"Zar Nikolaus" und andere Männer von Welt

"Zar Nikolaus" und andere Männer von Welt

Vom Stadttheater zur Zeitung: Solche Karrieren waren in den 1970er Jahren durchaus möglich. Axel Michael Sallowsky, der vom Intendanten Walter Pohl als Regieassistent nach Trier geholt wurde, hatte nach zwei Jahren genug von der Schlangengrube am Augustinerplatz und wechselte in vermeintlich friedlichere Gefilde: in die Redaktion des Trierischen Volksfreunds. Er sollte sich wundern ....

Nach zwei aufregenden Jahren Regieassistenz am Stadttheater hatte ich die Nase voll vom Kunstbetrieb, jedoch nicht vom schönen Moselstädtchen Trier: Wir hatten in der Brückenstraße 13 eine herrliche Dachgeschosswohnung gefunden und wollten bleiben. Was aber nach meinem Abschied vom Stadttheater beruflich in Trier tun? Ich hatte bereits während meines Gesangsstudiums in Zürich hin und wieder Rezensionen über Kunstausstellungen und Konzerte verfasst, und außerdem hatte ich damit begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben.Charaktere und Persönlichkeiten


Schreiben, das also war es, was mich reizte. So war es für mich naheliegend, Kontakt mit der Chefredaktion vom Trierischen Volksfreund aufzunehmen. Ich fragte höflich an, ob die Möglichkeit bestünde, dort ein Redakteurs-Volontariat beginnen zu können. Es gab eine Möglichkeit, man kannte mich dort.

Mein Vorstellungsgespräch führte ich mit Allrich Eden, dem damaligen Chefredakteur. Bei der ersten Begegnung stutzte ich, denn für einen Moment glaubte ich, dem Zwillingsbruder von Walter Pohl, meinem Chef im Theater, gegenüberzustehen.

Allrich Eden, hoch gewachsen, schlank, stets elegant gekleidet, höflich und aufmerksam gegen jedermann, weltgewandt: Verströmte der Theatermann Pohl seinen umwerfenden Charme in seinen Opern-Inszenierungen, so tat das Allrich Eden in seinen brillanten Kommentaren. Ich war beeindruckt von seinem Stil, von seiner Kompetenz und seiner analytischen Schärfe, wenn er den Dingen auf den Grund ging. Auch diesen Allrich Eden werde ich nicht vergessen, er war für mich das Urbild eines klar denkenden, unbestechlichen Journalisten, dem die Wahrheit in einer Story alles bedeutete.

Mein Gespräch mit Allrich Eden, das also war mein Einstieg in den Journalismus. Traf ich zuvor im Stadttheater Trier auf zumeist etwas kauzige, auf teils sehr eitle, auf einige schillernde und extrovertierte Persönlichkeiten mit Charisma, hatte ich auch beim TV sehr nette Kollegen, die zwar nicht so viel Emotionen zeigten wie die verrückten Theaterleute, aber meine Menschenkenntnis hatte in den zwei Jahren während meines Volontariats enorm profitiert von dem Studium der so unterschiedlichen Charaktere und Persönlichkeiten, die sich der Verleger Nikolaus Koch an seine traditionsreiche Zeitung geholt hatte.

Habe ich über Walter Pohl gesagt, er gehöre einer aussterbenden Theater-Generation an, so schien mir auch Nikolaus Koch einer vom Aussterben bedrohten Generation und einer sich selbst langsam auflösenden Zunft anzugehören: Es war die Zunft der allmächtigen, allein herrschenden, keinen Gott neben sich duldenden Verleger, für die nur ein einziges Gesetz Gültigkeit hatte, das von ihnen diktierte. Einige dieser Unikate (auch Axel Cäsar Springer war einer von ihnen) gehörten fraglos zu den Pionieren, die das Presse- und Verlagswesen im Nachkriegsdeutschland wieder aufgebaut hatten. Es waren die Männer der ersten Stunden, die Unglaubliches geleistet hatten.

In diese Phalanx reihte das Schicksal wohl auch Nikolaus Koch ein, diesen Instinktmenschen und hochgradigen Choleriker, der (soweit ich mich zu erinnern vermag an das, was alles damals über diesen Verleger im Städtchen kursierte) viele seiner geschäftlichen und redaktionellen Entscheidungen stets aus dem Bauch heraus zu treffen pflegte. Als ich 1970 mein Volontariat begann und im März 1972 beendet hatte, da zählte, so hörte ich sagen, der Trierische Volksfreund zu den gesündesten und profitabelsten Zeitungsverlagen zwischen Mosel und Rhein. Fazit: Nikolaus Koch muss wohl einen "guten Bauch" gehabt haben, der offensichtlich auch sein bester Ratgeber gewesen sein muss.

Natürlich können sich auch Bäuche hin und wieder irren, wenn sie ihrem Träger zum Beispiel zu rasch und zu unüberlegt den Rat erteilen, einen Redakteur fristlos zu entlassen, nur weil der eine eigene und damit eine andere Meinung hatte als der Verleger. Dieses Spielchen gehörte jedoch zur Tagesordnung in der Welt des Nikolaus Koch und hat weder dem Verlag noch dem Trierischen Volksfreund oder einem Redakteur jemals bleibenden Schaden zufügen können.Schicksalhaftes Treffen


Persönlich hatte ich nur ein einziges Mal mit ihm zu tun gehabt, denn ich war ja nur ein Volontär … Aber eines Tages bekam auch ich die Launenhaftigkeit von "Zar Nikolaus" und somit seine irdische Macht am eigenen Volontärs-Leib zu spüren. Und das war so: Ich durfte für den erkrankten Musikkritiker des TV einspringen und über ein Konzert berichten, das so, was ich nicht wusste, seine Geschichte und seine Tradition im Moselstädtchen hatte. Einmal im Jahr trat ein in Trier sehr prominenter, in der Trierer Gesellschaft sehr geschätzter Mann als Dirigent auf. Das von ihm privat bezahlte Orchester setzte sich größtenteils aus Musikern des Stadttheaters Trier zusammen, dem sich dann jeweils Instrumentalisten aus verschiedenen Orchestern aus der Umgebung hinzugesellten, so dass man dem gesamten Klangkörper immer wieder mal das Format eines kleinen klassischen Sinfonieorchesters oder zumindest den eines gut besetzten Kammerorchesters zugestehen konnte.

Auf dem Programm standen an diesem für mich unvergesslichen Konzertabend die "Brandenburgischen Konzerte" von Johann Sebastian Bach und die Werke anderer Meister. Ich tatenfreudiger Jung-Journalist wusste zu jenem Zeitpunkt nichts von der gesellschaftlichen Bedeutung dieses Herrn und seiner Konzerte, saß daher voller Erwartung inmitten des ebenso erwartungsvollen Publikums (alles, was in Trier Rang und Namen hatte, war vertreten) und hatte meinen Bleistift gespitzt … Es war ein schönes, sogar ein sehr schönes Konzert, der Applaus riesig, der Hobby-Maestro am Pult war glücklich, die von ihm traktierten und taktierten Musici ebenfalls. Er hatte sich in der Tat wacker durch die Partituren geschlagen, die Profi-Musiker bewahrten ihn selbstbewusst und auf charmante Weise vor allem interpretatorischen Leerlauf, überall nur Glückseligkeit, Trier hatte sein konzertantes Jahres-Ereignis außerhalb des städtischen Musentempels.

So weit war eigentlich alles gut und in bester Ordnung … Ich möchte an dieser Stelle nun nicht behaupten, dass ich als einziger Zuhörer bemerkt hatte, dass dem in Euphorie schwelgenden Dirigenten zuvor ein kleiner Lapsus unterlaufen war, aber ich habe es auf jeden Fall bemerkt: Der Taktschläger aus Liebe hatte in einem der Brandenburgischen Konzerte ganz einfach den Schlusssatz vergessen. Ich, der junge Rezensent, habe dem Dirigenten das nicht angekreidet, es gab keinen Spott, keine Häme in mir, ich habe es lediglich in meiner Kritik am Rande erwähnt, als Kuriosum gewissermaßen, denn das Konzert war ja ein Erfolg, das überraschende Weglassen des Schlusssatzes kein musikalischer Beinbruch und: Wer hatte es denn überhaupt bemerkt und als störend empfunden?

Ich hatte mich jedoch getäuscht, denn meine "Randnotiz" erwies sich als eine Rakete, die mitten ins Herz des dirigierenden und prominenten Trierer Bürgers traf und offensichtlich dessen Würde verletzte. Am übernächsten Morgen, also am Erscheinungstag meiner Rezension, da klingelte bereits so gegen sieben Uhr das Telefon. Am anderen Ende der Leitung vernahm ich eine höchst erregte Stimme, die sich fast überschlug, es war die krächzende Stimme des Musikkritikers, für den ich eingesprungen war: "Wie können Sie es wagen, Sie Anfänger, einen der prominentesten Bürger dieser Stadt und großartigen Musiker öffentlich so bloßzustellen, kennen Sie denn keine Verantwortung, haben Sie kein Herz?" Im Übrigen sei ich eine Schande für den TV und werde schon sehen, was ich davon habe.

Wütend legte er den Hörer auf. Ein paar Minuten später rief mich Norbert Kohler an, der Lokalchef und sagte: "Axel-Michael, ich meine, dass du gute journalistische Arbeit geleistet hast, was den Verleger aber nicht daran hindern wird, dich noch heute mit Pauken und Trompeten zu entlassen, kein Geringerer als der Bischof von Trier soll Nikolaus Koch höchst persönlich darum gebeten haben. Verliere bitte nicht die Nerven, du bist nicht erste und wirst auch nicht der letzte redaktionelle Mitarbeiter sein, den seine Herrlichkeit ,Zar Nikolaus' hinauswirft."

Als ich gegen zehn Uhr das Redaktionsgebäude betreten wollte, wurde mir von einer Sekretärin empfohlen, das doch lieber sein zu lassen. Als ich die Redaktion dann einen Tag später wieder betreten durfte (natürlich musste mich der Verleger wieder "einstellen"), da schauten mich alle Kollegen etwas verlegen an, nur Norbert Kohler tröstete mich, gerade er, der mich anfangs nicht leiden konnte. Wir wurden Freunde, nachdem auch ihm bereits einmal widerfahren war, was ich gerade erlebt hatte. Auch er wurde eines Tages von seiner Herrlichkeit ,Zar Nikolaus' gefeuert, fristlos, ohne Kommentar.

Norbert Kohler, so glaube ich mich erinnern zu können, betrat die Redaktion fast vierzehn Tage nicht, alles sah fast schon aus, als käme er tatsächlich nicht mehr zurück. Zusammen mit einem anderen Volontär fertige ich mit dem Einverständnis aller Kollegen eine Unterschriftenliste an, um gegen den willkürlichen Rauswurf des Kollegen Kohler beim Verleger zu protestieren, alle sagten ihre Unterschrift zu. Seltsamerweise befanden sich zum Schluss aber nur zwei Unterschriften auf unserer Protest-Liste: meine und die meines Volontär-Kollegen. Das konnte man nun wahrlich nicht in die Rubrik Solidarität einordnen.

Natürlich kehrte Norbert Kohler zurück. Er sagte mir, er werde es mir nie vergessen, dass ich für ihn eingetreten sei. Ja, so wurden wir schließlich Freunde. Also auch ich kehrte (wie bereits erwähnt) nach einem Tag an meinen Schreibtisch in die Kulturredaktion zurück. Ob mein Chef, Dr. Hans Ludwig Schulte, ein stiller, in sich gekehrter Intellektueller, sich über meine Rückkehr aber auch gefreut hat, das weiß ich nicht mehr ...

Aus "Treibgut nur im Strom, der Zeit" von Axel Michael Sallowsky, 590 Seiten.

Extra

TV-Verleger Nikolaus Koch. Foto: TV-Archiv
Foto: TV-Archiv
Foto: TV-Archiv
Foto: TV-Archiv

Axel Michael Sallowsky, 1939 in Bayern geboren, an der Ostsee aufgewachsen, Abitur in Bergen/Rügen, zwei Jahre zur See gefahren, in Zürich, Berlin und in Salzburg Gesang, Musik-und Theater-Wissenschaft studiert, 1968-1970 Regieassistenz am Stadttheater Trier, im Anschluss daran Volontariat beim Trierischen Volksfreund (1970 - 1972), danach mehrere Jahre (1974 - 1977) als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Theatern tätig, bis 2006 mal fest, mal als Freier Journalist tätig (Rheinische Post, Oberhessische Presse, Welt, Hamburger Morgenpost und andere), lebt seit sechs Jahren in Südfrankreich. red