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1914 wird das ruhige Trier zum Aufmarschgebiet und zur größten Lazarettstadt im Westen

„Hunderte und aber Hunderte“ Trierer wollen am 23. August 1914 die ersten französischen und belgischen Kriegsgefangenen sehen, die in der Stadt Station machen.
„Hunderte und aber Hunderte“ Trierer wollen am 23. August 1914 die ersten französischen und belgischen Kriegsgefangenen sehen, die in der Stadt Station machen. FOTO: Manfred Wilhelmi/Hans Mettlach (Privatarchive)
Trier. Im August 1914 zogen die meisten Deutschen mit der Erwartung in den Krieg, "Weihnachten wieder daheim" zu sein. Doch der Krieg dauerte knappe viereinhalb Jahre, und am Ende standen die militärische Niederlage und die Revolution. Wir beleuchten die Situation in Trier im August 1914.

Als am Samstag, 1. August 1914, Römerbrücke und Kaiser-Wilhelm-Brücke gesperrt und die beiden Bahnanlagen in Trier-West und am Hauptbahnhof bewacht wurden, als der Fahrplan "außer Dienst" gesetzt wurde und ein Militärzug dem anderen folgte, ahnte wohl kaum jemand unter den Zeitgenossen, dass damit bereits vor den offiziellen Kriegserklärungen Entscheidungen gefallen waren, die sich auf die Trierer Bevölkerung für etliche Jahre auswirken sollten.
Gegen 18 Uhr erschien an den Fenstern des Postgebäudes am Kornmarkt das Telegramm mit knappem Wortlaut:
"Berlin, 1. August. Der Kaiser hat die Mobilmachung der Armee und Marine befohlen. Der 1. Mobilmachungstag ist Sonntag, 2. August.”
Wenige Minuten nach dem Eintreffen des Mobilmachungsbefehls glich die ganze Stadt einem einzigen großen Kriegslager. Auf der alten Moselbrücke standen Kästen mit der Aufschrift: "Ketten zum Absperren der alten Römerbrücke." Hieran konnte man erkennen, dass der Krieg in militärischer Sicht bis ins Kleinste vorbereitet war. Die Brücken wurden durch starke Militärposten bewacht, die Schiffe und Nachen auf die rechte Moselseite gebracht.
Der private Verkehr zwischen den beiden Ufern hörte vorläufig auf. Ebenso wurden die nach Trier führenden Straßen gesperrt und mit Posten besetzt, der Telefondienst stand nur noch den Militärbehörden zur Verfügung - die Stadt war mit einem Schlag von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bürger begriffen, dass durch die Grenzstadt Trier ein großer Teil des Aufmarsches der Truppen erfolgten musste.
Ab Sonntag, dem ersten Mobilmachungstag, meldeten sich viele Hunderte junge Männer, häufig 16- und 17-jährige Knaben, täglich zum Heeresdienst. Die Kriegsbegeisterung der jungen Leute war so groß, dass ab dem 5. August keine Freiwilligen mehr in Trier aufgenommen wurden (TV vom 6. August 1914).
In den ersten beiden Augustwochen fanden an den Trierer Gymnasien Notreifeprüfungen statt, an denen die meisten Oberprimaner (13. Klasse) in Uniformen teilnahmen.
Die plötzliche, bis auf den Landsturm zurückgreifende Mobilmachung brachte Polizei und Post, aber auch die Trierer Straßenbahn und die Feuerwehr in große personelle Verlegenheit.
Überall wurden Aushilfskräfte eingestellt. Bei der Straßenbahn, die anfangs nur auf dem rechten Moselufer verkehrte, standen am 7. August 1917 nur noch acht (von 50) Mann als Straßenbahner zur Verfügung. Bald traten Frauen als Wagenführer und Schaffner an die Stelle der Männer. Bei der Trierer Feuerwehr mussten 50 Prozent (72 von 144) des männlichen Personals ins Feld ziehen. Von den 1023 Mitarbeitern der städtischen Verwaltung wurden 634 Personen (rund 62 Prozent) zum Militärdienst einberufen.
Bedingt durch den Mangel an ausgebildeten Fachkräften mussten einige Trierer Fabriken schließen und größere Geschäfte ihre Verkaufszeit reduzieren (Trierische Landeszeitung vom 7. August 1914).
Ebenso wie die militärischen Einrichtungen handelte auch Oberbürgermeister Albert von Bruchhausen sehr schnell und lud bereits am 1. Mobilmachungstag (2. August 1914) die Stadtverordneten zu einer Sondersitzung in die Räume des Hauses "Hotel Venedig" (Ecke Brücken-/Johannisstraße) ein.
Den bisher für die Ratssitzungen benutzten großen Rathaussaal am Kornmarkt hatte man der Einquartierungskommission zur Verfügung gestellt.
Der Trierer Westbahnhof spielte in den ersten Wochen der Mobilmachung eine besonders wichtige Rolle. Die Trierische Landeszeitung (TLZ) vom 14. August 1914 schrieb hierzu: "In kurzen Zeitabständen fahren Züge mit Verwundeten ein. Eine starke Militärwache und zahlreiche Sanitätsleute stehen bereit zu helfen. Eine Feldbäckerei mit mehr als 20 Backöfen liefert ununterbrochen Brot (...)."
Am 17. August 1914 berichtete die TLZ: "Das Alltagsleben geht seinen gewohnten Gang. Es ist jetzt in Trier ruhiger als in den Zeiten tiefsten Friedens." Diese Berichterstattung musste erstaunen, kamen doch seit einigen Tagen Transporte mit Leicht- und Schwerverwundeten auf dem Westbahnhof an. In kurzen Zeitabständen rollten bis zu zehn Züge pro Nacht im Westbahnhof ein, wobei jeder Zug mit 300 bis 500 Verwundeten belegt war.
Die Schwerverwundeten blieben in Trier, die Leichtverletzten wurden in das Reichsinnere weitertransportiert. Neben den in begrenzter Zahl vorhandenen Krankenautos übernahm auch die Trierer Straßenbahn zunehmend Verwundetentransporte von den beiden Bahnhöfen zu den mehr als 20 Lazaretten, in denen gleichzeitig rund 6000 schwer Verwundete untergebracht und gepflegt wurden.
"So geht es", wie der Trierische Volksfreund am 26. August 1914 berichtet, "die ganze Nacht hindurch, das Elend und der Jammer wollen nicht enden".
Der 23. August 1914 war ein ereignisreicher Sonntag. Fast reichten die Schaufenster der Paulinus-Druckerei nicht aus, um die bunten Plakate mit den Siegesnachrichten des deutschen Heeres aufzunehmen. Von besonderer Bedeutung aber war die Tatsache, dass erstmalig ein Zug mit Gefangenen in Trier haltmachte. "Hunderte und aber Hunderte" strömten zum Hauptbahnhof hinaus, um die ersten französischen und belgischen Kriegsgefangenen zu sehen.
Manfred Wilhelmi

Extra

"Geradezu mit Freude" nahmen die Trierer die nach Frankreich durchmarschierenden Soldaten in ihre Wohnungen auf. Da die Zeit des Eintreffens der Truppen nie genau feststand, mussten auf Anordnung des Oberbürgermeisters eine Zeit lang die Haustüren nachts geöffnet bleiben (Trierischer Volksfreund vom 4. August 1914). Bis Mitte August 1914 mussten täglich bis zu 30 000 Mann betreut werden. Da nicht alle in Bürgerquartieren untergebracht werden konnten, mussten Massenquartiere in städtischen Schulen eingerichtet werden. Für die Verpflegung der Soldaten wurde von der Stadt Trier 1,40 Mark pro Person und Tag bezahlt; für die Bereitstellung eines Bettes gab es keine Vergütung. mwi
Manfred Wilhelmi schreibt seit elf Jahren die "Stadttrierische Chronik", die jährlich im Kurtrierischen Jahrbuch (KTJ) veröffentlicht wird. Im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in Stadtbibliothek und Stadtarchiv Trier hat er darüber hinaus die Sammlung "Lebensmittelkarten Erster Weltkrieg" aufgearbeitet und die Ergebnisse in den Abhandlungen "Kriegsnot und Kriegsbrot" (KTJ 48/2008) und "Milchnot - Kindernot" (KTJ 51/2011) veröffentlicht. Für den Text auf dieser Seite nutzte er neben den genannten Zeitungen auch den Trierer Volkskalender 1917, Dokumente aus dem Stadtarchiv Trier sowie "Chronik der Stadt Trier" (1985) von Emil Zenz. r.n.