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Bestattungskultur im Wandel

Bestattungskultur im Wandel

BITBURG-PRÜM. Auch im Herbst dieses Jahres wird an zahlreichen Feiertagen auf Friedhöfen und in Kirchen Verstorbener gedacht. Just in diese Zeit fiel im vergangenen Jahr die Eröffnung des ersten Friedwalds in Rheinland-Pfalz (der TV berichtete). Vielerorts wurden Überlegungen laut, ob es sich dabei um ein weiteres Signal für einen sich ändernden Umgang mit Tod und Bestattung handele.

Sicher ist, dass die Friedwald-Idee nur als eine von vielen neue Akzente verspricht und sich damit auf veränderte Bedürfnisse einer individualisierten Gesellschaft einstellt. Im Internet findet man eine Vielzahl von Anbietern, die ausgefallene Särge und Urnen, pompöse, außergewöhnliche oder auch betont einfache Inszenierungen im Programm haben. Persönliche Vorgaben bei der musikalischen Gestaltung einer Trauerfeier sind längst üblich.Der Markt wird "unüberschaubar"

Dem Trend zur Stilisierung und Individualisierung widmet sich auch ein Museum in Kassel, das Objekte der Sepukralkultur (Bestattungskultur) zeigt. Betroffen von dieser Entwicklung sind vor allem die Kirchen, aber auch die Bestattungsbranche.

Walburga Leuschen, Inhaberin eines führenden Bestattungsunternehmens im Bitburger Raum, befürchtet einen Verlust der Friedhofskultur. "Es entwickelt sich schon jetzt ein unüberschaubarer Markt an Anbietern, die ohne Schulung einfach ein Produkt verkaufen. Dabei bleiben Würde und Menschlichkeit auf der Strecke." Sie selbst fühlt sich den Leitsätzen ihrer Berufsethik verpflichtet, die Würde und Respekt, Achtung vor Sitten aller Nationen und Religionen, menschliche und fachliche Trauerbegleitung über den Tag hinaus sowie verantwortungsvolle Beratung und ständige Weiterbildung verspricht. Hier im ländlichen Gebiet gebe es einen deutlichen Trend hin zu einfachen Begräbnissen, sagt sie, oft fehle das Geld.

Einäscherungen seien auf dem Vormarsch, stellt Bestatter Hermann Sonnen aus Malbergweich fest. "Viele Menschen möchten ihren teilweise weit entfernt wohnenden Angehörigen nicht mit der Grabpflege zur Last fallen. Manchmal gibt es auch einfach keine Angehörigen mehr." Damit spricht er das wichtige Problem der demografischen Entwicklung an. Die Zahl der Menschen, die ein hohes Alter erreichen oder keine Nachkommen haben, steigt.

Im Zuge beruflicher Veränderungen verlassen viele Menschen das traditionelle Umfeld von Familie und Gemeinde. Pastor Joachim Bollig, katholischer Geistlicher aus Bitburg, sieht darin die Ursache für den Wunsch, nichts hinterlassen zu wollen. "Im Grunde soll das jeder selbst entscheiden. Gott hat den Menschen in die Freiheit gesetzt. Dennoch ist es wichtig, dass der Grundgedanke der Gemeinschaft erhalten bleibt. Trauernde brauchen Anteilnahme und einen Ort, den sie aufsuchen können, um ihre elementare Erfahrung mit anderen zu teilen."

Friedwald-Idee ist "kulturlos"

Sein Kollege Hermann Meiser sieht das genauso. Die Idee des Friedwalds findet er kulturlos, glaubt aber dennoch, dass sie als einfache und preiswerte Lösung den Nerv der Zeit trifft. "Grabkultur gab es, seit es Menschen gibt. Ich glaube, sie wissen nicht, was sie sich antun, wenn sie das aufgeben."

Hans Ulrich Ehinger, evangelischer Pfarrer in Bitburg, sieht Abweichungen von der Tradition im kirchlich geprägten Kreis eher als Ausnahmefall. Dennoch macht ihm die Tendenz des Individualismus mit der daran gekoppelten Entkirchlichung Sorgen. "Viele Menschen möchten sich heute keiner Autorität mehr unterwerfen und lehnen auch die Verbindlichkeit des Glaubens ab. Durch die ,Privatisierung des Glaubens‘ geht auch der Urgedanke der Gemeinde verloren."

Eine Lösung gebe es nur, wenn Staat und Kirche im Hinblick auf das Grundrecht der Würde an einem Strang zögen.