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"Keine Angst zu haben, das ist Freiheit"

"Keine Angst zu haben, das ist Freiheit"

WURZEN. (eku) Rechtsextreme Jugendgruppen wie die jungen Nationalen der NPD oder das Aktionsbündnis Eifel sind zwar in unserer Region aktiv, in Größe und Akzeptanz jedoch bedeutungslos. Wie das Leben zum Albtraum werden kann, wenn Rechtsextreme an Macht gewinnen, schildert Dirk Friedrichs. Er erlebte im sächsischen Wurzen, wie sich aus einer kleinen Schlägergruppe eine organisierte rechte Szene entwickelte.

Die Fensterscheiben zerklirren, alle im Raum, gleichzeitig. Dirk und die anderen Diskobesucher zögern keine Sekunde. Waffen müssen her, zur Verteidigung, sofort. Sie zerschlagen ihre Bierflaschen, brechen Beine von den Stühlen ab. Doch die Angreifer, 20 Skinheads, sind bereits verschwunden. Ein älterer Mann liegt vor der Eingangstür am Boden, verletzt durch einen Schlag auf den Kopf. "An diesem Abend hatte ich mal wieder Glück, dass nicht mehr passiert ist", sagt Dirk. "Jedes Mal, wenn sie mich bedroht oder mit dem Auto verfolgt haben, bin ich ungeschoren davon gekommen. Schlimmer war es für die, die auf der Verräter-Liste standen. Die wurden bis nach Hause verfolgt."Wurzen, Anfang der 90er Jahre: Das Leben in der Kleinstadt in der Nähe von Leipzig hat sich seit der Wende massiv verändert, vor allem für die Jugendlichen; vor allem für diejenigen, die sich keine Glatze rasieren, keine Bomberjacke überziehen und nicht in den Chor rechtsextremer Parolen einstimmen wollen."Sobald ein bekanntes Nazi-Gesicht in der Disko auftauchte, bist du einfach wieder gegangen. Denn es war klar: Wenn der hier ist, sind seine Freunde nicht weit. Und dann ist Ärger angesagt", erzählt Dirk Friedrichs, der damals 17 Jahre alt war. Vor allem wer anders aussah, musste mit Schlägen rechnen. "Rote Schuhe und Schlabberpullover" wurden als Signal für eine linke Einstellung verstanden, die mit Gewalt geahndet wurde. Deshalb kleidete sich Dirk unauffällig, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine Garantie für einen ruhigen Abend gab es jedoch nie. "Die Aggressionen waren unkontrolliert, und richteten sich gegen alles, was nicht rechts war: Ausländer, Linksextreme, aber auch normale, bürgerliche Erwachsene und Jugendliche."Skinheads tyrannisieren eine ganze Stadt

Kein Monat verging ohne eine Gewaltmeldung: "Skinheads zünden Asylantenheim an", "Neonazis greifen ein Fernsehteam an", "Sie überfallen ein Zeltlager", "... schießen einem halbblinden Obdachlosen das sehende Auge aus". Straßenschlachten zwischen rechten und linken Jugendlichen gehörten ebenfalls zum Alltag, genau wie die Angst, verprügelt zu werden, in der S-Bahn, vor einer Kneipe, an einer Tankstelle, ganz einfach so, ohne Grund.Nur wenige Monate waren nach dem Fall der Mauer vergangen, bis die ersten Kahlrasierten in Wurzen auftauchten. Es war eine schon zuvor stadtbekannte Schlägertruppe, die sich nun als Skinheads gebärdeten. Am Tag der Wiedervereinigung, 3. Oktober 1990, begriff auch Dirk, dass sich seine Welt gerade veränderte: "Im Jugendclub spielten sie an diesem Tag die Deutsche Nationalhymne. Und alle sangen mit und standen stramm." An den Schulen begann die rechte Clique, Werbung für ihre Sache zu machen: "Vor den Schulhöfen haben sie eine Show abgezogen, sind mit Motorrädern vorgefahren und haben die Musik laut aufgedreht", sagt Dirk. Ein paar Parolen, wie "Ausländer sind Schuld an der Arbeitslosigkeit", gab es auch zu hören, aber mit gezieltem, politisch motiviertem Aktionismus hatte das ganz am Anfang noch nichts zu tun. "Ich glaube, viele fanden es schick, dazu zu gehören", sagt er und gibt zu, auch für einen Moment Lust auf eine radikale Kurzhaarfrisur gehabt zu haben. Doch seine Eltern waren dagegen. "Zum Glück", wie er heute findet.Kurze Zeit später war die Mannschaft auf 100 Skinheads und unzählige Mitläufer angewachsen. In einem Haus richteten sie eine Art Kaserne ein, in der sie ihren Nachwuchs ausbildeten. Von dort aus ging es auf die Straße zum "Kampf". "Die Politik reagierte lange nicht, und auch die Polizei hielt sich oft zurück", sagt Dirk. Wie bei dem Angriff auf die Disko: "Dort kam die Polizei erst zwei Stunden, nachdem wir sie gerufen hatten, mit nur zwei Mann." Warum die Polizei nur zäh reagierte, erklärt sich Dirk damit, dass einer der stadtbekannten Rädelsführer der Sohn eines Polizisten war. Viele Erwachsenen seien damals und auch heute noch schweigend einverstanden gewesen. "Die Rechten sind auch heute nicht verhasst. Im Gegenteil: Die Leute stimmen ihren politischen Ansichten in vielen Punkten zu."Heute, über zehn Jahre später, ist es in Wurzen und vielen anderen ostdeutschen Kleinstädten, die ähnliche Szenarien erlebt haben, etwas ruhiger geworden. Jedoch nicht, weil nationale Strukturen verschwunden wären, sondern im Gegenteil: Die rechte Jugendszene hat sich unter Führung der NPD etabliert, ist Lifestyle geworden. In Wurzen unterhält die Partei, die dort auch im Stadtrat vertreten ist, ein nationales Jugendzentrum, in dem junge Nationalisten geschult werden. Die NPD leistet überall aktiv Sozialarbeit, bietet jungen Menschen Freizeitgestaltung wie Zeltlager und Konzerte und Hilfe bei Hausaufgaben oder Bewerbungen an."Endlich konnte ich so sein wie ich bin"

In Wurzen hat es ein neuer Polizeichef geschafft, die Gewalt etwas mehr in den Griff zu bekommen. Eine Gruppe von jungen Leuten hat 1999 das Netzwerk für Demokratische Kultur NDK gegründet und macht mobil gegen rechts, mit Projekten, Konzerten, Ausstellungen und einer eigenen Zeitung. Sie alle haben sich gegen rechts entschieden, genau wie Dirk. 1994 kehrte er seiner Heimatstadt den Rücken und begann sein Studium in Leipzig. "Endlich konnte ich so sein wie ich bin, aussehen wie ich wollte und egal, in welche Disko ich gegangen bin, ich musste nie wieder darauf achten, ob eine Glatze zur Tür reinkommt. Keine Angst zu haben ­ das ist Freiheit."