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Es „wimmelt“ von Urhebern - Neue Bücher zum Ersten Weltkrieg

Es „wimmelt“ von Urhebern - Neue Bücher zum Ersten Weltkrieg

Mit dem Ersten Weltkrieg geht das alte Europa unter. Fast 100 Jahre nach dem Kriegsbeginn 1914 gehen eine Vielzahl neuer Bücher den Fragen nach der Kriegsschuld und der Euphorie der Menschen nach. Sie erzählen auch von Fehleinschätzungen, Blauäugigkeit und Unvernunft.

Hitler und Stalin gehen in einem Wiener Park spazieren. Die beiden Männer kennen sich noch nicht. Es ist 1913. Florian Illies beschreibt in seinem Roman „1913“ Geschichte, die eigentlich noch keine Geschichte ist. Es ist eine Zeit, über die Stefan Zweig in „Die Welt von gestern, Erinnerungen eines Europäers“ schreibt: „Es war das goldene Zeitalter der Sicherheit.“ Im Sommer 1914 ist das Zeitalter der Sicherheit, das alte Europa, Geschichte. Über die Hölle, die dann losbricht, berichteten Erich Maria Remarque in „Im Westen nichts Neues“, Arnold Zweig in „Erziehung vor Verdun“ und Ernst Jünger in „In Stahlgewittern“, die Hölle der Schützengräben, Materialschlachten, Hunger, Wahnsinn und Tod.

Vor fast 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Fast ein Jahr vor diesem historischen Datum sind eine Vielzahl von Büchern erschienen, die die Entscheidungen, das Grauen und die Unfähigkeit einzelner Handelnder versuchen nachzuvollziehen. Sie gehen den Fragen von Schuld, Euphorie und Angst, von Aggression und kollektiven Kriegswahn nach. Erschienen sind Gesamtdarstellungen, aber auch Neueditionen von den Antikriegsromanen von Remarque und Jünger sowie zeitgenössische Verse und Bücher zu Einzelthemen.

War das Deutsche Reich der alleinige Aggressor, der nach seinem „Platz an der Sonne“ strebte? Gingen die Menschen mit Euphorie in diesen Krieg? Die Autoren der neuen Untersuchungen verneinen diese Thesen. Für Christopher Clark „wimmelt“ es geradezu von Urhebern, die die Realitäten verkannten und sehenden Auges in einen Krieg stolperten. „So gesehen waren die Protagonisten von 1914 Schlafwandler - wachsam, aber blind, von Alpträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten“, schreibt Clark in „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog.“

Dabei sei der Krieg keineswegs unausweichlich gewesen. Sicher habe es unter den Militärs Kriegstreiber gegeben. Viele Diplomaten und Politiker sahen vor 1914 keinen großen Krieg heraufziehen, schreibt Oliver Janz in „14 Der Große Krieg“. „Keiner wollte einen großen Krieg oder strebte ihn an.“ Die möglichen Folgen eines Waffengangs seien den Staatsmännern bekanntgewesen.

Dennoch stolperten die Mächte nach dem Attentat am habsburgischem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand im Hochsommer 1914 in das Grauen, das in vier Jahren Millionen Menschen das Leben kostete. Dabei waren die Großmächte teils nicht richtig vorbereitet. Adam Hochschild berichtet über die Unzulänglichkeiten in „Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg.“

Österreich musste trotz Kriegsgefahr feststellen, dass große Teile des Heeres im Ernteurlaub waren, schreibt Hochschild. Die Deutschen verloren beim Vormarsch 60 Prozent ihrer Laster. Für die eiligst an die Front gebrachten Pferde gab es kein Futter, so dass die Gäule unreifen Mais aßen und zu Tausenden verendeten. „Pech für die Alliierten, dass Russland zwar das größte Heer der Welt hatte, aber leider auch das Unfähigste.“ Ein Gewehr habe es nur für jeden zweiten Soldaten gegeben. Die Franzosen rückten mit ihren gut sichtbaren blauen Jacken und knallroten Hosen in den Kampf und wurden so zu guten Zielschreiben. Und über die Briten urteilt Hochschild: „Es gab damals gewiss keinen Mangel an Mittelmäßigkeit beim britischen Militär.“

Eine anfängliche generelle Kriegseuphorie, wie sie zum Beispiel in ersten Briefen den Lyrikers Wilhelm Klemm zu spüren ist, sehen die Autoren nicht. Jubelnde Menschen und Soldaten voller Siegeszuversicht, in vielen Teilen der Bevölkerung machte sich aber auch Angst und Schrecken breit. „Die Kriegseuphorie hatte längst nicht alle Gesellschaftsschichten erfasst“, schreibt Guido Knopp in „Der Erste Weltkrieg. Die Bilanz in Bildern.“

Für Knopp ist der Ausbruch des Krieges der Beginn ein Weltbürgerkriegs. „Je mehr Abstand wir von dieser Epoche haben, umso mehr wird deutlich, dass es ein Weltbürgerkrieg ist - 31 Jahre lang.“ Auch Hochschild sieht wie die anderen Autoren die Dimension weit über den Ersten Weltkrieg hinaus: „Das schlimmste Vermächtnis des Konflikts und seiner missratenen Friedensregelung sind zweifellos die Schrecken, die folgten.“Literatur

. Guido Knopp: Der Erste Weltkrieg. Die Bilanz in Bildern, Verlag Edel Books, Hamburg, 2013, 384 S., 24,95 Euro, ISBN 978-3-8419-0241-2

- Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, Neuauflage 2013, 368 S., 15,00 Euro, ISBN 978-3462045819

- Adam Hochschild: Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg, 2. Auflage 2013, 525 S., 26,95 Euro, ISBN 978-3-608-94695-6

- Christopher Clark: Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, DVA, 39,99 Euro, 896 Seiten, ISBN-13: 978-3421043597

- Oliver Janz: 14 Der Große Krieg, Campus, 2013, 415 S., 24,99 Euro ISBN 978-3-593-39589-0

- Nicolas Wolz: „Und wir verrosten im Hafen“. Deutschland, Großbritannien und der Krieg zur See 1914 - 1918, dtv-Verlag, 352 S., 21,90 Euro, ISBN 978-3-423-28025-9

- Hans Magenschab: Der große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg 1914 - 1918, Tyrolia Verlag Innsbruck, 2013, 256 S. 39,95 Euro, ISBN 978-3-7022-3299-3

- Wolfgang Eckart: Die Wunden heilen sehr schön. Feldpostkarten aus dem Lazarett 1914 - 1918, Franz Steiner Verlag, 2013, 210 S., 29,90 Euro, ISBN 978-3-515-10459-3

- Wilhelm Klemm: Tot ist die Kunst. Briefe und Verse aus dem Ersten Weltkrieg. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, 2013, 250 S., 24 Euro, ISBN 9783871620805

- Ernst Jünger, „In Stahlgewittern“, hrsg. Helmuth Kiesel, Klett Cotta, 2013, 1245 S., 2 Bde., 68 €, ISBN 978-3-3608-93946-0