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"Allein sein ist doch schade"

"Allein sein ist doch schade"

BITBURG. Vier Generationen unter einem Dach: Familie Surek wohnt mit Enkel und Ur-Opa in einem gemeinsamen Haus – und bildet damit fast schon ein kleines Dorf in Bitburg. Um die Erfahrungen dieser Familie geht es in der heutigen Folge der TV-Serie "Lebensformen".

Groß ist er, der Esstisch in der Wohnung von Erika und Herbert Saurek. Das muss er auch sein. So beansprucht Großvater Karl seinen Platz. Zwei Söhne. Schwiegertöchter. Enkelin. Da wird es schon mal eng. Und schließlich sind da noch die außer Haus lebenden Kinder. Zum Glück kommt bald wieder der Sommer. "Dann grillen wir draußen im Garten", sagt Anja Surek. Die Familienmitglieder um sie herum nicken zustimmend. Die Sureks leben eine Form des Miteinanders, die angesichts des demografischen Wandels wieder an Bedeutung zunehmen dürfte. Alt und Jung gemeinsam unter einem Dach, Eltern und Familie der Kinder. "Ich glaube schon, dass wir in Bitburg die Ausnahme darstellen", sagt Martha Surek. Als sie und Ehemann Thomas den Neubau eines Familienhauses beschlossen, integrierten sie von Anfang an auch Thomas' Eltern, Erika und Herbert sowie Großvater Karl. Die Älteren zogen in die Erdgeschosswohnung, die Jüngeren die Treppe hoch in eine eigene Wohnung. Dazwischen, im ersten Stockwerk, "siedelte" sich Thomas jüngerer Bruder Simon ein, gemeinsam mit Ehefrau Anja. Deren Tochter Selina darf sich daher freuen, sowohl Tante und Onkel als auch Opa, Oma und Ur-Opa lediglich ein paar Stufen entfernt zu wissen. Nur Erikas Sohn Paul und Tochter Anna leben noch außerhalb. "Eine studentische Wohngemeinschaft ist es nicht, aber zumindest ähnelt sie ihr", sagt Martha Surek. Konkret: Die Familienmitglieder feiern zusammen, verreisen gemeinsam. Die Oma passt auf die Enkelin auf. "Wenn ich ein Ei zum Kochen brauche, frage ich bei meiner Schwiegermutter nach", sagt Anja Surek, was die Erwähnte mit dem Satz kommentiert: "Bei mir gibt es halt alles." Nicht verwunderlich, dass die 63-jährige Erika quasi die "Hausherrin" ist. Man sitzt gern zusammen, das Wort "zusammenhocken" fällt oft im Gespräch. Allein schon wegen der Geburtstage in der Familie. Kürzlich erst stand der 90. Geburtstag von Großvater Karl an. Die Familie ist deutschpolnischen Ursprungs, aus der Nähe von Posen. "Es war unter Willy Brandt, dass wir auswandern konnten", erinnert sich Karl Surek an das Jahr 1972 - nach Bitburg, wo die Familie seitdem wohnt. Die Wurzeln sind aber geblieben. Wenn bei Sureks gekocht wird, kommen auch polnische Rezepte zum Einsatz. "Bekannte fragen mich manchmal, ob das mit Schwager, Schwägerin und Schwiegereltern unter einem Dach klappt", erzählt Martha Surek. Kollegen hätten erklärt, mit ihren Familien würde so etwas nicht funktionieren. Auch bei den Sureks hängt der Haussegen manchmal schief. Ausnahmen, sagen sie. Dass das Zusammenleben funktioniert, habe aber viel damit zu tun, dass das Privatleben des Einzelnen heilig sei. Ist eine Tür zu, bleibt sie es auch, "und das ist auch gut so", sagt Schwiegermutter Erika. "Manchmal sehe ich meine Eltern wegen meiner Arbeitszeiten auch eine ganze Woche lang nicht", sagt Anjas Ehemann Simon. Aber das heißt nicht, dass er es vorziehen würde, in einem eigenen Haus ohne Eltern oder Bruder zu leben. "Wenn jemand Hilfe braucht, ist sie sofort verfügbar." Es gebe anders als in anderen Mehrfamilienhäusern keine Anonymität. Die Sureks - das sind Dorfstrukturen in einer Stadt. Anja Surek bringt es auf den Punkt: "Allein sein ist doch schade."