KOLUMNE

Eigentlich gibt es ihn ja nicht mehr, den Sommerschlussverkauf. Aber in den Schnäppchengenen ist er fest verankert. Wie sonst ließen sich die Symptome erklären, die meine Familie an einem schönen Frühstücksmorgen Ende Juli urplötzlich befallen: Nervöser Blick in die Werbeprospekte, nervöser Blick auf die Uhr und dann: "Meine T-Shirts sind alle so was von out..." "Also, mein einziges Paar dünne Socken ist spurlos verschwunden - ich bräuchte unbedingt neue!

" "Die ollen Badehosen ziehe ich nicht mehr an, ich hätte gerne mal was Gescheites." Angesichts solch bedenklicher Mangelerscheinungen muss es mir egal sein, ob wir bei 35 Grad im Schatten am Badesee oder bei 40 Grad in der Stadt schwitzen (ich bräuchte, wenn ich recht überlege, auch dringend ein Paar Sandalen!). Und schon flanieren wir entlang überdimensionierter Prozentzeichen und Schaufensteraufschriften. "S A L E, was ist das denn?", fragt mein Sohn. "Das ist der Schlussverkauf, den es nicht mehr, eigentlich aber doch gibt. Und damit das nicht auffällt, heißt er jetzt englisch", erklärt die Tochter. Ihre Fremdsprachenkenntnisse reichen jedoch nicht aus, um zu erklären, was uns spanisch vorkommt: Dünne Socken für Herren gibt es nur mit Surfermotiv. Aktuelle T-Shirts kosten immer noch den regulären Preis. Und pinkfarbene Blumendrucke auf knielangen Badehosen findet mein Sohn nicht gescheit, sondern "einfach dumm". Da kann ich mich froh und glücklich preisen, auf vertrautem deutschen Terrain zu wandeln. Als ich im Schuhgeschäft unter 300 reduzierten Sandalenpaaren nicht gleich das eine mit dem gelben Leuchtsymbol "Übergröße" finde und nach Größe 42 bis 43 frage, sagt die Verkäuferin: "Sie kommen zu spät!" Das hat sie im Februar auch schon gesagt, als ich das erste Mal Ausschau hielt. Na, was soll´s, der Sommer dauert nicht mehr ewig. Gucke ich eben mal bei den Herbst-Schuhmodellen... Super, genau meine Farbe, meine Form. "Gibt´s die auch in 42?" Diesmal antwortet mir eine andere Dame: "Tut mir Leid, Sie kommen zu spät!" Plötzlich habe ich Lust, bei 35 Grad am Badesee zu schwitzen. Und auch bei meiner Familie scheint eine schnäppchengenetische Veränderung eingetreten zu sein, denn alle nicken, als die Tochter ihre Übersetzung von SALE zum Besten gibt: "Schlussverkauf Ade, Lieber Entspannen!" Anke Emmerling In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.