... der die Welt bedeutet Ein Dachboden, ... "Kulturell tut sich mehr unter den Trierer Studenten"

Auf einem zugigen Trierer Dachboden: Der hohe Raum ist sparsam beleuchtet, ein kleiner Heizstrahler spendet Wärme. Zuschauer sitzen auf Stühlen rund um ein Bett, auf dem sich in der folgenden Stunde Dramatisches abspielen wird. Es wird geschrien, vergewaltigt und ein Kind gegessen. Das "Theater Umriss" zeigt einigen Freunden und Bekannten sein neues Stück, dessen Name wegen Problemen bei der Rechte-Vergabe leider nicht genannt werden darf. Studenten machen großes Theater

 Die English Drama Group. Foto:privat

Die English Drama Group. Foto:privat



Leichte Kost ist das nicht und Unterhaltung nicht das erste Ziel der studentischen Theatergruppe. "Theater kann mehr. Wenn jemand eins unserer Stücke sieht und anschließend sagt ‚Es hat weh getan, aber es war gut', sind wir zufrieden", sagt Kathrin Schug, die Cate spielt. Cate führt eine Beziehung mit Ian, die an einen Krieg erinnert. Man versteht sich nicht, kommt aber nicht voneinander los.

Mehr als drei Monate dauern die Proben zur dritten Produktion des "Theater Umriss". Die Protagonisten nehmen sich Zeit für die Auseinandersetzung mit dem Stück. Das war mitunter schmerzhaft. Bei den Proben für die Gewaltszenen gab es eine Gehirnerschütterung zu beklagen. Immanuel Bartz in der Rolle des Ian brach sich bei der Probevorführung die Hand.

Das "Theater Umriss" ist Teil der aufblühenden Studentenkultur in Trier. Dass sich was tut, ist auch dem Stadttheater nicht entgangen. Mit der "Bühne 1" rief man dort eine eigene Gruppe ins Leben, die nur aus Studenten besteht.

Das Ensemble probte und spielte unter professionellen Bedingungen direkt im Stadttheater. Ende Januar feierte man umjubelte die Premiere im Studio mit "Republik Vineta", einem Stück von Moritz Rinke. Mit dabei war auch Immanuel Bartz mit Gipsverband. Die Trierer Szene ist fein, aber eben auch klein. Alle fünf Aufführungen der "Bühne 1" waren ausverkauft und verliefen "wunderbar", findet Christine Post, die beim Stadttheater für die Pressearbeit zuständig ist. Kein Wunder, dass sie sich eine Fortsetzung des Projekts vorstellen kann.

Geplant sei eine weitere Produktion, entschieden sei aber noch nichts, sagt Christine Post. Dabei legt sie Wert darauf, dass sich das Theater nicht im besonderen an Studenten richtet, sondern das junge Publikum insgesamt im Blick hat. Wie groß dabei der Anteil der angehenden Akademiker am Theater-Publikum ist, soll in Kürze eine Umfrage zeigen.

An ein junges Publikum richtet sich auch der Poetry Slam "Dead or Alive", den das Theater zum nächsten Mal am 24. April in Kooperation mit dem Produktion e.V. veranstalten wird. Denn Studenten machen in Trier mehr als Theater.

Ein Format, das sie für sich entdeckt haben, ist der Poetry Slam, der bühnentaugliche Dichterwettstreit. Triers Vorzeige-Slammer ist Dorian Steinhoff.

Für ihn ist sein Metier mehr als eine Mode-Erscheinung. "Die Szene wird sich etablieren und eine große Zukunft haben", meint er. In Großstädten wie Berlin oder Hamburg sei der Slam bereits als Kunstform etabliert und locke die Zuschauer in die großen Theater.

Einige junge Literaten, die ihre Karriere auf der Bühne begannen, haben ihre Texte längst in Buchform herausgebracht. Steinhoffs Buch "Goldfische sind auch keine Lösung" erscheint am 10. April.

Um junge Literatur in Trier zu fördern, gründete Steinhoff mit Lisa Jaspersen den Verein "selbstredend e.V." Spießig findet Steinhoff das nicht. "Mit der Vereinsgründung können wir viel professioneller auftreten", sagt er.

Zehn Mitglieder hat der Kultur-Club derzeit, von denen keiner Beitrag bezahlt. Der Verein will sich finanzieren über Spenden, Zuschüsse und Eintrittsgelder. "selbstredend e.V." richtet einmal im Monat die Lesebühne "Kanapee Poeten" aus, bei der junge Literaten mit Slam-Hintergrund im Café Lübke Texte vorlesen.

Zwischen den Dichtern knallt es



Zudem kooperierte der Verein mit den Asten von Universität und Fachhochschule bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb, der im Mai in die zweite Runde gehen wird. Ein Workshop für kreatives Schreiben ist ebenso in Planung wie die zweite Ausgabe des Literaturmagazins "Unzeitgemäße Betrachtungen".

Bei all den Projekten bleibt Steinhoff gelassen. "Literatur sollte immer etwas Überflüssiges bleiben." Mit seiner Kulturarbeit wolle er den Leuten ein Forum bieten, ihre wunderbar überflüssige Kunst zu präsentieren.

Denn bei einem ist sich Dorian Steinhoff sicher: "Literatur unterhält einfach sehr gut". Studentenkultur muss also nicht immer weh tun. "Theater Umriss", "Bühne 1" und "selbstredend e.V." sind jedenfalls gute Beispiele dafür, dass Triers Studenten eine Bereicherung für das Kulturleben der Stadt sind. Zum Glück finden nicht alle Veranstaltungen auf schlecht isolierten Dachböden statt.

Die English Drama Group (Foto) ist eine von sieben studentischen und unabhäniggen Theatergruppen in Trier: Bühne 1, dazwischen, English Drama Group, Kreuz und Quer, Max-Tuch-Theater, Neues Theater Trier, Theater Umriss.

Weitere Informationen gibt es im Kulturreferat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Trier per E-Mail an astakult@uni-trier.de.

Die English Drama Group (EDG) ist ein "Fossil" der Trierer Studenten-Theaterszene, sagt Regisseurin Elke Nonn. Seit 1978 bringt die Gruppe englischsprachige Stücke auf die Bühnen. TV-Mitarbeiter Christian Palm hat mit Nonn gesprochen.

Mit welchen Zielen macht die EDG Theater?

Nonn: Ganz im Sinne des englischsprachigen Theaters wollen wir gute Unterhaltung mit Tempo, perfektem Timing und Hintersinn bieten. Für uns sind der Spaßfaktor und soziale Aspekte sehr wichtig. Wir verbringen schließlich viel Zeit miteinander. Dazu kommt der Lerneffekt in Sachen Fremdsprache und Theatertechnik.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahren in Triers Studentenkultur verändert?

Nonn: Es sieht so aus, dass sich in Trier kulturell auch unter Studenten mehr tut, aber schließlich ist auch die Anzahl der Studierenden stark gestiegen. Dabei geht die Tendenz zu Projekten, durch die Gruppen für begrenzte Zeit zusammenfinden. Wir sind da geradezu Fossilien in der Kulturlandschaft.

Wie kommt's?

Nonn: Das liegt sicher auch an den organisatorischen Rahmenbedingungen, die nicht gerade rosig sind. Alles läuft ehrenamtlich, das machen nur wenige Leute über einen längeren Zeitraum. Im Gegensatz dazu hat die Universität Saarbrücken im vergangenen Jahr ein ganzes Theaterfestival veranstaltet und stellt den studentischen Gruppen einen fantastisch geeigneten Saal zur Verfügung. In Trier sind wir da leider nicht so weit.

Wie fällt das Fazit der letzten EDG-Produktion "Wyrd Sisters" aus?

Nonn: Supergut. Alle Vorstellungen waren schon vor der Premiere ausverkauft - ein Novum für uns. Zum zweiten Mal hatten wir auch eine Schulveranstaltung mit dabei. Auch dort ist das Stück trotz des sprachlichen Anspruchs gut angekommen.

Was kommt danach?

Nonn: Im nächsten Semester spielen wir eine selbstverfasste Bühnenversion von Jane Austens "Pride and Prejudice". Austen ist die zweitbeliebteste englischsprachige Autorin, gleich nach William Shakespeare. Ihr Roman, der mit deutschem Titel "Stolz und Vorurteil" heißt, wurde vor Kurzem mit Keira Knightley fürs Kino adaptiert.

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