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"Hoffentlich passiert das nie wieder"

"Hoffentlich passiert das nie wieder"

Die vielen Berichte über den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren ausbrach, wecken bei Otto Maas (76) aus Kirchweiler viele Erinnerungen an seinen Vater und an beide Kriege. Das Ende des Zweiten hat er selbst noch als kleiner Junge miterlebt.

Kirchweiler. Wenn Otto Maas an die beiden Weltkriege erinnert wird - und das passiert angesichts der vielen Berichte in den Medien derzeit oft -, und er dann selbst zu erzählen beginnt, kann es leicht sein, dass sein Atem stockt und ihm die Tränen kommen. "Ich bion bei solchen Dingen eben, wie man sagt, nah ans Wasser gebaut. Genau wie meine Mutter", sagt der 76-jährige Schreiner aus Kirchweiler.
Aktuell ist es ein Passierschein, oder besser ein ganzes Bündel, das die Amerikaner massenweise gegen Ende des Zweiten Weltkriegs über Deutschland abgeworfen haben, das ihn wieder an die unselige Zeit erinnert. Sie dienten dazu, die Wehrmachtssoldaten zum Aufgeben zu bewegen, dafür wurde ihnen bei Vorlage des Passierscheins "gute Behandlung" und "Verpflegung" versprochen. Erstmals abgeworfen wurden sie laut Landeshauptarchiv am 10. September 1944. Also exakt vor 70 Jahren. "Ich habe das Bündel als Sechsjähriger auf der Wiese hinter unserem Haus gefunden und mit nach Hause genommen, wo es mein Vater geöffnet hat", erzählt Maas.Vater war im Ersten Weltkrieg


Kaspar Maas (geboren 1889) wurde, weil er bereits im Ersten Weltkrieg mehrere Schlachten mitgemacht hatte und dabei verletzt worden war, im Zweiten Weltkrieg nicht mehr eingezogen. Und wie er so auf die roten Passierscheine und die Urkunde mit dem Abbild seines Vaters blickt, kommen Maas wieder viele Gedanken, sprudeln die Erinnerungen nur so heraus. "Es ist bei vielen Dingen, als wären sie gestern", sagt der 76-Jährige. Er erzählt von der Granate, die nahe des Elternhauses auf der Straße eingeschlagen und mehrere Hundert Meter weiter weg geschleudert worden sei und erst dort in einem Hang explodierte; von den Bombenangriffen, bei denen die Familie auf Rüben gebettet im kleinen Gewölbekeller hauste; von der Befreiung des Dorfes durch die Amerikaner ("Es kam ein Soldat mit vorgehaltenem Gewehr in den Keller und hat geschrieben, weil er sich wohl auch gefürchtet hat."); von den Packungen mit Keksen und Schokolade, die die Alliierten haben liegen lassen ("Das war lecker!"); und von einem für die Familie schlimmen Moment kurz vor Kriegsende im März 1945: "Die Briefträgerin kam ins Haus und überreichte ein Kuvert, das außen bunt war. Noch während mein Vater es öffnete, hat meine Mutter bereits laut zu weinen angefangen. Es war aber kein Marschbefehl, sondern nur eine Bereithaltung. Und zum Glück war dann ja auch schon bald das Kriegsende."
So musste Kaspar Maas nicht auch noch im Zweiten Weltkrieg an die Front, sondern starb 1966 in Frieden. Und trotzdem sagt sein Sohn Otto, obwohl er selbst nie als Soldat im Feld war: "Eine schreckliche Zeit." Daher findet er es wichtig, die Erinnerung wachzuhalten - auch wenn es schmerzt. "Und wenn ich sehe, dass wieder viele deutsche Soldaten im Auslandseinsatz sind, ist das für mich kein gutes Zeichen", sagt der 76-Jährige.