Bücherwurm im Jugendwahn

Bücherwurm im Jugendwahn

MÜNCHEN/TRIER. Sind deutsche Jugendliche Analphabeten und Lesemuffel? Mit diesem Ergebnis schockierte die Pisa-Studie 2000 die Nation. Nun die beruhigende Nachricht des Münchener Instituts für Jugendforschung (IJF): Jugendliche kennen sich doch im Büchermarkt aus.

"80 Prozent der 13- bis 22-jährigen Jugendlichen sehen sich in der Lage, eine Buchempfehlung abzugeben", gab das Institut für Jugendforschung (IJF) im Februar in einer Pressemitteilung bekannt. 1012 Mädchen und Jungen hat das Institut zu ihren Lieblingsbüchern befragt. Mädchen hatten dabei die Nase vorn: Sie konnten häufiger einen Titel oder Autor empfehlen. Als klare Favoriten der jungen Leser schnitten Fantasy-Bücher, allen voran "Harry Potter", ab. Auch in Trier besteht kein Grund zur Sorge: Viele Jugendliche sind nach wie vor Leseratten. "Null Bock auf Bücher? Davon merken wir nichts", meint Mechthild Brezing, Jugendbibliothekarin der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff. "Ganz im Gegenteil, wir haben unsere Angebotspalette in den vergangenen Jahren ständig erweitert." Rund ein Drittel der Medien des Hauses sind für junge Besucher bestimmt. Immerhin 30 Prozent der aktiven Leser seien Jugendliche, fügt Brezing nicht ohne Stolz hinzu.Jugendliche in Buchhandlungen erwünscht

Georg Stephanus, Geschäftsführer der Buchhandlung bei der Buchhandlung "Stephanus" spricht ebenfalls von wachsenden Verkaufszahlen im Jugendbuchbereich. "Wir haben das Jugendbuch zu unserem Schwerpunkt ausgebaut", erklärt er. Dass junge Leute ernst zu nehmende Kunden sind, ist auch für die Buchhandlung "Interbook" keine Frage. Mit dem Umzug an den Kornmarkt hat sich das Haus bemüht, das Angebot für Jugendliche übersichtlicher und attraktiver zu gestalten. Lese-Ecken sollen junge Bücherwürmer dazu einladen, gleich vor Ort zu schmökern. "Jugendliche als Nichtleser zu bezeichnen, ist unfair, falsch und diskriminierend", meint Thomas Brausch, Geschäftsführer des Hauses. Jasmin Biewers, die als junge Mitarbeiterin in der Jugendbuchabteilung Ansprechpartnerin für lesebegeisterte junge Leute ist, kann dies nur bestätigen: "Unsere jungen Leser wissen ganz genau, was sie wollen. Oft fragen sie mich gezielt nach Titeln oder Autoren." Vor allem Mädchen nutzen gerne die Gelegenheit, nach der passenden Lektüre zu stöbern. Nach der Schule zieht es viele junge Leserinnen zu den Bücherregalen: "Pünktlich um eins stürmen hier ganze Cliquen von Mädels die Abteilung. Ich kann das Kichern schon immer von weitem hören", sagt Biewers. Ganz oben auf der Leseliste steht in den Buchhandlungen und Bibliotheken der Stadt Trier die Serie "Freche Mädchen - freche Bücher". "Bücher rund um die Probleme des Erwachsenwerdens sind bei Mädchen momentan der Renner", erklärt die Jugendbibliothekarin Mechthild Brezing. Jungen vertiefen sich lieber in Action- und Abenteuerbücher. Hier stehen Serien wie die "Tausend-Gefahren-Reihe", die "Gänsehautbücher" und die "Die drei Fragezeichen" hoch im Kurs. "Was von allen viel gelesen wird, sind Fantasy-Romane", fügt Brezing hinzu.Bücher keine Staubfänger

Auch eine Umfrage unter Jugendlichen aus der Region zeigt: Bücher sind keineswegs nur Staubfänger. Ob Historisches, Lustiges, Michael Moore oder Klassiker wie Jostein Gaarders "Sofies Welt" - die Interessen sind vielseitig. "Wenn ein Buch richtig gut geschrieben ist, kann ich gar nicht mehr aufhören zu lesen." Tagelang verschwindet die 14-jährige Laurence Gilbertz aus Luxemburg dann fast vollständig aus dem Familienleben. Auch Julia Wagner kann sich für gute Bücher begeistern: "Mir gefällt ,Der kleine Hobbit‘ besonders. Das war richtig spannend geschrieben", schwärmt die zwölfjährige Triererin. Die Pisa-Studie scheint damit entmachtet zu sein. Aber nur fast, denn: Neben Begeisterung hört man auch: "Lesen? Das habe ich früher mal gemacht, jetzt habe ich keine Lust mehr dazu."