Feldpost aus Hetzerath

Feldpost aus Hetzerath

Bislang wurden 28,7 Milliarden Feldpostsendungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ermittelt. Was heute E-Mail oder SMS ist, war damals die Postkarte, mit der die Soldaten Kontakt zur Heimat hielten.

Hetzerath. Die Feldpost hat in der Geschichtsforschung schon seit langem eine große Bedeutung. Denn die 28,7 Milliarden Briefe, die von der Front in die Heimat und umgekehrt geschickt wurden, geben einen Einblick in das alltägliche Leben und die Stimmungslage der Soldaten und ihrer Angehörigen.
Die Historikerin Wiltrud Dohms hatte Zugriff auf die Feldpost der Familien Lehnertz und Hammerstein. Diese ist Teil des Nachlasses der 1997 verstorbenen Josefa Schneider geborene Hammerstein aus Trier-Ehrang; der Nachlass befindet sich heute im Besitz ihrer Töchter, der Autorin Wiltrud Dohms aus Meerbusch und ihrer Schwester Elke Hertel aus Hamburg.
Im folgenden Gastbeitrag untersucht sie die Briefe dieser Familie.
"Man muß sich ins Geschick Gottes fügen": Mit diesen Worten kommentiert Gretchen Lehnertz aus Hetzerath in einem Brief vom 23. Mai 1915 an ihren im Felde bei Ypern (Belgien) stehenden Vetter Hans Hammerstein aus Ehrang die Tatsache, dass drei ihrer nächsten Angehörigen, nämlich Gretchens Bruder "Hanni" , Hans\' Bruder Peter und ihr gemeinsamer Cousin Joseph gefallen sind. Hanni und Peter waren gerade 22, Joseph 25 Jahre alt, "drei so blühende junge Menschenleben", wie Gretchen weiter schreibt, als sie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs in Frankreich ihr Leben lassen mussten.
Da nach Gretchens Meinung alles von Gott gelenkt ist, akzeptiert sie ihrem Brief zufolge das Schicksal der drei jungen Männer, weil "es [so] am besten für sie gewesen sein [wird]".
Dennoch hadert die Familie mit dem Schicksal.
Gretchens Mutter Anna Maria gibt Kaiserin Auguste-Viktoria die Schuld an "Hannis" Tod, weil transportfähige, verwundete Soldaten auf Initiative der sozial engagierten deutschen Kaiserin mit Lazarettzügen zur besseren Behandlung nach Berlin gebracht wurden und der am 6. Januar 1892 geborene Hanni Lehnertz am 6. November 1914 auf einem solchen Transport an einer Lungenentzündung gestorben war.
Er wäre noch am leben: Die Mutter war davon überzeugt, dass ihr Sohn, wäre er in Frankreich im Lazarett geblieben, noch leben würde. Aus Schmerz und Trauer ist sie Mitte Mai 1915 "nach Berlin gereist" und hat "Hanni dort ein Kreuz setzen lassen; so kann jetzt jeder, wer von Hetz[erath] nach Berlin kommt, das Grab besser finden. Sobald der Krieg vorüber ist, reise ich", so Gretchen in ihrem oben erwähnten Brief, "auch mit Vater dorthin."
Auch Gretchen spricht zwar von einem "entsetzlichen Blutvergießen" und meint, dass "der Krieg … [von unserer] Familie ja … Opfer genug gefordert [hat]". Sie schreibt an Hans, dass sie den "lieben Gott" darum bitte, dass "Ihr" übrigen jungen Männer der Familie "alle wieder gesund Eure Lieben in der Heimat begrüßen könnt".
Nicht zuletzt freue die "Großmutter … sich so drauf, wenn ihre Enkel mal zurückkommen", was "hoffentlich … doch nicht mehr allzu lange dauern" werde, "zumal jetzt bei der heißen Jahreszeit". Andererseits aber schreibt Gretchen auch, dass "jetzt … noch kein Friede sein [darf]", weil es "ja doch nur ein fauler Friede wäre." Sie fährt fort: "Erst alles gut durchklopfen, zumal unsere besten Freunde, die schlauen, hinterlistigen Engländer, und dann unsere [bisherigen] Bundesgenossen, den wahnsinnigen Italiener."
Überlegene Truppen: Gretchen glaubt an die Überlegenheit der deutschen Truppen, wenn sie schreibt: "Das arme Italien, was doch nur von uns Deutschen gelebt hat, wagt es jetzt, gegen uns aufzutreten. Aber die Führer dieses heißblütigen Volkes unterschätzen die Kraft Deutschlands und Österreichs, die jetzt gerade auf ihrem Höhepunkt steht. So werden sie denn tüchtig geklopft, und da können sie auch wieder losziehen. Wenn wir dann gewonnen haben, ist\'s auch wieder besser im Lande; dann sind die Deutschen obenan und ein dauernder ehrenvoller Friede wird uns dann beschert sein."
Nach diesen markigen Worten, die Gretchen möglicherweise der deutschen Kriegspropaganda "entliehen" hat, endet ihr Brief mit dem Gedanken an die eigene Familie doch auffallend kleinlaut, wenn sie schreibt: "Unser Peter muß nächsten Monat zur Aushebung. Wenn er als nur nicht mehr in den Krieg brauch. Ich denke nicht, daß es noch so lange dauert."
Ungeduld wächst: Trotz ihres unerschütterlichen Glaubens an den deutschen Sieg wachsen in ihr auch die Ungeduld wegen der unerwarteten Länge des Krieges und die Sorge um mögliche (weitere) Opfer in der eigenen Familie. Auf der Namenstagskarte vom 21. Juni 1915 an ihren Vetter Hans Hammerstein fragt Gretchen besorgt: "Nun wie steht\'s … Gibt\'s bald Frieden? Unser Peter und Matthias müssen jetzt auch zur Ziehung. Wenn sie nur alle wieder zurückkehren." Ähnlich äußert sich Gretchens Vater Jakob Lehnertz auf seiner Karte vom 1. August 1915 an seinen Neffen Hans Hammerstein: "Nun ist bereits 1 Jahr vorüber, daß mobil ist. Wie lange soll‘s noch dauern?
Man wird fast ungeduldig. So viele unserer Lieben haben wir geopfert und noch immer wendet es [sich] nicht zum Frieden. … Hoffentlich kommst Du gut nach Hause. Dein Vater würde sonst den Verlust Deiner nicht mehr überstehen. Er macht sich furchtbar viel Kummer um seine sieben Söhne."
Hans Hammerstein, der Empfänger dieser Feldpost, war ein Sohn des Schreiner- und Gießermeisters Peter Hammerstein und seiner Frau Barbara, geborene Lehnertz. Barbara war eine Schwester von Gretchens Vater Jakob Lehnertz aus Hetzerath.
volksfreund.de/wk
Der Artikel wurde dem Kreisjahrbuch 2014 Bernkastel-Wittlich mit freundlicher Genehmigung der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich und der Autoren entnommen.