Adieu kleiner Prinz - Deutsch-französischer Preis für TV-Mitarbeiterin

Adieu kleiner Prinz - Deutsch-französischer Preis für TV-Mitarbeiterin

NIEDERSTADTFELD. (red) Sie ist Deutsche, liebt Frankreich und schreibt seit Jahren „menschelnde“ Geschichten über die Beziehungen zwischen beiden Ländern: Marita Häp-Pursche, aus Niederstadtfeld (Kreis Daun) stammende Lehrerin und freie Mitarbeiterin des TV, wird nun vom Deutsch-Französischen Jugendwerk geehrt. „Adieu kleiner Prinz“ ist der Text überschrieben, den Marita Häp- Pursche (52) zum Schreib-Wettbewerb des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) einreichte. Sie schildert eine zufällige Begegnung in einem Pariser Café; es geht um den Schriftsteller und Flieger Antoine de Saint-Exupéry, die guten alten Francs und den Euro. Die Jury wählte die anrührende Erzählung unter 700 Einsendungen für einen Sammelband mit deutsch-französischen Geschichten aus.

"Also zwei Sandwichs zum Mitnehmen: einmal Salami, einmal Camembert, macht 42 Francs, Madame."
Ich stand in einem Pariser Café am 2. Advent 2001.
"42 Francs", wiederholte ich und legte einen 50- Francs-Geldschein auf die Theke. Monsieur war in seine Zigarettenecke geeilt aus der ein Kunde gerufen hatte, denn sein Café war auch ein "bureau de tabac", d.h., es gab auch Tabakwaren aller Art. Ich betrachtete den 50- Francs-Schein. Französische Geldscheine sind bunt und der 50 Francs-Schein besonders. Auf dem etwa 12 Zentimeter langen und acht Zentimeter breiten Schein sieht man vor einem himmelblauen Hintergrund einen Männerkopf, ca. 40 Jahre alt, wenig Haare, große Geheimratsecken. Das Gesicht in einer ungewöhnlichen Hautfarbe, zartrosa mit einem grauen Schatten auf seiner linken Gesichtshälfte. Links vom Kopf im Hintergrund kommt eine Landkarte in hellem Gelb und Grün zum Vorschein, Europa und Afrika. Daneben der Silberstreifen und in kleinen blauen Buchstaben: Antoine de Saint-Exupéry 1900-1944. Klein darunter, eine Kindergestalt auf einem Planeten stehend. Sie trägt eine weiße, weite Hose und ein grellgrünes T-Shirt, um den Hals allerdings eine Fliege gebunden. Das macht aus der Kindergestalt einen kleinen, außergewöhnlichen Herrn. Ich erkannte ihn wieder: "Der kleine Prinz" aus dem gleichnamigen Märchen von Saint-Exupéry. Mit ihm habe ich die französische Sprache gelernt. Es war einer meiner ersten französischen Schullektüren. Wir haben gestöhnt unter der Vokabellast dieses Weltraummärchens und den immer wiederkehrenden Lehrerfragen: "Was hat sich der Autor wohl bei dieser und jener Zeile gedacht?" Aber "Erwachsene brauchen immer Erklärungen", sagte der kleine Prinz, wie z.B. bei dem grünen Hut links in der Ecke des Geldscheines, der ja gar kein Hut ist, sondern eine Riesenschlange, eine Boa, die einen Elefanten verdaut.
Wie damals auf dem Umschlag meiner Schulausgabe, die immer noch zerfleddert in meinem Bücherregal steht, steht auch auf dem französischen 50- Francs -Schein der kleine Prinz auf seinem kleinen Planeten. Um ihn herum fliegen andere Planeten und Sterne.
"Also 42 Francs." Monsieur war zurück aus seiner Tabakecke und griff nach dem Schein. Ich zog ihn blitzschnell zurück.
"Haben Sie ein Problem Madame?"
"Ja", antwortete ich und holte tief Luft.
Ich befand mich nicht alleine in diesem Pariser Café. Es war um die Mittagszeit. Dicht gedrängt standen Frauen und Männer an der Theke und tranken ihren Aperitif.
" Könnte ich meine zwei Sandwichs mit Kreditkarte bezahlen?" stammelte ich.
"Zwei Sandwichs mit Kreditkarte?" Monsieur schaute mich erstaunt an.
Meine Nachbarn stellten ihre Getränke ab und musterten mich.
"Aber Sie haben doch einen 50- Francs -Schein in der Hand."
"Den kann ich Ihnen nicht mehr geben."
"Wohl ein Falscher!", lachte mein Thekennachbar. "Ja, jetzt wo es in 3 Wochen das neue Geld, den Euro gibt, wollen alle noch ihr Falschgeld los werden."
"Es ist der kleine Prinz", unterbrach ich ihn.
Ich kam mir kindisch vor. Es war mir peinlich. Ich hatte auch noch nie einen Betrag zwischen zehn und fünfzehn Mark mit der Kreditkarte beglichen. Ich suchte nach Worten.
"Ich bin Deutsche auf der Heimreise. Meine Benzinkosten und die Autobahngebühren werde ich mit der Kreditkarte bezahlen. Meine letzten französischen Münzen habe ich für Kaffee ausgegeben. Mit diesem 50- Francs -Schein wollte ich nun meinen Reiseproviant bezahlen und anschließend mit dem Wechselgeld zur Toilette gehen, denn die Türen lassen sich, wie ich eben bemerkte, nur mit einem Franc-Stück öffnen."
"Madame, wir sind hier in der Nähe des Flohmarktes, wissen Sie, wer hier sonst alle meine Toiletten benutzen würde? Und Sie sind also eine Deutsche. Sie sprechen aber gut Französisch.
"Ja, also", stotterte ich weiter, " in drei Wochen gibt es doch den Euro."
"Und wir Franzosen", fiel mein Nachbar mir wieder ins Wort, " sind sogar die ersten Europäer, die Euro-Starter- Päckchen kaufen können. Schon nächsten Freitag hier bei François in der Tabakecke am 14. Dezember für 100 Francs.
"Aber wenn wir dann ab 1. Januar alle mit Euros zahlen, gibt es diesen 50-Francs-Schein doch nicht mehr."
Ich holte tief Luft. "Haben Sie eigentlich mal gesehen, wie wunderschön Ihr 50-Francs-Schein ist?" Ich habe schon viele verschiedene Währungen gesehen, aber der französische 50-Francss-Schein ist für mich etwas Besonderes. Wenn es eben möglich ist, möchte ich die zwei Sandwichs mit Kreditkarte bezahlen. So könnte ich dann, bevor wir alle das gleiche Geld haben, diesen außergewöhnlichen Schein mit nach Deutschland nehmen."
Ich legte den Schein wieder auf die Theke. Es war still um mich herum geworden. Ich traute mich jedoch nicht, in die Gesichter meiner Nachbarn zu schauen. Ich blickte nur in das immer noch erstaunte Gesicht von Monsieur.
Ich war für die neue Währung, den Euro. Bis zu diesem Moment in diesem Café in Paris, drei Wochen vor der Einführung der neuen europäischen Währung, hatte ich nie ein Bedürfnis verspürt, Geldscheine als Erinnerungsstücke zu sammeln oder um sie später meinen Enkelkindern zu zeigen.
Mein Nachbar nahm den Geldschein von der Theke.
"Merkwürdig, wie oft habe ich diesen Schein schon in der Hand gehabt. Madame hat recht, unser 50-Francs-Schein ist uns gelungen."
Der Mann drehte den Geldschein.
"Und hier der Doppeldecker vor blauem Himmel und gelbem Untergrund. Ist wohl in der Wüste. Hat man das abgestürzte Flugzeug von Saint-Exupéry eigentlich gefunden?"
"Man sieht nur mit den Augen des Herzens in der richtigen Weise. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen", zitierte eine Frau an der Theke und trank ihren Aperitif aus.
Monsieur hatte sich während des Gespräches nicht vom Fleck gerührt, trotz drohend zischender Espressomaschine im Hintergrund und erneuten Rufen aus der Tabakecke. Still hatte er abwechselnd mich und den Geldschein betrachtet. Er schob ihn zu mir und seine dunklen Augen lachten.
Ich hörte ihn sagen: " Na, dann geben Sie mir mal ihre Kreditkarte."
Er reichte mir die Karte zurück und 1-Franc-Stück.
"Hier noch eine Münze für die Toilette, gute Heimreise und sollten Sie im neuen Jahr mal wieder in Paris sein, kommen Sie doch vorbei. Für ein paar Euros trinken wir dann alle zusammen einen auf den kleinen Prinzen."