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"Eine ähnliche Gefahr wie 1914 sehe ich nicht"

"Eine ähnliche Gefahr wie 1914 sehe ich nicht"

Der Trierer Historiker Christian Jansen analysiert im Interview mit dem Trierischen Volksfreund die Folgen des Ersten Weltkrieges

Von Trier aus sind 1914 die ersten Truppen Richtung Luxemburg und Frankreich marschiert. Hier begann der Feldzug, der bis 1918 bis zu neun Millionen Soldaten und mindest ebenso viele Zivilisten das Leben gekostet hat. Trier war auch die erste Stadt, auf die während des Ersten Weltkriegs Bomben fielen. Über die Ausmaße und die Folgen dieses Krieges hat unser Redakteur Bernd Wientjes mit dem Trierer Historiker Christian Jansen gesprochen.

Herr Jansen, der Erste Weltkrieg wird auch als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Teilen Sie diese Einschätzung?
Christian Jansen: Ein Krieg mit diesem Ausmaß und diesen Millionen an Opfern war vorher undenkbar. Auch die Einbeziehung der Zivilbevölkerung - gerade auch in Trier - hat damals ein neues Ausmaß angenommen. Viel schlimmer ging es allerdings an der Ostfront zu, die erst jüngst in den Fokus der historischen Forschung gerückt ist. Aber selbst wenn der Erste Weltkrieg vermieden worden wäre, wäre das 20. Jahrhundert sicher nicht friedlich verlaufen.

Was waren die unmittelbaren Folgen des Ersten Weltkriegs?
Jansen: Durch den Ersten Weltkrieg haben sich die USA und die Sowjetunion als Weltmächte etabliert. Die früheren Weltmächte wie Großbritannien aber auch Deutschland gehörten zu den Verlierern. Außerdem hat sich nach dem Krieg das Prinzip des Nationalstaates durchgesetzt und der Nationalismus einen erheblichen Aufschwung erlebt. In Osteuropa sind zahlreiche neue Nationalstaaten entstanden, mit Konflikten, die uns ja zum Teil heute noch beschäftigen.

Ist die Ukraine-Krise mit der damaligen Lage zu vergleichen? Droht ein neuer Weltkrieg?
Jansen: Das sehe ich nicht. Es ist aber schon erstaunlich, dass gerade jetzt im Zuge der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ausgerechnet an einem der damaligen Brennpunkte eine Krise ausbricht. Das zeigt, dass es der Politik eben nicht gelungen ist, alle Krisenherde von damals zu bewältigen. Aber eine Kriegsgefahr sehe ich nicht. Aufgrund der neuen, schnellen Kommunikation wird eine solche Krise zwar schnell mal von den Medien zu einer weltweiten Gefahr hochgepuscht. Genau diese Kommunikation macht es aber auch der Politik möglich, schnell zu reagieren: Es ist möglich, innerhalb von ein paar Stunden Krisentreffen zu veranstalten. All das war vor 100 Jahren kaum möglich. Da waren die Kommunikationswege viel länger, es gab nur wenige persönliche Gespräche zwischen den Vertretern einzelner Staaten. Und es kommt hinzu, dass es heute kaum Kriegsbereitschaft gibt - zumindest nicht in der EU.

Heute vor 100 Jahren hat es das Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek, in Sarajewo gegeben. Das gilt gemeinhin als Beginn des Ersten Weltkriegs. Das war aber nicht der Auslöser, oder?
Jansen: Das Attentat war Ausdruck der Spannungen auf dem Balkan. Auch zwischen den Großmächten Deutschland und Großbritannien gab es enorme Spannungen und einen Rüstungswettlauf . Es herrschte allseits das Gefühl, dass ein Krieg unvermeidlich sei. Die Kriegsbereitschaft war groß. Es gab aber zu der damaligen Zeit noch keine Mechanismen, Interessengegensätze auf eine andere Art zu lösen. Insofern ist es naiv zu glauben, dass es ohne das Attentat von Sarajewo keinen Krieg gegeben hätte.

Aber musste der Krieg dann vier Jahre dauern?
Jansen: Da spielte das Gefühl von nationaler Ehre eine große Rolle. Gerade auf deutscher Seite hatte man sich Kriegsziele gesetzt, die nicht realistisch waren. Man wollte Teile von Belgien und Frankreich haben. Das war für die Gegner nicht akzeptabel, so wurde der Krieg immer weiter geführt. Das zeigt, dass die politische Führung zu dieser Zeit in Geiselhaft der Militärs war und nicht in der Lage war, den Krieg zu stoppen.

Aber Deutschland war Hauptkriegstreiber?
Jansen: Deutschland hat zumindest im Westen einige gravierende Völkerrechtsverletzungen begangen. Es ist in Luxemburg einmarschiert - ohne Kriegserklärung und ohne triftigen Grund. Es hat Belgien, das ein von allen Großmächten garantierter neutraler Staat war, überfallen. Die deutsche Armee war sich sicher, dass sie diesen Krieg im Handstreich gewinnen kann. Als das nicht so war und gerade die Belgier erheblichen Widerstand leisteten, erwies sich die deutsche militärische Planung als illusorisch. Statt eines schnellen Sieges kam es zu dem furchtbaren Stellungskrieg in Frankreich.

Ist Deutschland also schuld am Ersten Weltkrieg?
Jansen: Man sollte in der heutigen Zeit nicht mehr die Schuldfrage in den Mittelpunkt stellen. Schuld ist eine moralische Kategorie. Die Frage ist, wer hat Verantwortung gehabt. Das war meines Erachtens ein kollektives Versagen und ein Fehlen von heute vorhandenen Mechanismen, um solche Krisen zu verhindern.

Trier war damals Hauptaufmarschgebiet für den Zug zur Westfront. Welche Rolle hat Trier samt Umgebung damals aus militärischer Sicht gespielt?
Jansen: Trier war in Grenznähe eine der größten Städte und außerdem eine sehr wichtige Garnisonsstadt. Von hier aus sind die Truppen losmarschiert, die am Morgen des 2. August 1914 in Luxemburg eingefallen sind. Später wurde Trier zur Lazarettstadt, was an den guten Eisenbahnverbindungen lag, durch die die Verwundeten nach hier transportiert werden konnten.

Warum hat Deutschland Luxemburg besetzt?
Jansen: Luxemburg war ja neutral. Aber es bestand seitens der Deutschen die Befürchtung, dass die Franzosen das Land einnehmen und damit auch vor allem die für den Transport an die Westfront wichtigen Eisenbahnstrecken sowie die Schwerindustrie. Daher wollte man den Franzosen zuvorkommen und hat Luxemburg völkerrechtswidrig besetzt.

Wie stand es um die Kriegsbegeisterung in und um Trier?
Jansen: Die dürfte sich in Grenzen gehalten haben. Es war wohl gerade für die Winzer eine Katastrophe, dass kurz vor der Weinlese alle Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden und damit die Weinernte in Gefahr war. Auch Bauern und Handwerker wurden eingezogen. Begeistert in den Krieg gezogen sind wohl nur Jugendliche und Bürgerliche.

Trier war Ziel von zahlreichen Luftangriffen ...
Jansen: Ja, es gab 22 Angriffe mit - aus heutiger Sicht - der geringen Anzahl von 29 Toten. Das Entscheidende waren aber die psychologischen Folgen. Trier war nicht besetzt vom Feind, die Bürger waren aber trotzdem nicht sicher. Nur Freiburg war ähnlich heftig von Luftangriffen betroffen.

Abgesehen von der in diesem Jahr historisch bedingten Erinnerung an den Ersten Weltkrieg spielen die damaligen Ereignisse ansonsten eher weniger eine Rolle im Bewusstsein der meisten Menschen. Woran liegt das?
Jansen: In Frankreich oder auch in anderen Ländern ist im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg vom "großen Krieg" die Rede. In Deutschland wird der Erste Weltkrieg von den Folgen des Zweiten Weltkriegs überschattet, etwa durch die deutsche Teilung. Obwohl auch im Ersten Weltkrieg die Opferzahlen sehr hoch waren. Die deutsche Politik hat sich nach 1945 sehr stark mit der Bewältigung des Zweiten Weltkrieges beschäftigt und auch mit der dabei sehr viel eindeutigeren Frage der deutschen Schuld und der Wiedergutmachung.

Sie bieten zurzeit ein Seminar an der Universität an, in dem sich die Studierenden mit dem Thema Erster Weltkrieg beschäftigen und Material für Theaterstücke sammeln sollen. Wie ist das Interesse an dem Angebot?
Jansen: Ich bin schon etwas enttäuscht über die geringe Resonanz. Das zeigt einfach, dass der Erste Weltkrieg nicht das große Thema in Deutschland und besonders in der jüngeren Generation ist. wie Zur Person

Christian Jansen (58) hat Geschichte und Mathematik in Heidelberg studiert. Der Professor für Neuere Geschichte lehrte unter anderem in Berlin und Münster. Seit Oktober 2013 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Universität Trier. wie Extra: Aufführungen Zum Ersten Weltkrieg

Das Trierer Theater führt am 26. Oktober und am 10. November zwei Stücke über den Ersten Weltkrieg auf: "Wahnsinn wäscht die Hände" und "Transit unter Freunden". Der Inhalt der beiden Inszenierungen wird derzeit von Studierenden der Fächer Geschichte und Romanistik unter anderem mit Zeitdokumenten aus dem Trierer Stadtarchiv recherchiert.

Der Trierer Historiker Christian Jansen hat eine Ringvorlesung über den Ersten Weltkrieg organisiert. Sie beginnt am Dienstag, 1. Juli, 18 Uhr, im Hörsaal 8 der Uni Trier mit einem Vortrag des Berliner Historikers Oliver Janz. Sein Thema: Der Erste Weltkrieg als globaler Krieg. Im Herbst und im Winter folgen sechs weitere Vorträge die nicht an der Uni, sondern an verschiedenen Orten in Trier wie etwa den Viehmarktthermen oder im Stadttheater stattfinden. wie