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Der Krieg, der ein Jahrhundert überschattete

Der Krieg, der ein Jahrhundert überschattete

Der vierjährige Waffengang des Ersten Weltkriegs führte das Töten im industriellen Maßstab ein. Nach 15 Millionen Opfern barg der schlecht geschlossene Friede den Keim für den folgenden, noch monströseren Zweiten Weltkrieg. Historiker sprechen deshalb von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“.

 Das österreichische Thronfolgerpaar Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie am 28.06.1914 in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) wenige Augenblicke vor dem tödlichen Attentat.
Das österreichische Thronfolgerpaar Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie am 28.06.1914 in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) wenige Augenblicke vor dem tödlichen Attentat. Foto: dpa
 Deutsche Truppen überschreiten im Ersten Weltkrieg im Sommer 1914 die Grenze nach Frankreich.
Deutsche Truppen überschreiten im Ersten Weltkrieg im Sommer 1914 die Grenze nach Frankreich. Foto: dpa
 Der Serbe Gavrilo Princip (undatierte Aufnahme). Der serbische Nationalist und Attentäter schoss auf den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sofie in Sarajevo. Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/dpa
Der Serbe Gavrilo Princip (undatierte Aufnahme). Der serbische Nationalist und Attentäter schoss auf den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sofie in Sarajevo. Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/dpa Foto: Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/dpa
 Ein Junge bringt am 01.08.1914 während des Ersten Weltkrieges den Koffer und das Gewehr seines Vaters zum Bahnhof.
Ein Junge bringt am 01.08.1914 während des Ersten Weltkrieges den Koffer und das Gewehr seines Vaters zum Bahnhof. Foto: dpa
 Deutsche Truppen überschreiten im Ersten Weltkrieg im Sommer 1914 die Grenze nach Frankreich.
Deutsche Truppen überschreiten im Ersten Weltkrieg im Sommer 1914 die Grenze nach Frankreich. Foto: dpa
 Blick im Jahr 1914 in Creil (Frankreich) auf im Ersten Weltkrieg zerstörte Gebäude.
Blick im Jahr 1914 in Creil (Frankreich) auf im Ersten Weltkrieg zerstörte Gebäude. Foto: dpa
 Der britische Dampfer "Falaba" wird im März 1915 zwischen England und Irland durch den Torpedo eines deutschen U-Boots getroffen und versenkt.
Der britische Dampfer "Falaba" wird im März 1915 zwischen England und Irland durch den Torpedo eines deutschen U-Boots getroffen und versenkt. Foto: dpa
 Feldzug in Galizien: Erzherzog Friedrich von Österreich nimmt mit seinem Gefolge einen Vorbeimarsch des Korps Hofmann ab. Foto: dpa
Feldzug in Galizien: Erzherzog Friedrich von Österreich nimmt mit seinem Gefolge einen Vorbeimarsch des Korps Hofmann ab. Foto: dpa Foto: dpa
 Die Ruinen von Verdun im Jahr 1916. Bei der Schlacht um die französische Stadt (Februar bis Dezember 1916) im Ersten Weltkrieg sterben hunderttausende Soldaten.
Die Ruinen von Verdun im Jahr 1916. Bei der Schlacht um die französische Stadt (Februar bis Dezember 1916) im Ersten Weltkrieg sterben hunderttausende Soldaten. Foto: dpa
 In einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne nahe Paris treffen die deutsche Delegation unter Führung des Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger (M) und der französische General und Oberbefehlshaber der Alliierten, Ferdinand Forch (r, stehend) zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg zusammen. Nach einem ersten Treffen am 8. November unterzeichnete Erzberger am 11. November 1918 in diesem Waggon die von General Forch ultimativ vorgelegten Waffenstillstandsbedingungen.
In einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne nahe Paris treffen die deutsche Delegation unter Führung des Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger (M) und der französische General und Oberbefehlshaber der Alliierten, Ferdinand Forch (r, stehend) zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg zusammen. Nach einem ersten Treffen am 8. November unterzeichnete Erzberger am 11. November 1918 in diesem Waggon die von General Forch ultimativ vorgelegten Waffenstillstandsbedingungen. Foto: dpa
 Ein Truppführer mit einem Fernglas in der Hand kauert 1915 mit seinen Soldaten an einem Waldrand an der Westfront. Das Wort "Fernglas" erscheint 1915 zum ersten Mal im Duden.
Ein Truppführer mit einem Fernglas in der Hand kauert 1915 mit seinen Soldaten an einem Waldrand an der Westfront. Das Wort "Fernglas" erscheint 1915 zum ersten Mal im Duden. Foto: dpa
 ARCHIV - Die Luftaufnahme zeigt die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. 2014 wird hier eine Ausstellung mit dem Schwerpunkt "1. Weltkrieg" gezeigt.
ARCHIV - Die Luftaufnahme zeigt die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. 2014 wird hier eine Ausstellung mit dem Schwerpunkt "1. Weltkrieg" gezeigt. Foto: dpa
 Steinkreuze sind am 08.01.2014 auf dem Nationalfriedhof auf der Gedenkstätte Hartmannswillerkopf im Elsass bei Hartmannswiller in Frankreich zu sehen. Der 956 Meter hohe Berg war im ersten Weltkrieg stark umgekämpft. Rund 30 000 Soldaten starben dort. Foto: Patrick Seeger/dpa
Steinkreuze sind am 08.01.2014 auf dem Nationalfriedhof auf der Gedenkstätte Hartmannswillerkopf im Elsass bei Hartmannswiller in Frankreich zu sehen. Der 956 Meter hohe Berg war im ersten Weltkrieg stark umgekämpft. Rund 30 000 Soldaten starben dort. Foto: Patrick Seeger/dpa Foto: dpa
 ARCHIV - Erste deutsche Truppen überschreiten im Sommer 1914 während dem Ersten Weltkrieg die Grenze nach Frankreich. Foto: dpa (zu dpa-Themenpaket „100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg“ vom 16.12.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Erste deutsche Truppen überschreiten im Sommer 1914 während dem Ersten Weltkrieg die Grenze nach Frankreich. Foto: dpa (zu dpa-Themenpaket „100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg“ vom 16.12.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa
 Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun (Frankreich) die Hand. Foto: Wolfgang Eilmes/dpa
Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun (Frankreich) die Hand. Foto: Wolfgang Eilmes/dpa Foto: dpa

Als der südslawische Nationalist Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 mit zwei Schüssen den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin ermordet, denkt noch niemand an den Krieg, der sich im kommenden Sommer zum 100. Mal jähren wird. In Wien unterbrechen die Walzerkapellen ihr Spiel, als die Meldung aus dem fernen Sarajevo verlesen wird - im Publikum löst dies kaum Erschütterung aus. Die Höfe, Staatskanzleien und Generalstäbe ganz Europas gehen wie gewohnt auf Urlaub, Kaiser Wilhelm II. unternimmt seine traditionelle Nordlandfahrt.

Europa hat zuvor schon mehrmals am Rande eines großen Kriegs gestanden - und ist dennoch stets vor dem Abgrund zurückgewichen. 1908 etwa, als sich Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina formell einverleibte, oder 1911, als Kaiser Wilhelm zum „Panthersprung“ nach Agadir ansetzte, einem Panzerboot-Aufmarsch vor der Küste Marokkos.

Doch die „Juli-Krise“ im Anschluss an das Attentat von Sarajevo entfaltet eine fatale Dynamik. Österreich lechzt nach Vergeltung. Serbien sei „niederzuwerfen“, fordert Kaiser Franz Joseph. Mit seiner irredentistischen Wühlarbeit habe das kleine Balkanland dem großen Nachbarn lange genug auf der Nase herumgetanzt. Doch Belgrad ist mit dem großen Russland verbündet. Die stetige Aufrüstung des Zarenreichs ist wiederum Kaiser Wilhelm unheimlich. Dem Bündnispartner an der Donau signalisiert er deshalb unbegrenzte Rückendeckung.

Die Doppelmonarchie stellt Serbien ein praktisch unerfüllbares Ultimatum und erklärt am 28. Juli den Krieg. Unerbittlich nimmt die Bündnis-Mechanik ihren Lauf. Am 30. Juli verfügt Zar Nikolaus II. die Generalmobilmachung. Am Tag darauf macht Österreich-Ungarn mobil. Am 1. August erklärt Deutschland Russland den Krieg und marschiert am nächsten Tag in Luxemburg ein - mit Stoßrichtung auf das neutrale Belgien und den „Erbfeind“ Frankreich. Am 4. August bricht England seine Beziehungen zu Deutschland ab. Die Mittelmächte - das deutsche und das österreichische Kaiserreich - standen nun gegen die Entente - Frankreich, England und Russland - in einem schwierigen Zwei-Fronten-Krieg.

Die deutsche Generalität braucht einen schnellen Sieg über Frankreich, um freie Hand für Russland zu haben. Das verbündete Österreich ist am serbischen Schauplatz stärker beansprucht als gedacht und folglich mit dem Zarenreich im Nordosten überfordert. Doch der deutsche Vormarsch in Frankreich kommt schon im September an der Marne zum Stillstand. Die Heere graben sich ein, ein jahrelanger Stellungskrieg beginnt.

Zwischendurch jagen die Generäle ihre Männer in verlustreiche Offensiven. Die Schlacht um Verdun dauert vom Februar bis zum Dezember 1916. Keine der Seiten erringt einen strategischen Vorteil. 162 000 französische und 100 000 deutsche Soldaten sterben auf dem Schlachtfeld; fast 500 000 werden verwundet. Die „Hölle von Verdun“ wird mit zum Symbol für die Schrecken des Ersten Weltkriegs. Mit ähnlichem Grauen erinnern sich Österreicher und Italiener an die zwölf unentschiedenen Schlachten am Isonzo (1915-1917).

Immer neue Länder zieht es in das gigantische Ringen hinein. 1915 schließt sich Bulgarien den Mittelmächten an und Italien der Entente. 1916 folgen Rumänien und 1917 die USA mit dem Kriegseintritt an der Seite der Entente. Der Kampf weitet sich zum totalen Krieg aus. Die Zivilbevölkerung wird für die Kriegswirtschaft mobilisiert - und hungert. Trotz Ansätzen zu Verhandlungen wird immer klarer, dass der Krieg nur mit dem Siegfrieden der einen, dem Zusammenbruch der anderen Seite enden wird. Als erste Großmacht scheidet Russland aus - die Revolutionen im Jahr 1917 führen zum Sonderfrieden mit Deutschland.

Doch die Mittelmächte sind stärker ausgeblutet, verfügen über weniger Reserven als die Entente. Als in der ersten Jahreshälfte 1918 die Offensiven der Deutschen in Frankreich und der Habsburger-Monarchie an der Piave scheitern, zeichnet sich das Ende ab. Am 11. November kapituliert Deutschland. Die Donaumonarchie zerfällt, ihre nicht-deutschen Teile machen sich selbstständig. Der eigentliche Friedensschluss erfolgt aber erst mit den Pariser Vorortverträgen 1919 und 1920.

Das bis dahin schlimmste Blutvergießen der Menschheitsgeschichte hat mindestens neun Millionen Soldaten und sechs Millionen Zivilisten das Leben gekostet. Das Töten auf dem Schlachtfeld nahm erstmals industrielle Ausmaße an. Neuerungen wie die Eisenbahn, das Maschinengewehr und schnell feuernde Artillerie beschleunigten und intensivierten die Kriegsführung in einer Weise, wie man sie bisher nie erfahren hatte. Auch Giftgas wurde erstmals eingesetzt. Generäle aller Seiten verharrten in der strategischen Mentalität des 19. Jahrhunderts und verheizten ihre Männer bedenkenlos im Inferno der modernen Waffentechnik. Unzählige Soldaten wurden durch die schrecklichen Kriegserlebnisse traumatisiert. Sie wurden zu „Kriegszitterern“, Neurotikern oder ganz irrsinnig.

Die Frage, wer die Verantwortung für die Entfesselung der Katastrophe trug, beschäftigt die Geschichtsforschung bis heute. In den 1960er-Jahren machte der deutsche Historiker Fritz Fischer Furore, der dem Deutschen Reich das Streben nach einem Weltmacht-Status attestierte, wofür es den Krieg bewusst in Kauf genommen habe. Der Oxford-Professor Christopher Clark nimmt in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Schlafwandler“ eine markante Gegenposition ein. Für ihn schlitterten die Großmächte wegen ihrer aggressiven Geheimdiplomatie und ihres wechselseitigen Misstrauens eher unwillkürlich in die große Konfrontation, wobei er die größere Schuld Serbien, Russland und Frankreich zuweist. Die Debatten dürften jedenfalls gerade im Gedenkjahr 2014 lebhaft weitergehen.

Einig sind sich die Historiker weitgehend, dass die Friedensschlüsse von 1919/20 den Kontinent nicht dauerhaft zu befrieden vermochten. Die Sieger nahmen an den Verlierern Revanche, zwangen ihnen demütigende Bedingungen auf. In Deutschland begünstigte dies den Machtaufstieg eines von Komplexen und Hass erfüllten, aber mit Demagogie begabten Kunstmalers aus der österreichischen Kleinstadt Braunau. Die Folgen der Diktatur Adolf Hitlers sind bekannt. Der US-Diplomat und -Historiker George Kennan bezeichnete deshalb den Ersten Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“.