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KAMPFSPORT: Weltschiedsrichter nah an der Basis

Erklärungsbedarf: Karate-Kampfrichter Lothar Becker aus Wittlich (links) im Gespräch mit einem jungen Karateka. Foto: privat
Erklärungsbedarf: Karate-Kampfrichter Lothar Becker aus Wittlich (links) im Gespräch mit einem jungen Karateka. Foto: privat
WITTLICH. Seit Lothar Becker vor mehr als 30 Jahren das erste Mal eine Karate-Vorführung sah, lässt der fernöstliche Kampfsport ihn nicht mehr los. Der Wittlicher ist nun Welt-Kampfrichter mit WM-Erfahrung. ARRAY(0x208ecfa20)

Lothar Becker scheint die Ruhe in Person zu sein. Der 48-Jährige sitzt am Esstisch in seiner Wohnung in Wittlich, die er zusammen mit seiner Frau und dem 19 Jahre alten Sohn bewohnt und erzählt von seinem Leben, das sich größtenteils um Karate dreht. Seit er als 16-Jähriger 1975 bei einem Jubiläumssportfest in seinem Heimatort Laufeld eine Karate-Vorführung sah, ist es um Lothar Becker geschehen. "Von diesem Moment an wusste ich: Das muss ich machen", sagt er. Er trat dem Karate-Club Wittlich (KCW) bei. Seit 1995 ist der Heilerziehungspfleger Präsident des 135 Mitglieder starken Vereins.Früher wurde häufiger trainiert als heute

"Damals wurde häufiger trainiert als heute. Dreimal pro Woche war Standard", erzählt Lothar Becker über die 70-er Jahre. Es sei die Boom-Zeit des Karatesports in Deutschland gewesen. "50 Leute im Anfängerkurs, das war keine Seltenheit", erinnert er sich. Das sei heute anders. Karate stehe im harten Wettbewerb mit dem vielfältigen Angebot anderer Sportarten. "Das Kindertraining liegt mir am Herzen", sagt Lothar Becker deshalb. Mindestens einmal pro Woche, meist freitags, steht er selber mit in der Halle. Das Sportliche ist nicht alles, was ihn an Karate fasziniert. "Mich hat auch immer die Philosophie, die dahinter steht, interessiert: Der Weg ist das Ziel", erklärt er. Nach den Prüfungen zum ersten und zweiten Dan (Schwarzgürtel) und der dreimaligen Teilnahme an deutschen Meisterschaften war deshalb der Weg zum Kampfrichter nicht weit. Seit 1986 ist Lothar Becker Landeskampfrichter, seit 1994 leitet er auch Kämpfe auf Bundesebene. Im Mai 2000 erwarb er bei den Europameisterschaften in Istanbul die Europa-Kampfrichter-Lizenz. Einsätze auf Zypern und Teneriffa, in Estland, Frankreich, Italien, Russland, England, den Niederlanden, Griechenland und Norwegen folgten. Meist reise man donnerstags an. Abends stehe dann direkt ein Briefing auf dem Programm. Während der folgenden drei Turniertage habe man immer kleine Pausen, in denen man sich ein bisschen von der Stadt ansehen könne, in der man gerade sei, "aber Urlaub ist das nicht", sagt Becker. Nach der bestandenen Prüfung zum vierten Dan vor zwei Jahren bestand Lothar Becker im Oktober bei den Weltmeisterschaften im finnischen Tampere auch das Examen zum Welt-Kampfrichter. "Die Prüfung läuft sehr anonym ab", erzählt er. "Man erhält eine Nummer und später steht hinter dieser Nummer bestanden oder nicht bestanden." Eine Kata, ein stilisierter Kampf gegen einen imaginären Gegner, im eigenen und einem anderen Stil müssen die Kampfrichter-Anwärter vorführen. Dazu kommt eine theoretische Prüfung. Er trainiere dafür mehr als früher als aktiver Wettkampfsportler, sagt Becker. Täglich eine Stunde seien der Standard. Hinzu komme das Pauken des Regelwerks. Auch nach seiner Berufung zu einem von nur neun deutschen Kampfrichtern auf internationalem Niveau regelt Lothar Becker weiterhin Wettkämpfe auf Landesebene. "Der Kontakt zur Basis ist wichtig. Man kann nicht Kämpfe auf Weltniveau schiedsen und den Kontakt zur Basis verlieren. Ich versuche, jeden Kampf wie einen Meisterschaftskampf zu sehen", sagt er.