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Der geschriebene Schatz des Vaters

Der geschriebene Schatz des Vaters

Kriemhild Gendebien hütet einen Schatz: das Kriegstagebuch ihres Vaters. Oberleutnant und Hauptmann Dr. Carl Castendyck führte das Tagebuch der Kompanie von Anfang Februar 1915 bis Ende Dezember 1917.

Traben-Trarbach. Seite für Seite schlägt Kriemhild Gendebien das Kriegstagebuch ihres Vaters auf. "Schauen sie, wie sorgfältig die Eintragungen auf die vorher gezogenen Linien geschrieben sind", staunt die 85-Jährige. Sie hütet das Büchlein wie einen Schatz. "Wenn das mein Vater wüsste, dass ich hier 100 Jahre später seine Berichte lese", sagt sie und versucht, Wort für Wort zu entziffern.In Sütterlin niedergeschrieben


Denn die "Geschichte" der Kompanie ist in Sütterlin niedergeschrieben, einer von dem Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin geschaffenen Schreibschrift, die von 1915 bis etwa 1940 in deutschen Schulen gelehrt wurde. Gendebien kann diese Schrift noch lesen, allerdings bedarf es schon einiger Übung, alles richtig entziffern zu können.
Vergessen ist der Erste Weltkrieg für Kriemhild Gendebien nicht, auch wenn er 100 Jahre zurückliegt. Durch das Kriegstagebuch mit den Aufzeichnungen ihres Vaters, bleibt er "Bestandteil" der Familie. Erinnerungsstücke wie ein Brieföffner mit Griff aus einem Granatsplitter, eine Kartuschenhülle aus dem Jahr 1915, der Säbel des Vaters oder die Grußkarte eines Freiherrn von Lützow an ihren Vater "zur Erinnerung an die gemeinsam verbachte Zeit 1915/16" halten vergangene Zeiten lebendig.
Ein großes Porträt zeigt ihren Vater in Uniform. Dort ist auch der Siegelring zu erkennen, den seine Tochter heute am Finger trägt. "Eingraviert ist das Wappen der Familie Castendyck", sagt Gendebien. Das Haus in Trarbach, in dem sie wohnt, stammt von ihrem Großvater. Es wurde 1858 kurz nach dem großen Stadtbrand gebaut.
Gendebiens Vater, Dr. Carl Castendyck (1875 - 1951), war Chemiker und besaß ein Labor in Trarbach. Mit 39 Jahren zog er in den Krieg. "Das Einsatzbataillon wurde nach Beginn des Krieges am 6. August 1914 in der Festung Posen zusammengestellt", so beginnen die Einträge in Castendycks Tagebuch. "Am 1. November 1914 wurden der Kompanie etwa 180 Rekruten aus Niederschlesien zur Ausbildung überwiesen. Mit diesen meistens gesunden, 20-jährigen Leuten, sollte die Kompanie im Februar 1915 gemut ins Feld rücken (...) mit ihrem schon kampferprobten neuen Kompanieführer Oberleutnant Castendyck", ist weiter zu lesen.
"Kriegsgeschichten haben mich nie wirklich interessiert", sagt Genedebien. Doch das Tagebuch machte sie neugierig. Sorgfältig hat Carl Castendyck Buch geführt. Ortsnamen wie Dobritz, Kudryschki oder Ludwigorov tauchen auf, "nichts Wesentliches passiert", ist immer wieder zu lesen. Die Kompanie arbeitet am "Ausbau der Stellungen (...) keiner der Russen lässt sich außerhalb der Stellung blicken", so lautete der Eintrag am 16. April 1917. Durch Geschosse wurde Castendyck am rechten Unterarm leicht verletzt, auch das "verrät" das Tagebuch. Und dass die Kameraden Zeit hatten, Feiertage mit einer Messe zu feiern. "In der Nacht brannten mehrere Osterfeuer hinter der feindlichen Front", heißt es weiter. Sorgfältig ist jeder Tag aufnotiert, auch dass der "Rest der Kompanie die Gasmasken im Stinkraum erprobte". Gendebien lässt das Buch, das nach dem Tod der Mutter in ihren Besitz kam, nicht mehr los. Sie erfährt, dass ihr Vater, Hauptmann Castendyck mit dem Eisernen Kreuz der ersten Klasse ausgezeichnet wurde.Die Schrift verändert sich


Neben normalem "Arbeits- und Wachdienst" wurden Appelle abgehalten und auch "Kino-Vorstellungen für stets je zehn Mann besucht". Gendebien schmunzelt, als sie dazu liest: "Sämtliche Teilnehmer äußern sich sehr zufriedenstellend über das Geschehen".
Ob die Abkommandierung zur Teilnahme an einem Heeresgaskursus in Berlin oder der Eintrag, dass "die ersten 50 Mann der Kompanie einer Typhus-Schutzimpfung unterzogen wurden", die alte Dame ist gefesselt von dem, was ihr Vater vor 100 Jahren an der Front niederschrieb. Im Juli 1917 wird er mit der stellvertretenden Führung des ersten Bataillons beauftragt. Auf den folgenden Seiten aber werden die Eintragungen plötzlich kürzer und sind nicht mehr so sorgfältig, auch die Schrift verändert sich. Dann der letzte Eintrag: "Am 16. Dezember 1917 melden, dass mit den Russen ab 17. Dezember um 12 Uhr mittags ein vierwöchentlicher Waffenstillstand abgeschlossen worden ist". Damit endet das Kriegstagebuch von Dr. Carl Castendyck. 1919 hat Castendyck geheiratet, 1920 wurde Sohn Gernot (gefallen 1941) und 1922 Sohn Giselher (gestorben 1986) geboren. 1928 folgte Tochter Kriemhild. Sie will dafür sorgen, dass der "geschriebene Schatz" ihres Vaters nicht verloren geht.
volksfreund.de/wk1
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