"Das Saufen gehörte zum Leben"

"Das Saufen gehörte zum Leben"

TRIER. Alkoholismus - eine Krankheit, die die Süchtigen zerstören kann. Der trockene Alkoholiker Rudi erzählt seine Geschichte:

Als ich aus der Schule entlassen wurde, habe ich mein Zeugnis in die Mülltonne geworfen. Dank der Beziehungen meines Vaters fand ich eine Lehrstelle als Autolackierer, in der Firma fragte man mich 1969 nicht nach Schulbildung und Zeugnis. Ich fühlte mich in diesen Beruf hinein gepresst, weil ich ja froh sein durfte, dass ich überhaupt eine Stelle bekommen hatte. In der Praxis war ich eigentlich gut, aber in der Theorie hatte ich keine Chance, mit den anderen Lehrlingen mitzuhalten, da mein Wissensstand weit unter dem der anderen in meinem Alter lag. Ich lernte auch in meinem ersten Lehrjahr "Freund Alkohol" kennen, der mir half, über alle meine Ängste hinwegzukommen. Wenn jemand Geburtstag hatte oder ein neues Auto kaufte oder aus irgendeinem Anlass "einer ausgegeben" wurde, wurde ich losgeschickt, um etwas zum Trinken zu besorgen. Ich fühlte mich nicht mehr als Versager, wenn ich getrunken hatte. Die Lehre habe ich drei Jahre durchgehalten, die praktische Prüfung mit "befriedigend" bestanden - vor der theoretischen Prüfung habe ich mein Gesellenstück (eine Platte mit der Deutschlandfahne) auf dem Weg zur Prüfung kaputt geschlagen und bin mit einem anderen Lehrling, der ähnliche Probleme hatte, in die Kneipe gegangen und habe mich sinnlos besoffen. Wiederholt habe ich die Prüfung nicht, ich war froh, diesen Job nicht mehr tun zu müssen. Ich habe dann mehrere Jobs angenommen, wo ich nichts nachweisen musste, aber da war ich immer nach zwei bis drei Wochen wieder weg. Dann war ich in einer Drückerkolonne, etwa zwei bis drei Monate. Und dann kam die Bundeswehr. Da ging es mit dem Saufen erst richtig los. Nach der Bundeswehr arbeitete ich zunächst ein Jahr, wieder durch Fürsprache meines Vaters, bei der örtlichen Stadtreinigung auf einem Kanalreinigungswagen. Jeder kann sich vorstellen, dass das eine fürchterlich stinkende Arbeit und eigentlich nur im Suff zu ertragen war. Nach einem Jahr wurde ich wegen Unzuverlässigkeit entlassen. Ich habe in den 70er-Jahren ein sehr ausschweifendes Leben mit dem Alkohol geführt. Ich arbeitete etwa vier Jahre für eine Firma, sogar die meiste Zeit allein verantwortlich."Ein beruflicher Schutzengel hielt zu mir"

Ich bekam dann ein Angebot, für 2500 Mark netto im Ruhrgebiet zu arbeiten - das war damals für mich sehr viel Geld. Aber auch das reichte nicht, um meinen Alkoholbedarf zu finanzieren, da ich am liebsten in den Kneipen soff, und das war sehr teuer. So kam es, dass ich sehr schnell finanziell am Ende war. Nachdem ich meiner erste stationäre Entgiftung im Krankenhaus bewältigt hatte, lernte ich 1987 über eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme in Wilhelmshaven einen Suchtberater der Diakonie kennen. Ich hatte zwei Entgiftungen im Krankenhaus und ein Jahr Langzeittherapie. Anderthalb Jahre musste ich in Selbsthilfegruppen experimentieren. Ich kam 1989 nach Hamburg, wo ich eine Arbeitszusage hatte von meiner Firma, die es in all den Jahren, die ich gesoffen hatte, immer wieder mit mir versucht hat, dieselbe Firma, die mir damals kündigen musste. In dieser Firma gab es einen Mann, der mein beruflicher Schutzengel war, den ich viele Jahre bitter nötig hatte. So konnte ich in Hamburg Fuß fassen, ich lernte dann nach drei Wochen die Anonymen Alkoholiker (AA) kennen. Und die Treffen der Gruppe werde ich weiterhin besuchen, weil ich ein suchtfreies Leben führen will. Bei der Firma bin ich auch heute noch beschäftigt, mittlerweile auch mit einigen Ehrungen ausgezeichnet und als zuverlässiger Mitarbeiter geschätzt und bekannt. So habe ich heute trocken das erreicht, was mir während meiner Saufzeit verwehrt blieb - Anerkennung.