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"D'Preiße sënn do!"

"D'Preiße sënn do!"

Mit der Demontage der Schienen am Bahnhof im luxemburgischen Ulflingen besetzt Deutschland im August 1914 das erste Land im Ersten Weltkrieg. In diesen Tagen jährt sich der Einmarsch deutscher Truppen zum 100. Mal.

 Dieses Soldaten-Gruppenfoto aus dem Ersten Weltkrieg – genauere Angaben dazu sind nicht bekannt – ist zurzeit in einer Ausstellung im luxemburgischen Steinfort zu sehen. Foto: Albert Metzger, Luxemburger Tageblatt
Dieses Soldaten-Gruppenfoto aus dem Ersten Weltkrieg – genauere Angaben dazu sind nicht bekannt – ist zurzeit in einer Ausstellung im luxemburgischen Steinfort zu sehen. Foto: Albert Metzger, Luxemburger Tageblatt

Luxemburg. "D\'Preiße sënn do!" (Die Deutschen sind da!) Diesen entsetzten Ausruf hört man laut Augenzeugenberichten am Samstagabend, 1. August 1914, auf dem Ulflinger (Troisvierges) Bahnhof. Fünf deutsche Militärfahrzeuge rasen - von Trier aus einrückend - durch den Ort. Soldaten beginnen damit, Bahnschienen der Vennbahn zu demontieren. Verwirrung kommt bei den Deutschen auf, als im benachbarten Ort Clerf (Clerveaux) zum Musikfest Böller verschossen werden - sie befürchten, auf vorrückende französische Truppen zu stoßen. Doch Fehlanzeige. Die Deutschen ziehen sich zurück. Vorläufig. Für eine Nacht. Am Sonntagmorgen marschieren sie dann "offiziell" in Luxemburg ein - ins erste Land, das Deutschland im Ersten Weltkrieg besetzt.
Ob in Wasserbillig, Grevenmacher, Remich oder Luxemburg-Stadt, ob mit Zügen, zu Pferd oder zu Fuß: Tausende deutsche Soldaten besetzen das Großherzogtum und bleiben hier für einige Jahre.
Was sich in diesen Tagen zum 100. Male jährt, ist in der luxemburgischen Geschichtsschreibung lange vernachlässigt worden. Widerstand und Kollaboration, Zwangsrekrutierung und sozialer Notstand: Das wurde bislang eher mit dem Kampf gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg verbunden. Und mit der Absage der Luxemburger Regierung an eine finanzielle Unterstützung der Ausstellung "Le Petite Guerre. Luxembourg 1914-1919" der Universität Luxemburg hat das Land eine Chance vertan, sich mit dieser Phase seiner Geschichte auseinanderzusetzen (der TV berichtete). "Dabei ist der Erste Weltkrieg von zentraler Bedeutung für die Institutionen des Landes", sagt etwa Denis Scuto, Historiker an der Universität Luxemburg. So seien etwa die Vorläufer der großen Arbeitergewerkschaften in dieser Zeit entstanden. Auch die Parteienlandschaft beginnt sich zu bilden. Nicht zuletzt deshalb, weil sich mit dem Krieg die Versorgungslage des Landes verschärfte. Und auch Luxemburgs Selbstbewusstsein als selbstständige Nation erhält durch den Ersten Weltkrieg erstmals richtig Auftrieb.


Politik:

Zunächst versucht Deutschland, seinen Einmarsch im Großherzogtum mit einem "Missverständnis" zu begründen. Laut dem Schlieffenplan sollten Luxemburg und Belgien bei einem Aufmarsch gegen Frankreich lediglich Durchgangsstationen sein. Dass es im August 1914 so schnell geht, liegt wohl an dem Streit Kaiser Wilhelms II. mit seinem Generalstabschef Helmuth von Moltke. Letzterer fackelt nicht lange und zieht mit seinen Soldaten los, während der Kaiser noch zögert. "Macht doch, was ihr wollt!" wird Wilhelm II. zitiert. Und so überrollen die Deutschen das Großherzogtum.
Eine schwierige Situation für die erst 22-jährige, teils im deutschen Königsstein (Sitz des Familienstamms der Nassauer) aufgewachsene Großherzogin Marie-Adelheid und Luxemburgs Staatsminister Paul Eyschen.
Eine Protestnote des politisch neutralen Landes bleibt vorerst der einzige Widerstand - zumal Deutschland vorgibt, die Besetzung sei eine "Maßnahme zur Sicherung" gegenüber Frankreich.
Die Regentin empfängt allem Unmut zum Trotz auf Schloss Berg, dem bis heute existierenden Sitz der großherzoglichen Familie, den Kaiser. Ein diplomatischer Affront, was ihr nicht nur viele Landsleute, sondern auch die Staatschefs im Ausland übel nehmen. Rund 3000 Luxemburger treten in die französische Fremdenlegion ein, die Statue der Gëlle Frau steht noch heute für das Gedenken an die Opfer unter ihnen.

Insgesamt fünf Regierungen verschleißt das Land bis 1919 - die meisten, weil sie sich gegen das Staatsoberhaupt Marie-Adelheid nicht durchsetzen können. Denn die mischt sich - entgegen der Gepflogenheiten der meisten Großherzöge - massiv in die Politik ihres Landes ein.
Ende 1918 gibt es ein Treffen der Luxemburger Regierung mit der französischen Siegermacht in Paris. Zunächst wird sie gar nicht vorgelassen, der Verdacht der Kollaboration schwebt über allem. Staatsminister Emile Reuter schafft es dank diplomatischen Geschicks, sowohl Luxemburgs Unabhängigkeit zu wahren als auch das Großherzogtum in den Völkerbund einzubinden. Großherzogin Marie-Adelheid dankt im Januar 1919 mit 29 Jahren ab, ihre jüngere Schwester Charlotte, die Großmutter des heutigen Großherzogs Henri, folgt auf den Thron. Doch das Image der Monarchie ist angeknackst. Die Abstimmung des Parlaments zugunsten ihrer Abschaffung scheitert nur knapp.

Wirtschaft:

"Mit dem Krieg kommt die soziale Spaltung Luxemburgs", sagt Historiker Scuto. Die Gesellschaft wird über Lebensmittelrationierungen schnell mit dem Weltkrieg konfrontiert. Was bislang kaum diskutiert wurde: Luxemburgs Bevölkerung geht auf die Straße, protestiert gegen steigende Preise für Brot, Kartoffeln und Hülsenfrüchte. Die Profiteure des Krieges sind Händler und Bauern, aber auch der Stahlriese Arbed, Vorgänger des heutigen ArcelorMittal. Der Ausbruch der Spanischen Grippe verschärft die Versorgungslage. Der soziale Frieden gerät in Gefahr. Dies gibt den Ausschlag zur Gründung der Gewerkschaften in Luxemburg. Ob Lénksblock, Rechtspartei, Freie Volkspartei oder Sozialisten: Die soziale Lage schlägt sich auch in der Interessenvertretung durch neue politische Formationen nieder. "In dieser Zeit beginnt sich das Luxemburger Modell von Regierung, Patronat (Arbeitgebervertretern) und Gewerkschaften herauszubilden", stellt der Luxemburger Historiker und Planer der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg, Benoît Majerus, fest. In der Folge wird der Acht-Stunden-Tag ohne Lohneinbußen eingeführt, Arbeiterausschüsse in den Betrieben entstehen.
Gesellschaft:

Was der Krieg für Luxemburgs Gesellschaft bedeutet, damit haben sich die Historiker vor der geplanten Ausstellung beschäftigt. "Der Erste Weltkrieg wird als Laboratorium für das gesehen, was im Zweiten kam", sagt Majerus. Immerhin ist Luxemburg zuvor durch die Zollunion stark mit Deutschland verbunden, auch wenn es politisch neutral ist. Deutsche bilden die größte ausländische Minderheit. Nun, mit dem Ersten Weltkrieg, kommen die Deutschen als Besatzer ins Land, leben teils in den Dörfern. Die Luxemburger leiden unter Hunger. Bombenangriffe vor allem im Süden töten etwa 50 Menschen. Diese Situation zwischen den Fronten und ohne klaren Widerstand sehen die Historiker als prägend für die Nachkriegszeit. "Der Erste Weltkrieg hat sicher dazu beigetragen, dass es zu einer Nationalisierung der luxemburgischen Gesellschaft kam", sagt Benoît Majerus. Sie habe sich zunehmend "als luxemburgisch gesehen - als etwas Spezifisches".