Analyse: Konflikt bei der Bahn geht in neue Phase

Analyse: Konflikt bei der Bahn geht in neue Phase

Eigentlich wollte Bahn-Aufsichtsratschef Werner Müller den „großen Knall“ in letzter Minute doch noch abwenden. Aber die Lokführer der Gewerkschaft GDL blieben trotz des Spitzengesprächs mit dem Bahnvorstand dabei, an diesem Freitag bundesweit den Regionalverkehr lahmzulegen.

Damit ist für Millionen Pendler und Reisende das Chaos absehbar. Dass gleichzeitig die Bahn zusagte, bis Montag ein neues Angebot vorzulegen, spricht dennoch für Bewegung im Tarifstreit.

Für die Lokführergewerkschaft und allen voran ihren Chef Manfred Schell geht es um viel: Seit Wochen kündigen sie eine härtere Gangart an. Gebremst von Arbeitsrichtern, Spezialdienstplänen der Bahn und letztlich wohl auch der Sorge, die Sympathie für das eigene Anliegen in der Bevölkerung zu verlieren, scheuten die Lokführer bislang den großen Streik. Nun holt die kleine GDL zum großen Schlag aus: Möglichst viele Regionalzüge und S-Bahnen sollen im ganzen Land den ganzen Tag still stehen. Zwar darf die GDL den Fern- und Güterverkehr selbst nicht bestreiken - doch Nebenwirkungen sind quasi unvermeidlich und von der GDL erwünscht. Wenn etwa ein Regionalzug auf einer ein- oder zweispurigen Strecke im Bahnhof stehenbleibt, würde auch ein nachfolgender Intercity (IC) aufgehalten.

Damit die Bahn sich nicht - wie am vergangenen Freitag bei einem tagelang im Voraus angekündigten Kurzstreik der Lokführer - mit Ersatzfahrplänen rüsten kann, wollte die GDL das Unternehmen diesmal möglichst lange im Unklaren lassen. Am Dienstag nannte die Gewerkschaft vier mögliche Streiktage - im vollen Bewusstsein, dass die Bahn nicht gleich für vier Tage Notfahrpläne aufstellen kann. Zudem wollte sie Streiks nur noch am späten Nachmittag vor einem Streiktag ankündigen, um der Gegenseite keine Chance mehr zur Reaktion zu geben.

Am Donnerstag sickerte eine für 18.00 Uhr geplante Mitteilung schon am frühen Nachmittag durch. Trotzdem sah die Bahn keine Chance mehr, „in den verbleibenden wenigen Stunden“ noch Ersatzfahrpläne einzurichten, um die Auswirkungen für die Kunden möglichst gering zu halten“.

Absagen mochte oder konnte GDL-Chef Schell den Streik am Donnerstagabend trotz des Spitzengesprächs mit Bahnchef Hartmut Mehdorn nicht mehr. Immerhin wird es am Montag und Dienstag keinen Ausstand geben. Bis dahin liegt das neue Angebot der Bahn vor. Ob damit ein Ende des Arbeitskampfes in Sicht kommt, war aber noch ungewiss.