnell aufschnappen und die manchmal sonderbar wirkende Aussprache mögen. Dabei haben nicht alle Kinder Eltern, die Platt sprechen. Um das Plattdeutsche auch Unwissenden verständlich zu machen, gibt es seit einigen Jahren die sogenannte Rheinische Dokumenta, eine einheitliche Schreibweise fürs Platt. Mit Sonderzeichen und den richtigen Schriftzeichen für die Aussprache können so Texte in der Mundart verfasst werden. "Das Platt ist eine gesprochene Sprache", sagt Boes. Deshalb bringt die Arbeitsgruppe des Heimatvereins zusammengefasste Stücke mit CD heraus. "Wir veranstalten in Süchteln regelmäßig eine Matinee", sagt Boes. Drei Bücher gibt es mittlerweile mit den beliebtesten Texten der Veranstaltung - mit eingesprochener CD dazu.