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Erster Weltkrieg: Als der Tod das Fliegen lernte

Erster Weltkrieg: Als der Tod das Fliegen lernte

Hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, könnten wir heute wahrscheinlich nicht "mal eben" nach New York zum Einkaufen oder in die Dominikanische Republik in den Urlaub fliegen, wir trügen möglicherweise keine Armbanduhren und würden vielleicht nicht einmal Radio hören und fernsehen können. Warum, erfahren Sie im neuen Beitrag unserer Serie zum Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

"Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König", hatte schon der griechische Philosoph Heraklit von Ephesos weit vor Christi Geburt festgestellt - von 1914 bis 1918 bewahrheitete sich erneut, dass der Krieg Erfindungen fördert, und das zum Guten wie zum Bösen. In der Phase zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und dem Ausbruch des Weltkrieges hatte es rasante Fortschritte in den Naturwissenschaften, in der Industrie und der Technik mit tiefgreifenden Veränderungen auch für das Militär gegeben. Der Weltkrieg sorgte dann dafür, dass weitere, teils revolutionäre Ideen geboren wurden und auch zunächst mit Skepsis beäugte Erfindungen in der Umsetzung erheblich beschleunigt wurden - viele davon, so makaber es klingt, zum späteren Wohl der Menschheit.

Luftfahrt Zu Beginn des Ersten Weltkrieges waren Flugzeuge noch bizarre, zerbrechliche Gebilde ähnlich den Modellen von Gustav Weißkopf oder den Gebrüdern Wright. Bekämpfen konnten sich die gegnerischen Piloten nur, wenn sie mit Jagdgewehren aufeinander schossen. Die Generale maßen Luftfahrzeugen zunächst nur in der Aufklärung Bedeutung bei. So ging Großbritannien mit 113 Flugzeugen und sechs Luftschiffen in den Krieg, Deutschland mit 232 Flugzeugen und elf Luftschiffen. 1918 waren diese Bestände trotz zahlreicher Abschüsse in England auf 3300 Flugzeuge, in Deutschland auf 2390 gewachsen - Beweis dafür, dass die junge Luftwaffe plötzlich wichtig geworden war, obwohl der welterste Motorflug des Deutsch-Amerikaners Gustav Weißkopf (14. August 1901) erst kurze Zeit zurücklag.
Erreichte ein deutscher Aufklärer wie der 1914 moderne Albatros B 2 gerade einmal 104 km/h, war der Jäger Fokker D VII gegen Kriegsende doppelt so schnell. Auch die Bomber wurden perfektioniert: Am 6. Oktober 1914 war es britischen Sopwith Tabloid-Sportflugzeugen gelungen, das weit hinter der Front liegende Düsseldorf anzugreifen und dort den deutschen Militär-Zeppelin Nummer neun am Boden zu zerstören. Die Motoren wurden immer stärker und zuverlässiger; höhentaugliche Triebwerke wurden entwickelt, der Turbolader und die Benzineinspritzung. Die Reichweiten stiegen drastisch, die Navigation auch bei Nacht und schlechtem Wetter wurde immer präziser. Statt aus Holz und Stoff wie noch 1914 waren viele Flugzeug-Zellen zum Kriegsende schon aus Metall. Nach 1918 nutzten zivile Fluggesellschaften und Luftfahrt-Pioniere die ausgemusterten Kampfflugzeuge. Rekorde purzelten: Mit dem Bomber Vickers Vimy gelang 1919 die erste Nonstop-Atlantiküberquerung. Sogar die heutige Flugsicherung hat ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg: Die Amerikaner stellten 1917 erstmals eine Funkverbindung vom Boden aus ins Cockpit her und koordinierten später mehrere Maschinen im Luftraum.

Funk und Rundfunk Ähnlich wie das Flugzeug wurde die noch in den Kinderschuhen steckende Funktechnik durch die Kriegsbedingungen erheblich weiterentwickelt. Denn es galt, schnell Befehle zu übermitteln und dabei als Absender möglichst unentdeckt zu bleiben. Eine Funkstelle war dafür ideal. So kam es zu ersten Versuchen mit Röhrensendern; die Morsetelegrafie wurde durch Sprechfunk ergänzt. Daraus entstand nach dem Krieg zuerst das Radio und in den 20er Jahren das erste Fernsehen.

Armbanduhr und Teebeutel Als "Vater aller Dinge" erwies sich der Erste Weltkrieg auch bei kleineren Erfindungen wie den heutigen Monatsbinden für Frauen. Basis war ein stark saugfähiger Baumwollstoff für Verbandsmaterial. Französische Krankenschwestern in den Lazaretten erkannten, dass das Material auch bei der Periode nützlich war. US-Sanitäterinnen exportierten die Idee in die Heimat, wo 1920 die erste Firma für Damenbinden gegründet wurde. Die üblichen Taschenuhren jener Zeit erwiesen sich für Offiziere, die zum Beispiel einen Infanterie-Sturmangriff exakt mit der Artillerie abstimmen oder ein Flugzeug steuern mussten, als viel zu unpraktisch. Um in jeder Lage schnell auf die Uhr sehen zu können, montierten sie sie sich provisorisch ans Handgelenk. Die Armbanduhr - um die Jahrhundertwende ein Schmuckstück nur für Frauen - war damit auch für Männer gesellschaftsfähig geworden und zum Kriegsende Standard im Zivilleben. Auch der Teebeutel ist eine Erfindung des Ersten Weltkriegs: Mit der sogenannten Teebombe versorgte das Düsseldorfer Unternehmen Teekanne die Soldaten an der Front. Der Beutel war allerdings aus Mull, was das Getränk muffig machte. Der erste Aufgussbeutel aus geschmacksneutralem Spezialpergamentpapier kam erst 1929 auf den deutschen Markt.

Militärische Rüstung Die menschliche Fantasie wurde auch bei der Erfindung oder Vervollkommnung von zivil nicht nutzbaren Waffensystemen durch den Ersten Weltkrieg massiv beflügelt. Erstmals wurden großflächig chemische Waffen eingesetzt, daraufhin Schutzmasken gegen Giftgas entwickelt, außerdem die Leuchtspurmunition, der Flammenwerfer und die Maschinenpistole erfunden. Der gegen Granatsplitter schützende Stahlhelm, zu Kriegsbeginn noch bei keiner Armee eingeführt, ersetzte die Pickelhaube oder das Käppi und rettete Tausenden Soldaten in den Schützengräben das Leben. Der deutsche Helm vom Typ "M 1916" war in der Formgebung richtungweisend: "Fritz" nennen die heutigen US-Soldaten darum ihren sehr ähnlich aussehenden modernen Kevlar-Helm. Der 1917 von einem Amerikaner entwickelte "Brewster"-Körperschild war einer der Vorläufer der kugelsicheren Westen. Mit der britischen HMS "Furious" wurde 1917 der erste Flugzeugträger in Dienst gestellt. Großzügig interpretiert war der Erste Weltkrieg sogar die Geburtsstunde der zurzeit so umstrittenen Drohnen: Am 6. März 1918 startete die US-Marine das erste ferngesteuerte Flugzeug mit dem Ziel, per fliegender Bombe ein feindliches Schiff zu versenken. Am 15. September 1916 rollten riesige feuerspeiende Stahl-Ungetüme panikauslösend gegen die deutschen Stellungen. Der Kampfpanzer war erstmals zum Einsatz gekommen - 1914 hatten noch Lanzenreiter Attacken zu Pferde ausgeführt. Die deutsche Antwort auf den gefürchteten britischen "Tank", der Sturmpanzerwagen A7V, erfüllte ebenfalls bereits alle Grundvoraussetzungen, die einen heutigen Panzer wie den "Leopard 2" ausmachen: Er besaß ein Kettenfahrgestell zum Überwinden von Hindernissen, eine starke Kanone, Maschinengewehre zum Selbstschutz und leicht schräg gestellte Panzerplatten, um Geschosse abprallen zu lassen. Sogar eine schnelle Kommunikation zum Kommandostab konnte der A7V herstellen, allerdings noch nicht durch ein Funkgerät, sondern durch Brieftauben an Bord.