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Heilssuche in der Mottenkiste der Nazi-Zeit

Heilssuche in der Mottenkiste der Nazi-Zeit

Nicht nur in Wurzen und anderen ostdeutschen Kleinstädten gibt es eine rechte Jugendszene. Auch im Westen, auch in unserer Region, sind sie aktiv und immer auf der Suche nach neuen, jungen Mitgliedern. Der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Lutz Neitzert spricht über nationale Gesinnungen in Ost und West, rechte Jugendarbeit und die möglichen Ursachen.

Ist Rechtsextremismus ein Phänomen der neuen Bundesländer oder gibt es bei uns eine vergleichbare Jugendszene?Neitzert: In den neuen Bundesländern ist die rechte Jugendszene öffentlich sichtbarer und dominanter im Auftreten. Aber die meisten "Macher" ­ Musikproduzenten, Zeitschriftenherausgeber, Vordenker und Strippenzieher ­ haben ihre Stützpunkte, Firmen und Verlage hier in den alten Bundesländern. Zudem haben es NPD und die so genannten "Freien Kameradschaften" längst geschafft, ein Netzwerk aufzubauen, das es jedem verführbaren Jugendlichen leicht macht, in Kontakt mit ihnen zu geraten. Zwar treten Gruppen wie etwa die "Kameradschaft Rhein-Ahr", das "Aktionsbündnis Eifel" oder auch die NPD/JN in Trier nicht derart unverhohlen auf wie die Skinheads im Osten, doch sorgen sie, wie gesagt, dafür, dass faschistische Gesinnung auch im Jahr 2003 in Schulen und Jugendclubs wieder vermehrt präsent ist. In Sachsen hat vor allem die NPD Zulauf von jungen Leuten. In Jena gibt es eine nationale Schülerzeitung mit einer Auflage von 500 Stück pro Ausgabe. In Wurzen und anderen Städten gibt es öffentliche nationale Jugendzentren. Das sind nur einige Beispiele. Wie kommt es, dass so viele Jugendliche sich für nationale Parolen begeistern lassen? Neitzert: Es gibt mittlerweile leider viele verschiedene und sehr unterschiedliche Eingänge in rechte Gedankenwelten. Es sind längst nicht mehr nur die Benachteiligten in unserer Gesellschaft, die gefährdet sind. Auch an Gymnasien und Universitäten finden rechte Gruppen interessierten Nachwuchs. In einer zunehmend unübersichtlicher werdenden Welt glauben offenbar viele ihr "Heil" in Ideologien zu finden, die ihnen irgendeine Orientierung versprechen ­ und sei es auch nur der verstaubte Blick aus der weltanschaulichen Mottenkiste der Nazizeit. Dazu kommt, dass die Szene heute so groß geworden ist, dass es auch vielen einfach nur machtbesessenen klügeren Köpfen Spaß zu machen beginnt, dort einmal den "Führer" zu spielen. Eine Rolle, für die man anderswo vielleicht doch nicht ganz das Kaliber hätte. Und dann liegt sicher ein fataler Grund darin, dass den absurdesten Thesen der Rechten wie "Die Ausländer sind Schuld an der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland" kaum entschieden in der Öffentlichkeit und in den Medien widersprochen wird. Gibt es auch bei uns so etwas wie aktive rechte Jugendarbeit, also den Versuch, neue junge Mitglieder zu werben? Neitzert: Die Grundidee hinter der Strategie vor allem der NPD ist in Ost und West die gleiche: Zum einen will man Jugendlichen durch Konzerte, Wehrsportübungen im Unterholz, Sonnwendfeiern, Fußballhooligan-Randale und so weiter, ein "Unterhaltungsprogramm" bieten, und zum anderen setzt man hier wie dort ganz konkret auf möglichst alltagstaugliche "Jugendarbeit". Die Mitglieder des Aktionsbündnisses Eifel gebärden sich freundlich, gebildet und diskussionsfreudig. Wie kommt es, dass nationalistische Jugendliche nicht mehr auf den ersten Blick als rechtsextrem zu erkennen sind?Neitzert: Die Rechten haben eigentlich immer schon versucht, auf zwei gegensätzlichen Wegen zu marschieren. Einmal das Image des unangepassten Provokateurs und gewaltbereiten Kämpfers zu pflegen, und andererseits, sofern es die Hirnwindungen des jeweiligen Personals zulassen, auch das kultivierte Mitdiskutieren in politischen Debatten zu riskieren. Halten Sie es für möglich, dass die rechte Szene auch in unserer Region unter Jugendlichen eine solche Akzeptanz gewinnt, wie es im Osten der Fall ist? Neitzert: Das hängt allein davon ab, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickeln wird. In ökonomischen Krisenzeiten wird immer zu den billigsten Lösungen gegriffen und zu jenen politischen Programmen, die es nebenbei auch noch erlauben, die eigenen Aggressionen an Sündenböcken abzureagieren. Das vorherzusagen bedarf es keiner großen prophetischen Fähigkeiten. So lange wir hier noch leben können wie die Maden im Speck ("Made in Germany!"), so lange besteht keine Gefahr. Aber wehe, wenn…!